— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Internationales Kurzfilmfestival Hamburg 2009

25. Internationales KurzFilmFestival Hamburg. D 2009. L: Jürgen Kittel, Jens Kiefer.
Hamburg, 2. – 8.6.09

Hörfilme

Von Oliver Baumgarten Das Internationale Kurzfilmfestival Hamburg hat seit jeher eine konzeptionell nach allen Seiten hin offene Programmstruktur, worin einer der Hauptunterschiede zum Konzept z.B. von Oberhausen zu finden ist. In Hamburg stehen nicht selten Experimentalfilm und Mainstreamunterhaltung direkt nebeneinander oder lediglich durch den Rahmen einzelner Programmteile voneinander getrennt. Die dergestalt präsentierte Vielfalt treibt manchesmal erstaunliche Blüten. So liefen in den Programmen beispielsweise zwei Filme aus komplett unterschiedlichem Kontext, die sich beide unabhängig voneinander gestalterisch mit derselben Idee beschäftigen: der Bildverweigerung nämlich. Aufgrund der differierenden künstlerischen Herkunft ihrer Macher fallen die Lösungsansätze so unterschiedlich aus, daß man nicht meinen mag, beide liefen auf demselben Festival.

Da ist zum einen Bjørn Melhus, ein weithin geschätzter Videokünstler, der sich in seinen Arbeiten immer wieder auf die Spielfilmkultur der USA bezieht. Sein knapp vierminütiges neues Werk Murphy besteht auf der visuellen Ebene aus monochromen Flächen, die in Stroboskopeffekt auf der Leinwand flackern. Der Rhythmus dieses Flackerns ist vorgegeben durch die auditive Ebene. Der Ton nämlich besteht aus lautem, hektischem Maschinengewehrfeuer und Hubschrauberflügen, entlehnt offensichtlich aus einem Vietnamkriegsfilm. Durch seine Bildverweigerung zwingt Melhus den gestreßten Betrachter, eine vierminütige Extremsituation audiovisueller Wahrnehmung zu durchstehen und findet mit diesem extrem laut vertonten Stroboskopbeschuß einen konkret-emotionalen kritischen Kommentar zur Darstellbarkeit des Krieges.

Und zum anderen war da in der Reihe »Flotter Dreier« der Hamburger Filmemacher Micha Beuting. Sein Mission Collateral nimmt einen ganz ähnlichen Gestaltungsansatz zur Grundlage, führt ihn aber zu einem komplett anderen Ziel: zu einer Pointe nämlich. Der Zweiminüter beginnt mit einer schwarzen Leinwand und der bei Dreharbeiten üblichen Dialogformel »Kamera?« »Kamera läuft!« usw. Nach dem »Action!« bleibt die Leinwand schwarz, dafür bricht auf der Tonebene der Hollywoodsound einer budgetschweren Materialschlacht los mit Panzern, Flugzeugen und Maschinengewehrfeuer. Der Film endet mit dem »Aus!« des Regisseurs und einem plötzlich erscheinenden Bild: von Pyrotechnikern formschön zerstörtes Kriegsmaterial. Die Pointe: Der Kameramann hat’s verbockt. Ein Ansatz, zwei Umsetzungen – so virtuos ist Kino. 2009-06-26 16:28

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #55.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap