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Vienna Independent Shorts 2009

6th International Shortfilm Festival. A 2009.
Wien, 14. – 20.5.09

Ein Paradiesvogel in Wien

Von Martin Thomson Irgendwann, wenn die an sich gesichts- und körperlosen Erscheinungen beginnen, einen Körper und ein Gesicht zu bekommen, lassen sie sich besser bewerten. Ganz unmerklich habe ich begonnen, mir viele Dinge im Leben als menschliche Erscheinungsformen zu imaginieren. Bei Filmen etwa reicht die Palette von zierlich, klein, jung und lieblich bis zu eingefallen, faltig, groß und ernst dreinschauend. Manche Filme können einem gehörig auf die Nerven gehen, hat man sie erst einmal zu Hause. Andere wiederum möchte man am liebsten immer wieder zu Kaffee und Kuchen einladen. Mit Filmen hat man Affären, man führt Liebesbeziehungen mit ihnen, baut Freundschaften mit ihnen auf, verläßt sie wieder, oder sie verlassen einen. Manchmal verliebt man sich in Filme, verbringt Tage und Wochen mit ihnen, manchmal haßt man sie und wird nicht müde zu betonen, wie schrecklich man sie findet. Bestimmte Filme teilt man mit seinen Freunden, mit anderen wiederum will man lieber die meiste Zeit allein sein.

Ich persönlich habe mich immer eher an Rosa von Praunheim orientiert, der mal gesagt hat, es wäre besser, eine kleine Anzahl von Filmen immer wieder zu schauen, als sein Sichtungsrepertoire kontinuierlich aufzustocken. Privat kann man mit Filmen also ganz monogam verfahren, ihnen jahrelang treu bleiben. Mit Filmfestivals ist das selbstredend etwas vollkommen anderes. Für mehrere Tage ist man da Teilnehmer einer Orgie mit schnell wechselnden Partnern. Ein Tummelplatz für Polygame. Da geht der Partnertausch so schnell vonstatten, daß man mit der Verarbeitung des zuvor Gesehenen nicht mehr mithalten kann. Im schnellen Wechsel schmilzt jeder einzeln gesehene Film zu einem großen Körper zusammen. Am Ende werden dann Preise vergeben, um nicht so zu tun, als hätte nicht dieser oder jener bessere Betörungsarbeit geleistet.

Im Anschluß gibt es meist noch eine Party, auf der man dann plötzlich feststellt, sich wieder unter leibhaftigen Menschen zu befinden. Daheim angelangt, sehnt man sich dann aber nur noch wie ein Säugling nach Kuscheleinheiten mit DVDs, die bereits Verschleißerscheinungen aufweisen oder man geht nach ein paar Tagen des Pausierens wieder unter Menschen, beziehungsweise unter Filmen, was dann soviel heißt, daß man sich wieder in diesem dunklen Saal, genannt Kino, einfindet.

Was für ein Gesicht hat das Vienna Independent Short Film Festival (VIS)? Zu erst einmal schaut es sehr jung und unverbraucht aus. Im graumüden Wien, das heißt im Schatten sowohl der alten und prunkvollen als auch der gänzlich farblosen Gebäude, die einem wegen ihrer Größe das Gefühl vermitteln, man befände sich wegen der mangelnden Sonneneinstrahlung in den Straßen und angesichts der geringen Anzahl der sie begehenden Passanten immer kurz davor, blaß und einsam das Zeitliche zu segnen (nicht umsonst war Wien seit jeher ein Wallfahrtsort für misanthropische Künstler), erscheint einem das VIS wie ein bunter, extrovertierter Paradiesvogel. Für jemanden, der an und für sich das dichte Gedränge in den Straßen von Köln mit seinen bonbonbunten Häuserfassaden gewöhnt war (deswegen ist Köln vielleicht auch eher Wallfahrtsort für schnieke Designer und American-Apparel-tragende Typen, die irgendwo auflegen), wird einem hier die seltene Möglichkeit verschafft, inmitten von Biedermeier-Depression so etwas wie bunter Jugendkultur fröhnen zu dürfen.

Andererseits ist diese Seltenheit von buntverpacktem Frohsinn auch umso schöner, als daß sich in Wien Leichtigkeit erst wahrhaftig anfühlt. Man wird eben nicht dauerhaft und solange mit ihr bedröhnt, bis sie jeden Reiz verliert. Leichtigkeit macht eben doch nur wirklich Spaß, wenn man die meiste Zeit über schwermütig gelaunt ist. Das VIS ist für den melancholischen Wienbewohner inzwischen eine Institution. Ein seltener Regenbogen in einer trockenen Wüste: Mit seiner verspielten Auswahl an Kurzfilmen, seinen ausgeflippt gestalteten Plakaten und seinen freundlichen Mitarbeitern im unschuldigen Studentenalter versprüht das Festival einen unvergleichlich jungen Charme.

Das Genießen cineastischer Polygamie wird hier selbst einem cineastischen Monogamisten leicht gemacht. Das VIS macht einfach Spaß. Was nicht heißt, daß man sich unwohl fühlt, wenn man zur Gruppe gehört, die Peter Licht einmal sehr treffend als »Freunde des leidenden Lebens« bezeichnet und besungen hat; denn glücklicherweise wird hier mittels wohlportionierter ernster Kurzfilme dem von zahlreichen Opportunisten gelebten Zeitgeist, nach dem nur der gut ankommt, der die »Gute-Laune-Nummer« abzieht, Widerstand im eigenen Haus zugestanden. Das nenne ich dann mal gelebte Demokratie.

Das VIS beginnt mit einer humoristischen Abkühlung. Immerhin ist es Frühling. Der Moderator wirft kleine Portionen Konfetti auf die Bühne, zieht zwischendurch Masken auf und macht sich über die am selben Tag vor dem österreichischen Parlament protestierenden Rechtsradikalen lustig. Im Publikum haut sich glücklicherweise keiner auf die Schenkel. Es wird nur geschmunzelt. Ich freue mich über das zögerlich geöffnete Publikum. Im Festivaltrailer springt einer bei Heimatmusik in Gewässer. Nicht kopfüber, sondern schnurgerade mit zugehaltener Nase. Das Logo erscheint. Es stimmt also doch: Wien. Das ist immer nur angedeutete Leichtigkeit. Im Grunde wird einem hier immer nur das Angebot gemacht, sich fallen zu lassen. Wenn man nicht will, darf man trotzdem bleiben.

Die Filme bei der Eröffnungsgala lassen sich fast als exemplarisch für diese Haltung ansehen. Der Mozart der Taschendiebe von Phillippe Pollet-Villard bietet trockenen Humor im Aussteiger-Millieu, während Lies von Jonas Odell, ein Animationsfilm über das von Lügen verpfuschte Leben dreier Menschen, mit seinem brillanten Einsatz von Rotoskopie-, Stop-Motion- und CGI-Technik ästhetisch in Staunen versetzt und inhaltlich bedrückt. Da will ich es auch verzeihen, daß mit dem Beitrag Polar ein Film ins Programm genommen wurde, der als Negativ-Sinnbild für einen großen Teil der in Deutschland produzierten Filme zu sehen ist: hölzerne Dialoge, behauptete Konflikte und bedeutungsschwangere Einstellungen, hinter denen die totale Leere klafft. Polar ist scheinschwanger. Bei so viel Manierismus werde ich wütend, muß laut aufseufzen und imaginiere mir zwischenzeitlich den Moderator zurück, der mir kleine Konfetti-Portionen in die Augen streut, damit ich nicht sehen muß, welch unsägliches Ende das Ganze nimmt. Dann höre ich es Muhen und schaue wieder hin: Auf der Leinwand trägt ein Hubschrauber eine Kuh davon. Lenin läßt grüßen. »Goodbye deutscher Film«, sage ich mir und will zurück nach Hause, wo die DVDs mit den Verschleißerscheinungen warten.

Auch wenn meine Verbitterung über den deutschen Film von den meisten nicht vollständig emotional nachvollzogen wird, Johann Lurf holt mich glücklicherweise mit einem Knall, genauer gesagt mit 12 lautstark hochgehenden Feuerwerkskörpern zurück ins Leben. Die hat der Regisseur im nächtlich-schlafenden Wien an 12 unterschiedlichen Orten hochgehen lassen. Mit jeder Explosion wechselt die Kameraperspektive. Vereinzelt gehen auf den Krach hin Lichter an, oder es passiert überhaupt nichts. Eine amüsante kleine Widerstandsaktion gegen die Wiener Lethargie und eine willkommene Methode, um filmerschöpfte Festivalbesucher in ihren Kinosesseln hochschrecken zu lassen.

In den folgenden Beiträgen ist zum Glück keine Spur mehr von aufgesetzten Vater-Sohn-Konflikten zu erspähen: Radu Jude, der Publikumspreisträger des Vorjahres legt mit Alexandra ein brillantes, neorealistisch angehauchtes Lehrstück über die Komplikationen innerhalb einer osteuropäischen Patchworkfamilie vor, Cecilia Lundqvist hinterfragt mit ihrem »Sound Footage«-Beitrag Oh, I'm So Happy auf gekonnte Weise die Fassade eines Hausfrauenschicksals, in Polichinelle gewährt einem David Braun einen unkonventionellen Einblick in junges Elternglück, und mit dem letzten Beitrag des ersten Wettbewerbblocks, The Herd, erweist die Französin Kathy Sebbah Gus Van Sant würdige Reminiszenz.

Da stellt ein Haufen Grunge-Teenies fest, daß ihr männliches Idealbild von der bezwingbaren Natur ziemlicher Nonsens ist, wenn es einem noch nicht mal gelingt ein kulleräugig dreinschauendes Reh zu erschießen. Into the Wild und Last Days lassen grüßen. Natur entspricht eben doch nicht dem Bild vom Adventure-Urlaub inklusive Selbstfindung. Die Natur ist zu gewalttätig, um von jenen ertragen zu werden, die sie mit dem VW-Bus aufsuchen.

Aus irgendeinem Grund genieße ich den zweiten Block des Internationalen Wettbewerbs am meisten. In den letzten Wochen habe ich viel über Animationsfilme gelesen und fand den Gedanken spannend, daß ein Regisseur in diesem Metier so konsequent vom Gedanken abrücken darf, daß seine Kreationen etwas anderes sind als eine zwangsläufige Abstraktion der nichtfilmischen Realität. Ein anderer am Vorabend auf dem Festival gesichteter Film hatte mich zudem so schwer begeistert, daß ich gar nicht mehr aus dem Staunen herauskam. Später, auf YouTube, mußte ich mir Muto von der Künstlergruppe Blu bestimmt noch ein dutzendmal anschauen. Da hat ein Haufen kreativer Sisyphos-Arbeiter keine Mühen gescheut, einen Zeichentrickfilm auf öffentlichen Mauern in Buenos Aires ablaufen zu lassen.

Es bleibt jedoch nicht nur bei diesem brillanten Einfall und bei der Bewunderung gegenüber diesem zweifelsfrei gigantischen Aufwand: Überdies verschaffen einem die Körper und Körperteile, die da über die Häuserwände wandeln und krabbeln auch noch eine hochspannende und zugleich aberwitzige Auseinandersetzung über physische Zersetzung und Neuentstehung; auf produktionstechnischer Ebene für den Zuschauer unsichtbar zergliedert und mittels Stop-Motion zu sichtbar gewordener Bewegung zusammengesetzt. Körper-, Zeit- und Raum-Diskurse im Streetart-Millieu.

Ebenfalls überrascht bin ich von Germania Wurst, in dem Volker Schlecht eine Wurst als metaphorischen Zeitstrahl für 2000 Jahre deutsche Geschichte hernimmt. Es gibt keine ausgestellten Brüche in der Montage; die geschichtlichen Ereignisse fließen wie aus einem Strich, der immer wieder aus den abgeschnittenen Stücken einer Wurst hervorgeht und sich auf seiner wahnwitzige Reise tänzelnd verformt und multipliziert. Ein fulminanter Historientrip.

Aber auch die anderen Animationsfilme überzeugen: Der Conny ihr Pony, ein Collagefilm über den schwerfälligen Transport eines Ponys in einem Linienbus spart nicht mit aberwitzig-sarkastischen Bemerkungen über Rentner und bestätigt meine lang gehegte Annahme, daß Absurdität, von der einfach vorausgesetzt wird, daß sie einen Sinn ergibt, obgleich sie das nicht mal zwangsläufig tun muß, einfach amüsanter ist.

Im Animationsfilmrausch schaue ich mir auch sogleich das Folgeprogramm bis zu seinem späten Ende an. In Haie und Bienen. Propaganda und Subversion im Animationsfilms des 2. Weltkriegs fühle ich mich wie in einer entspannteren Lehrveranstaltung auf der Uni. Im Gegensatz zu Professoren, die einen mit zehn spannenden Gedanken in der Minute bombardieren und einem Gehirn, das noch notdürftig am Kaffeekatheter hängt, wird hier allerdings in angenehm kleinen Portionen Wissen vermittelt, und es darf auch noch Bier getrunken werden. Schön, wenn Unterricht so viel Spaß machen darf.

Der Saal ist bereits weitgehend geleert, als im nächsten Block die Animationsfilme von der Kunstakademie CalArts in Hollywood gezeigt werden. Toy Story-Schöpfer John Lassetter, Spongebob-Erfinder Stephen Hillenburg oder auch Tim Burton diplomierten an der renommierten Kunsthochschule; neben quietschbunten Lassetter-Kurzfilmen aus den frühen 1980er Jahren überzeugen teils psychedelische, teils ernsthafte Literaturadaptionen.

Abwechslungsreich geht es dann weiter mit einem Experimentalfilm-Abend. Seit jeher eine Spielfläche für Dekonstruktivisten, welche die Eigenheiten des Mediums nutzen, um die Erzählkonventionen zu hinterfragen, die aus ihm hervorgegangen sind. Zwischendurch gibt es dann noch eine amüsante Live-Performance von Telemach Wiesinger und Andreas Gogol. Angelehnt an die 3-Minuten-Rollen, welche die Gebrüder Lumière in den Entstehungstagen des Films heranzogen, werden hier tonlose Einzeleinstellungen gezeigt und mit einer live eingespielten Soundcollage unterlegt. Daß ich erschöpft bin, bemerke ich daran, daß mich der Anblick von Wiesinger, wie er bei einer Panorama-Aufnahme vor die Leinwand tritt, um mit seinem Alter ego die Landschaft zu bestaunen, nicht mal mehr verwundert. Ich bin mir im Nachhinein allerdings nicht mehr sicher, ob ich mir das vielleicht nicht nur eingebildet habe.

Am letzten Festivaltag werde ich dann auch wieder mit dem deutschen Film versöhnt. Im Dokumentarfilm Dolce Vita porträtiert Michael Schwarz einen ostdeutschen Swingerclub; ohne jedoch den Fehler zu begehen, explizit zu zeigen, was dort vorsichgeht. Im Off sind die verbalisierten Beobachtungen des Ehepaares zu hören, das den Club leitet; zu sehen lediglich seine menschenleeren Räume, ausgestattet mit verkitschtem Gerümpel. Plötzlich befindet man sich weit weg von den Vorstellungen, mit denen Michel Houellebecq jene Einrichtungen als Babel für eine moderne Auffassung von Sexualität entworfen hatte, die mit einer Verobjektivierung von Sexualität einhergeht. Schwarz gelingt es zu zeigen, daß hinter der befremdlichen Oberfläche vielleicht doch nur die üblichen Träume vom kleinen Glück verborgen liegen. Sex ist vielleicht auch nur ein Ausdrucksmittel, um diese Hoffnung auf anderem Wege umzusetzen als mit irrsinnigen Animationsfilmen, die man sich so während eines Festivals zu Gemüte führt.

Wann darf einem das Kino noch das Gefühl vermitteln, daß das Leben ja doch gar nicht so schlimm ist wie es einem die meiste Zeit in Wirklichkeit vorkommt? Hat die romantisierende Popkultur schon überall ihre Pergamentfolie drübergelegt, so daß es schwer wird zu unterscheiden: Ist dieser erhabene Moment vielleicht nur erhaben, weil in meinem Kopf zwangsläufig eine Montagesequenz anspringt, sobald ich glücklich bin? Oder weil ein passendes Musikstück, das im Hintergrund während eines bestimmten Gespräches läuft, den Eindruck erweckt, daß es das Schicksal und nicht der DJ ausgewählt hat? Wann fängt überhaupt noch etwas an schön zu sein, wenn sich vermeintliche Romantik so oft vor unseren Augen abspielt, daß sie unglaubwürdig zu werden beginnt?

Als vor knapp acht Jahren Die fabelhafte Welt der Amelie mit seiner kunterbunten und optimistischen Weltsicht für Furore sorgte, war die Fließbandproduktion von Zuckerbäcker-Filmchen noch in weiter Ferne. Inzwischen wird man damit zugekleistert und dadurch fast zwangsläufig skeptisch. Vielleicht entspricht meine Sichtweise aber auch einem Prinzip menschlicher Wahrnehmung, das Boris Groys einmal mit dem Begriff der Ausnahme beschrieben hat; demnach glauben wir erst die Wahrheit, sozusagen das Innere einer Sache zu erkennen, wenn etwas zum Vorschein tritt, das wir zuvor nicht sehen konnten. Wenn ein verschlossener Mensch etwa plötzlich zu weinen beginnt oder ein Krieg losbricht und harmlose Väter zu Barbaren werden; in Ausnahmesituationen glauben wir dann immer, die wahre Natur des Menschen zu erkennen, obgleich diese Auffassung von »Wahrheit« angesichts der Tatsache, daß jeden Tag hinter verschlossenen Türen geschluchzt und in irgendwelchen Teilen der Erde Kriege geführt werden, nur bedingt haltbar ist.

Manon on the Asphalt ist wieder so ein Film, der mich mit solcherlei Fragen konfrontiert. Da geht eine mit dem Fahrrad Verunglückte die wohligen Erinnerungen ihres anscheinend durch und durch harmonischen Lebens durch: Begegnet noch mal ihren liebenswerten Freunden, ihrem liebenswerten Partner, ihrer liebenswerten Mutter, alle lächelnd, alle glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Angesichts dieser schön ausgeleuchteten Freudenwelt schreibe ich einen verbitterten Kommentar in mein Notizbuch. Als ich den später anderen Zuschauern vorlese, ernte ich entsetzte Blicke und werde endgültig als unsensibler Spielverderber gestempelt, der jede versöhnliche Weltsicht von der Erdoberfläche zu tilgen beabsichtigt; was allerdings nicht der Fall ist, bekenne ich mich doch in einem dutzend anderer Fälle zum Pathos und werde nicht müde zu betonen, daß das wirkliche Leben voll davon ist.

Vielleicht liegt mir nur daran, Abgrenzung zu betreiben, um zu vermeiden, daß das Prädikat »schön« nicht zum Sammelbecken für jeden Film wird, der sich anschickt, die existentiellen Fragen des Lebens mit hübschen Kalenderspruchweisheiten auszuloten. Vielleicht ist aber auch eine Welt, wie sie hier Elizabeth Marre und Olivier Pont entwerfen, im Bereich des Möglichen. Allerdings frage ich mich da wieder, auf wessen Kosten sie geht und wie erstrebenswert ein Zustand ist, in dem man jedem Zweifel erhaben ist? Ein Alptraum-Szenarium, wenn ich mein Leben mit der Erinnerung an einen Haufen dauergrinsender Franzosen in Designerklamotten beschließen müßte, die sich zwischen Ikea-Möbeln belanglose Witzchen erzählen. Da ist mir der Ausnahme-Gedanke doch lieber. Wie schon zu Beginn geschrieben: Leichtigkeit macht eben doch nur wirklich Spaß, wenn man die meiste Zeit über schwermütig gelaunt ist. Zumindest mir.

Viele scheinen diese Ansicht nicht zu teilen: Manon on the Asphalt erhält den Hubert-Silecki-Publikumspreis. Kein Grund zur Verzweifelung, denn mit den anderen Preisträgern zeige ich mich weitgehend einverstanden. Der Connie ihr Pony erhält den »Airbed Movie Award«, also die Auszeichnung für den besten Film, der im Liegekino genossen werden konnte, Sasha Pirker heimst den Publikumspreis der Zeitschrift »Ray« ein; eine unaufdringliche Begehung des legendären Schindler House in Los Angeles, die mich auch sogleich wieder mit der schwer nachvollziehbaren Publikumsentscheidung bezüglich Manon on the Asphalt versöhnt. Und auch wenn ich angesichts solcher Animationsfilm-Kunstwerke wie Muto mit der Prämierung des Musikvideos der Laokoongruppe für ihren Song »Walzerkönig« etwas irritiert bin; Klebezettel, auf denen animierte Musiker lippensynchron ihren Songtext vorsingen und damit zur leinwandtauglichen Tagträumerei einladen, können zwar nicht mit den wandlungsfähigen Körpern an Häuserwänden mithalten, sind aber auch nicht zu verachten.

Die drei von einer fünfköpfigen Jury ausgewählten Hauptpreise erhalten letztlich eher ernste Filme: In Josh von Govinda van Malle weiß sein frustrierter Titelheld mit sich, seinem faden Job, seiner korpulenten Freundin und seinen biertrinkenden Freunden nur noch wenig anzufangen und träumt den Traum vom großen Eskapismus. Beim Träumen bleibt es aber auch. In Told you so, dem zweiten Beitrag von Cecilia Lundquvist neben Oh I'm so Happy, rechnet die Regisseurin unter Einsatz der gleichen »Sound Footage«-Technik mit modernen Beziehungsbildern und der ihnen anhaftenden Verteilung von Geschlechterrollen ab. Dann wird auch schon der Hauptpreis vergeben. Nämlich an die britische Produktion 14 von Asitha Ameresekere. Ein Film, der ganz aus den Subjektiven seiner verschiedenen Figuren heraus Gewalt und Mißbrauch lediglich anhand von Blicken thematisiert.

Ich beschließe das VIS schließlich mit einer gänzlich nichtfilmischen Erfahrung: einer gelungenen Abschlußparty auf dem ortsansässigen Badeschiff unter leibhaftigen Menschen. Den DVDs mit den Verschleißerscheinungen darf eine Pause gegönnt werden. Irgendwann wird es hell: Schwermütiges Wien, du hast mich wieder!
2009-05-26 14:27
© 2012, Schnitt Online

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