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Internationales Filmfest Emden-Norderney 2009

20. Internationales Filmfest Emden-Norderney. D 2009. L: Rolf Eckard, Silke Santjer.
Emden, 10. – 17.6.09

An der Nordseeküste

Von Carsten Happe Nicht ohne Stolz darf das Internationale Filmfestival Emden-Norderney in diesem Jahr auf seine 20jährige Geschichte zurückblicken, die das Festival im äußersten Nordwesten Deutschlands in die Riege der zehn besucherstärksten des Landes katapultierte. Konsequent verfolgt das Festival sein Ziel, dem Emder Publikum das aktuelle Filmschaffen nordwesteuropäischer Länder zu präsentieren, mit einem traditionellen Fokus auf britische Produktionen, aber auch die Benelux-Staaten und Frankreich sind in den diversen Wettbewerbssektionen stark vertreten. Die neu geschlossene Partnerschaft mit dem größten norwegischen Festival in Haugesund ermöglichte die Ausweitung des Programms um drei Filme aus norwegischer Produktion, die allesamt zu den Highlights in Emden gehörten. Insbesondere das intensive Schuld-und-Sühne-Drama Troubled Water von Erik Poppe, das den nach Bernhard Wicki benannten Hauptpreis des Festivals erhielt, überzeugte durch seine ausgeklügelte Dramaturgie und exzellente Schauspielleistungen der drei Hauptdarsteller Pål Sverre Valheim Hagen, Ellen Dorrit Petersen und Trine Dyrholm. Auch die lakonische Offroad-Komödie North von Rune Denstad Langlo, die bereits die diesjährige Panorama-Sektion der Berlinale eröffnete, entpuppte sich als Juwel seines Genres. Mit knochentrockenem Humor folgt der blendend fotographierte Film seinem Helden über die unendlichen Schneefelder jenseits des Polarkreises auf der Suche nach seinem Sohn, immer wieder entschleunigt durch bizarre Begegnungen mit skurrilen Typen und denkwürdige Alkoholexperimente, die – Achtung: Unwort – Kultpotential bieten.

Auch die britische Reihe konnte in diesem Jahr einige herausragende Beiträge vorweisen, von denen bemerkenswerterweise Steve McQueens bereits im vergangenen Jahr in Cannes gewürdigtes verstörendes Kunstwerk Hunger auf die meiste Gegenliebe des Emder Publikums stieß, die in einem dritten Rang beim Zuschauervoting um den Bernhard-Wicki-Preis resultierte. Michael Winterbottom schickte mit Genova einen dramaturgisch weitaus offeneren Beitrag ins Rennen, der jedoch nicht minder zu gefallen wußte. Colin Firth spielt hier einen frisch verwitweten Collegeprofessor, der gemeinsam mit seinen beiden Töchtern in Genua einen Neuanfang wagt. Wenig äußere Handlung hält den Film in dieser Eingewöhnungsphase in der morbiden Stadt zusammen, aber die sorgfältige Entwicklung der Charaktere und eine unergründbare Melancholie, die über den Bildern liegt, machen Genova zu einem Höhepunkt in Winterbottoms beeindruckendem Œuvre. Ungleich leichter, wenn auch nicht weniger abgründig, blickte Armando Iannuccis bitterböse Politsatire In the Loop hinter die Kulissen der Weltpolitik. Basierend auf seiner BBC-Comedyserie The Thick of It lieferte der Debütregisseur mit seiner starbesetzten Farce (u.a. James Gandolfini, Peter Capaldi, Steve Coogan, Anna My Girl Chlumsky) um hoffnungslos inkompetente Minister und die wahren Strippenzieher im Hintergrund eine ätzende Komödie ab, deren Hochgeschwindigkeitsdialogwitz unübersetzbar scheint.

Aus der Reihe französischer Produktionen ragte neben dem präzisen Ausbruchsthriller Pour Elle – Anything for Her vor allem Sylvie Verheides verspielte Kindheitserinnerung Stella hervor, die einen charmant subjektiven Blick auf die Pubertätsabenteuer ihrer Titelheldin warf, erfrischend unkonventionell und liebevoll frech. Der beste Beitrag in einem an Glanzlichten reichen Festival, dessen positiver Gesamteindruck auch der völlig verunglückte Debütfilm Summertime Blues von Uschi Reichs Tochter Marie nicht trüben konnte, kam durchaus überraschend aus der deutschen Reihe: Ganz nah bei Dir von Almut Getto bestach durch perfekt getimte, aufs Wesentliche reduzierte Dialoge, deren Witz von der ersten bis zur letzten Minute zündete, eine herzergreifend schrullige Boy-Meets-Girl-Geschichte und zwei famose Hauptdarsteller (Bastian Trost und Katharina Schüttler), die den Film zu einem einzigen Vergnügen machten. Bleibt zu hoffen, daß der ihr zugesprochene Projektentwicklungs-Preis »Ein Schreibtisch am Meer« Almut Getto zu weiteren solchen Kleinoden inspiriert.
2009-06-30 15:08
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