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Internationales Frauenfilmfestival 2009

Internationales Frauenfilmfestival Dortmund|Köln. D 2009. L: Silke J. Räbiger, Christina Essenberger.
Dortmund/Köln, 21. – 26.4.09

Verlorene Paradiese

Von Marieke Steinhoff Eröffnungsabende von Festivals sind eine merkwürdige Sache. Für einen Teil der Anwesenden geht eine extrem anstrengende Vorbereitungszeit zu Ende; nervlich überbelastet und körperlich erschöpft heißt es, Gäste und Zuschauer willkommen zu heißen, die wiederum aus den unterschiedlichsten Motivationen heraus gekommen sind. Um Reden zu halten, Kontakte zu knüpfen, zu tratschen, zu gucken, zu präsentieren. So auch in Dortmund, wo bei strahlendem Sonnenschein Branchenvertreter, Politiker, Journalisten, Kinoliebhaber und Organisatoren zusammentreffen, um den Beginn des Internationalen Frauenfilmfestivals (IFFF) zu feiern. Die Stimmung ist gut, es wird Sekt geschlürft, geguckt, geredet, gelacht. Wohlwollende Grußworte, Dankeshymnen und nachdenkliche Anmerkungen zur Zukunft der Filmfestivals stimmen ein auf sechs Tage Screenings, Workshops, Master Classes, auf rund 127 Filme aus 26 Ländern, die einen Einblick geben sollen in das filmische Schaffen von Frauen weltweit.

Der Film des Abends und erster Wettbewerbsbeitrag um den internationalen Spielfilmpreis heißt Maman est chez le Coiffeur, ein melancholischer Film über den Verlust der kindlichen Unschuld in Anbetracht der moralischen Fehlbarkeit der Erwachsenen. In vor Hitze flirrenden Bildern und langsamem Tempo entfaltet die kanadische Regisseurin Léa Pool die tragikomische Geschichte von drei Kindern, die das Fortgehen der vom Vater betrogenen Mutter verkraften müssen. Großartige Kinderdarsteller und höchst assoziative Bilder sorgen für Emotionen im Kinosaal, und so begleiten Schluchzer, Seufzer, aber auch viele Lacher die Filmvorführung.

Der Verlust von etwas bleibt zentrales Thema in den weiteren Wettbewerbsbeiträgen, die erstmalig parallel zu den Screenings in Dortmund in den Kölner Kinos OFF Broadway und Filmforum im Museum Ludwig gezeigt werden. So setzt sich auch der französische Film Stella von Sylvie Verheyde mit dem verlorenen Kindheitsparadies auseinander. Die elfjährige Stella wächst in einer Kneipe im Paris der 1970er Jahre auf. Umgeben von zwielichtigen Gestalten, Alkohol und Sex konnte es bei ihr nie eine unschuldige Kindheit geben, das zeigen schon die ersten Bilder, in denen sie Lolita-like im Glitzeroutfit vor den Kneipengästen tanzt. Mehr oder weniger aus Zufall kommt Stella auf ein gutbürgerliches Gymnasium und muß sich von da an in zwei Welten behaupten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Mit viel Verve und strotzend vor Energie verkörpert Léonora Barbara diesen Spagat und macht Stella zu einem der überzeugendsten Wettbewerbsbeiträge. Schwach bleibt wiederum Wendy and Lucy von Kelly Reichardt, der in kargen, realistischen Bildern von einer jungen, arbeitslosen Frau erzählt, die kaum noch etwas zu verlieren hat, der aber das Wenige, was ihr geblieben ist, auch noch genommen wird. Das Thema des sozialen Abstiegs bleibt leider unscharf, wie sich auch Wendys Charakter dem Zuschauer nicht erschließen mag. Ganz anders wirkt da der deutsche Wettbewerbsfilm Alle anderen. Mit großer Präzision beobachtet Maren Ade ein Paar beim Kampf um die gemeinsame Identität, welche auf Kosten der eigenen erreicht werden soll und so nur scheitern kann. Nach dem Erfolg von Alle anderen bei der Berlinale überzeugt der Film auch die Jury in Dortmund, und so kann Maren Ade am letzten Festivaltag den mit 25.000€ dotierten internationalen Spielfilmpreis entgegennehmen.

Die Wettbewerbsauswahl überzeugte, schade nur, daß selten die Regisseurinnen anwesend sein konnten, um über ihre Filme zu sprechen, und schade auch, daß kaum ein Film mit englischen Untertiteln zu sehen war – für ein internationales Festival sollte dies doch selbstverständlich sein.
2009-05-06 18:00
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