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International Istanbul Film Festival 2009

28th International Istanbul Film Festival. TR 2009. L: Azize Tan.
Istanbul, 4. – 19.4.09

Expansion mit schwerer Filmkost

Von Christine Prinzing Das kleine und überschaubare 28. Istanbuler Filmfestival platzte aus allen Nähten: Mehr als 200 Filme wurden präsentiert sowie neue Programmsektionen wie das »New Turkish Cinema«, »The Argentine New Wave« und »Kids Menue«, um nur einige zu nennen. Außerdem gab es wie jedes Jahr viele Specials, Workshops und Diskussionsrunden. Das Festival rüstet fleißig auf, um für das kommende Jahr als Mittelpunkt der Kulturhauptstadt Europas filmisch präsenter, facettenreicher und moderner zu glänzen als die Jahre zuvor. Somit könnte man diese vielen Neuheiten verteilt auf zwei Festivalwochen als kleine Generalprobe interpretieren. Durch das erweiterte Programm bekam das moderne und sozialkritische Kino eine größere Plattform als je zuvor. Sowohl Jury als auch Filmkritiker belohnten den Mut und die neue Offenheit des »Turkish New Cinema« mit viel Lob und Auszeichnungen.

Dazu gehörte der Gewinner des »National Golden Tulip Award«: Men on the Bridge von Asli Özge hatte genau diesen sozialkritischen Fokus, der die Jury überzeugte. Die in Deutschland lebende türkische Regisseurin freute sich über die Ehrung und betonte: »Mir ist es wichtig, aus meiner Perspektive als Frau Geschichten zu erzählen, die sich vor allem mit der immer noch von Männer dominierten türkischen Gesellschaft beschäftigen.« Ihr anfänglich als Dokumentation angelegter Film zeigt mit gut recherchierten Charakteren und individuellen Alltagssorgen gekonnt die schleichende Depression in der Stadt Istanbul anhand authentischer Persönlichkeiten und deren Alltagssorgen. Der Film trifft den Nerv unserer Zeit – Geschlechterkampf, Orientierungslosigkeit, Zukunftsängste, die Suche nach der großen Liebe und Anerkennung. Viel Zündstoff, der unsere moderne Konsumgesellschaft entlarvt. Ob Rosenverkäufer oder Verkehrspolizist – die Protagonisten werden genau und sensibel beobachtet und nie der Lächerlichkeit oder des Bemitleidens ausgesetzt. Der Spagat zwischen dokumentarischer und instinktsicherer Inszenierung geht auf und macht den Film zu einem nachhaltigen Erlebnis. Die Stadt Istanbul als Schmelztiegel für Millionen Kleinstbürger, die hart für ihren sozialen Aufstieg kämpfen und nicht aufgeben. Ein verdienter Sieg!

Mittlerweile spricht man schon von einer zweiten Generation von Arthouse-Filmemachern, mehr noch: einer »Istanbul School«. Ein Autorenkino, das Förderinstitutionen, Jurys und Kritiker wieder für sich einnimmt und riskiert, keine großen Kassenschlager zu produzieren. Ein Außenseiter dieser Art fand auch hier seine Anerkennung: Mit dem FIPRESCI National Award und 30.000 Dollar erhielt der türkische Film My Only Sunshine von Reha Erdem eine Auszeichnung – ein Film, der ebenfalls das »New Turkish Cinema« repräsentiert und eine Symbiose zwischen Traumästhetik und harter Realität setzt. Die Protagonistin ist die stille 14jährige Hayat. Ihr Vater arbeitet als Fischer und dreht illegale Geschäfte. Sein Kiez: die ankernden Containerschiffe am Bosporus. Sogar seine Tochter mißbraucht er für seine Zwecke in den zwielichtigen Kreisen. Expressive Bilder und beklemmendes Sounddesign beschreiben die Figur des vernachlässigten Mädchens, das zwischen Pubertät und familiärer Tragik gefangen ist. Dieser Film wagt viel und entwickelt eine erschütternde und ergreifende Intensität, die einen nicht mehr so schnell losläßt.

Außerhalb des Wettbewerbs um den Golden Tulip Award gab es noch einen zeichnerischen Hochgenuß, live und in Farbe: einen Workshop mit Bill Plympton! Für seine Animationsfilme gewann er zahllose Preise und war schon zweimal für den Oscar nominiert. Bill Plymptons Filme richten sich, wie er selbst sagt, »an ein eher erwachsenes Publikum, da sie ein für Trickfilme verhältnismäßig hohes Maß an Sex und Gewalt beinhalten und mit einem recht dunklen Humor aufwarten«. Im Gepäck hatte er fünf Filme, darunter sein neues Meisterwerk Idiots and Angels, Strich für Strich ein Kampf zwischen Gut und Böse, in allen Facetten zeichnerisch vom Künstler auf die Spitze getrieben.

Obwohl es viel zu feiern gab – zum Beispiel Rekordzahlen von über 170.000 verkauften Tickets – fiel die Preisverleihung spartanisch aus: kurz, ohne großes Rahmenprogramm oder
Blumen für die Preisträger. Doch davon ließ sich niemand beirren. Einige internationale Investoren des europäischen Kinos waren von der Festivalplattform so angetan, daß nächstes Jahr weitere Finanzierungen sicher sind. Vielleicht dann auch wieder mit einem Hauch von Glamour? Das wären schöne Aussichten für die Kulturhauptstadt Istanbul 2010!
2009-04-29 18:10
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