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Curtas Vila do Conde 2009

17. Curtas Vila do Conde – Festival Internacional de Cinema. P 2009.
Vila do Conde, 4. – 12.7.09
Magnus von Horns Kurzfilm Echo

Zwischen windigen Meeren und der Unerklärbarkeit der Welt

Von Dieter Wieczorek Das 20km nördlich von Porto im gleichnamigen Ort beheimatete Festival »Vila do Conde« vereint auf elegante Weise Entspannung und kulturelle Anspannung. Erst gegen elf Uhr morgens eröffnet das Festival mit einigen europäischen Sonderprogrammen, die die gelungensten Kurzfilme verschiedener Nationen der letzten Zeit resümieren. Dann erlaubt eine längere Mittagspause, am Meeresrand zu promenieren, sich zu den verschiedenen in das Festival integrierten Ausstellungsstätten zu begeben oder einfach durch diesen idyllisch am Meeresrand gelegenen Ort zu schweifen.

Das Festivals hat seine Bedeutung in den letzten Jahren immer mehr gefestigt. Davon zeugen sichtbar nicht nur weitere Ausstellungsräume im kürzlich eröffneten Centro de Memoria, sondern auch ein neuer Hauptsitz, ausgestattet mit hervorragender Technik im Theatro Municipal, wo zwei Projektionsräume, ein Ausstellungsraum und ein Videoarchiv bereitstehen. Platzmangelprobleme gehören in dem sich über mehrere Etagen erstreckenden großen Saal der Vergangenheit an. Auch zu späterer Stunde kümmert sich das Festival um seine Gäste, organisiert Konzerte, nächtliche Screenings und Möglichkeit zu Treffen und Austausch, die man sich zuweilen gleich nach den Projektionen gewünscht hätte, in einer nahegelegenen Bar.

Die »Curtas Vila do Conde« ist das Referenzfestival des portugiesischen Kurzfilms und zeigt darüber hinaus ein internationales, überzeugendes Wettbewerbsprogramm. Hier sei besonders erwähnt der aus Peru kommende Film Diario del Fin, der einen wunderbar einfachen und kondensierten Text durch eine im Off gesprochene Frauenstimme ertönen läßt, die ihr Leben zwischen Armut, Verzweiflung und kleinen Glücksmomenten evoziert. Assoziative Bildfahrten und das Erfassen einer nicht immer erträglichen Realität vereinen sich zu einer Ode der Lebensbejahung, und gleichzeitig entfaltet sich die Geschichte einer Wiederkehr zu sich selbst. Juan Alejandro Raminez schafft eine glaubwürdige Version einer wiedererlangten Souveränität selbst angesichts eines sozialen Kontextes, der zu Hoffnung kaum Anlaß gibt. Hier finden wir einen der selten gewordenen Filme, in denen das menschliche Gesicht und die kleinen Gesten des Überlebens ihre Würde zurückerhalten.

Das Programm der Vila do Conde zeigt eine besondere Sensibilität für Grenzzustände zwischen Selbstverlust und Selbstbehautpung. In dem polnischen Film Echo von Magnus von Horn wird ein junger Mörder, nachdem er noch einmal am Tatort seine Mordtat simulieren mußte, mit den Eltern seines Opfers konfrontiert. Der ungeheure Schrei, der aus ihm ausbricht, bleibt in seinem Ursprung letztlich ungeklärt. Die ganze Zweifelhaftigkeit linearer Verursachungstheorien wird hier infrage gestellt, Schuld und Unschuld finden sich nicht mehr klar getrennt. Denn in den Eltern selbst scheint ein Zweifel zu leben, keine Unschuld zu haben an dem, was geschah. Auch in Susanna Wallins Film Marker geht es um einen enigmatischen Schmerz. Die heute in Großbritannien lebende Schwedin folgt der Spurensuche einer jungen Frau hin zum einstigen Lebenskontext eines verlorenen geliebten Menschen. Diese Annäherung kann sich nur indirekt vollziehen durch symbolische Gesten, zwischen Todestrieb und Restitution des Verlorenen.

Neben der Offenheit gegenüber derart komplexen Werken zeigt sich das Festival auch offen für minimalistische Werke, die sich auf ein bloßes Einfangen fremdartiger Lebenssphären beschränkt. Das in Frankreich produzierte Werk Northern Light von Sergei Loznitsa setzt auf die puristische Poesie des schlichten Lebens in der russischen Steppe im hohen Norden, wo robuste Charaktere ihr von allen Außeneinflüssen verschontes Dasein in ruhiger Wiederkehr des Immergleichen fristen. Auch der diesjähriger Preisträger ist ein Film, der sich Zeit nimmt, in einen fragilen Moment eines nach üblichen Maßstäben unbedeutsamen Lebens einzutauchen. In Tsai Ming-Liangs Madame Butterfly hat eine von ihrem Geliebten verlassene und aufgrund dessen unbezahlter Rechnungen unter akutem Geldmangel leidende Frau alle Schwierigkeiten, in ihren Heimatort zurückkehren. Die Kamera läßt sich alle Zeit, ihre unsicheren, vagabundierenden Gesten einzufangen. Ihre Lebensspur scheint aus der Bahn geraten. Der in Erinnerung bleibende Moment dieses Films aber ist sein Ende, wo die fünfzigjährige, nicht mehr attraktive Frau noch einmal im verlassenen Bett nach den Spuren ihres Partners sucht und ihn durch Imagination zurückzubringen sucht. Selten ist der Moment der Verlassenheit derart undramatisch und feinfühlig nachgezeichnet worden.

Die Linie unstabiler physischer Zustände setzt sich auch im nationalen Wettbewerb fort. Tiago Sousas Film El Justiciero folgt einem Mann, der trotz aller Zärtlichkeit für seinen Sohn seiner Vaterrolle nicht gerecht werden kann und flieht. Erklärungsmuster werden auch hier nicht geboten. Cancao de Amor e saude von Joao Nicolaus folgt den hilflosen und melancholischen Annäherungsversuchen eines Schlüsselmachers an eine lebensfrohe Studentin, die schließlich – vielleicht gerührt von seiner selbstzweiflerischen Aufrichtigkeit – erhört werden. Kurzfilme bieten mehr als andere Medien die Chance einer Erfassung fremdartiger Mentalitäten, und diese Faszination an einer melancholiegetränkten Leere, diese unausgesetzte Selbstsuche und dieser heilsame Bund mit der letztlichen Unerklärbarkeit der Welt sind offensichtliche Charakteristika des portugiesischen Lebens. Nicolaus’ Film überzeugte die international besetzte Jury, ihm ihren Hauptpreis für den portugiesischen Film zu vergeben.

In einer Ausstellungen und einem Workshop bot sich die Chance, dem heute in Frankreich lebenden libanesischen Paar Joana Hadjithomas und Khalil Joreige zu begegnen. Der konzeptuelle Schwerpunkt der zwischen Spielfilm, Videokunst, Installationen und Dokumentarfilm arbeitenden Künstler ist die immer wiederkehrende Frage nach dem Anderssein des Nächsten und nach dem Verlorenen, Verdrängten, Unrepräsentierbaren und Entfliehenden, kurz: die Konfrontation mit der Unerfaßbarkeit der Welt. Angesichts einer komplizierten Schwangerschaft ist Joana monatelang ans Bett gefesselt und wird nur von ihrem Partner mit Bildern aus der konkreten Außenwelt versorgt, eine Situation, die sie zu Reflexionen über Ferne und Distanz veranlaßt (Don't Walk, 2000). In ihrer 2003 entstandenen dokumentarischen Arbeit The Lost Film wird ihr im Jemen verschollener Film zum Anlaß einer Reflexion über die Grenzen der Repräsentation, über die Rolle des Filmemachers und die Nichtsubstituierbarkeit des Partikularen. In ihrem fiktionalen Film Ramad ist es der eingeäscherte Körper des Vaters, der von seinem Sohn aus dem Ausland herbeigeschafft wird, der für die libanesische Beerdingszeremonien substituiert werden muß durch einen scheinbar noch real bestehenden Körper. Die Abwesenheit des Körpers wird selbst im zweiten Grad unsichtbar gemacht. In A Perfect Day mündet die nächtliche Odyssee eines durch permanente Schlaflosigkeit mit Wahrnehmungslücken geplagten, fiebrig umherirrenden Mannes in einer katastrophischen Autofahrt. Nach der vergeblichen Wiederannäherung an seine ehemalige Geliebte verliert der grenzgängerische Mann endgültig seine Konturen, als er sich ihre Kontaktlinsen einsetzt, um ihren Blick noch einmal zu rekonstruieren, auch angesichts des zu zahlenden Preises, seine Wahrnehmung endgültig zu verlieren.

Hadjithomas und Joreiges Recherchen kreisen um die fragwürdige mediale Überrepräsentation selektierter Bilder, die im scharfen Kontrast zu kompletten Leerstellen der Repräsentation stehen. Gegen die Mechanismen einer manipulativen Rekonstruktion des Realen fragen sie nach den 17.000 im Libanon verschwundenen Körpern und nach dem mittlerweile verschwundenen Folterkamp Khiam, zu dem nie eine Kamera gelang. Überlebende Zeugen berichten frontal in die Kamera sprechend. Ihre Stimme und Gesichtausdruck allein werden zu wirkenden Kräften im Dienst der imaginativen Evokation des Nichtpräsentierbaren. Khiam 2000-2007 ist vielleicht die eindringlichste Arbeit Hadjithomas’ und Joreiges, da die Überlebenden hier aus ihrer reinen Opferrolle ausbrechen und zu Protagonisten der unglaublichen Kraft der Imagination werden, die es ihnen erlaubte, noch in den barbarischsten Umständen, jenseits eines absehbaren Endes ihres Leidens, zu erfinderischen Formen der Kommunikation und der materiellen Kreativität fähig zu sein. Sie schufen aus Nichts kleine Objekte, die sie oft als Geschenke nutzten. Ihre Einbildungskraft und die Kunst, sich nicht zu erinnern, wurden zur einzig möglichen Basis des Überlebens. Selbst Jahre nach ihrer Tortur kehren sie, wie später aufgezeichnete Gespräche bezeugen, in ihre Kerker zurück. Das Trauma bleibt präsent, doch gebrochen und transformiert durch die gleichzeitig erlebte starke Solidarität zwischen den Gefangenen.

Die Curtas Vila do Conde hatten noch eine weitere konzeptuelle Idee zu bieten. In einem Fokusprogramm »Back to the Future« wurden populäre und wissenschaftliche Filme, Werbespots und Science Fiction der letzten Jahrzehnte zusammengefaßt, um den einstigen, nun historisch geworfenen Blick auf die Zukunft und ihre Verheißungen zu thematisieren. Viele Beiträge verblüfften durch ihre naive, von keinerlei Zweifel angehauchte Vision einer perfekten Konsumkultur zentriert um statische Kleinfamilien. Andere Beiträge wie Alexander Grasshoffs Film The Future Shock (1972) verblüfften noch mehr durch ihre hellsichtige Analyse und Antizipation des aufkommenden Unbehagens angesichts einer Kultur, in der es keine Referenzen, Verbindlichkeiten und Beständigkeiten mehr gibt, selbst nicht in Form privater Rückzugsorte oder Erinnerungsstätten, eine Kultur, die erst jetzt ihre ganze Virulenz entfaltet und sich noch in eine virtuelle Zone dupliziert. 2009-07-21 16:38
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