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Filmfestival Wien 2009

14. Internationales Filmfestival der Filmakademie Wien. A 2009. L: Dominik Brauweiler, Joe Berger, Johanna Niederwieser.
Wien, 2. – 5.4.09
Die Jury des diesjährigen Wiener Filmfestivals bei der Preisverleihung

Von Übergängen und Brüchen

Von Martin Thomson Nicht allzu viele Kritiker machen sich während einer Filmvorstellung Notizen. Dabei sind jene äußerst hilfreich, um die unmittelbar im Augenblick der Rezeption gesammelten Eindrücke festzuhalten, bevor sie freischwimmend in die eigenen Mühlen der Reflexion treiben. Selbstverständlich müssen sie das. Dort werden sie zu verzweigten Gebilden, um anschließend, im Prozeß des Schreibens, auf das Wesentliche reduziert zu werden. Kritiken zu schreiben hat auf bestimme Weise auch immer etwas mit Erinnerungsarbeit zu tun. Nicht mal unbedingt mit der Erinnerung an den Film selbst, sondern mit der Arbeit an Vergangenheit an sich. Auch da schafft der Abstand dann irgendwann die Möglichkeit zur Reduktion, mit der sich die Gegenwart bestreiten und bewerten läßt.

Dem Vergessen fällt hier eine gewichtige Funktion zu: Es schleift im besten Fall die Ränder einer Erfahrung so ab, daß in deren Mitte eine Erkenntnis freigelegt wird. Das ist nicht immer einfach, oftmals sogar ein sehr langwieriger Prozeß, weswegen dann auch nicht wenige, meist geduldlose Zeitgenossen, lieber gleich zum Hammer greifen, um die Frucht und damit gleichsam ihre verborgene Erkenntnis aufzuschlagen, statt sich zu ihr vorzuarbeiten. Notationen sind sozusagen das Rohmaterial, das erst im Nachhinein montiert wird. Die ausschließlich abbildende Kamera, der Blick, der selektiert, aber noch nicht ordnet, die Empfindung ohne Konsequenz, der Griff auf die Herdplatte, der erst zu schmerzen beginnt, wenn die Hand schon weggezogen wurde. Die Rezension entsteht, wie der Film, erst im Nachhinein. Am Schreib- oder eben am Schneidetisch.

Film ist also gewissermaßen Erinnerungsarbeit. Nicht nur für Filmemacher und Filmrezensent, sondern auch ganz allgemein. Die Bilder, die sich eingeschrieben, die Figuren, die einen berührt, die Wendungen, die einen getroffen haben: Sie sind der Film, der sich im Nachhinein vor dem inneren Auge des Zuschauers abspielt. Es bedarf vielleicht lediglich einer gewissen Sensibilität, die Form der Dinge nach ihrem Inhalt zu befragen, und eines Bestrebens, diese Fremdkörper nicht gleich wieder abstoßen zu wollen, um sie sich auf den Erscheinungen der Welt ablegen zu lassen. Niemand bleibt von Wirkungen unbetroffen, aber es bedarf einer bestimmten Sensibilität, der Wirkung von Bildern auf den Grund kommen zu wollen. Das gilt für jene, die sie rezipieren, genauso wie für jene, die sie machen.

Beim 14. Internationalen Filmfestival der Filmakademie Wien ließ sich nun beobachten, daß nicht wenige Studenten diese Sensibilität aufzubringen in der Lage sind. Woran das genau liegt, bleibt fraglich: Ist es die für Wien so charakteristische Schwermut, die sie von der vorhandenen Menge belangloser Filme von Studenten heraushebt, die viel können, aber nichts zu erzählen haben? Vielleicht der Einfluß des dort dozierenden Michael Haneke? Darüber läßt sich nur spekulieren. Fest steht: Einige der gezeigten Filme offenbaren, daß es sich lohnt, so lange hinzuschauen, bis das Gezeigte spürbar wird.

Das ist vielleicht das größte Geschenk, das einem gute Studentenfilme bereiten können: die Unmittelbarkeit ihres Ausdrucks, der aus der Konfrontation mit Neuem und Unvorhergesehenem resultiert, und zugleich das Bemühen, still zu halten, drauf zu halten. Zögern: Weit genug von den Dingen wegtreten, um sie vollständig zu betrachten. Geöffnetsein: Nah genug an sie herantreten, um sie zu bearbeiten.

Die nicht minder hohe Anzahl von Produktionen, in denen es um Liebeskummer, Verortung in der Gesellschaft, um Beobachtung und Identitätssuche geht, deutet darauf hin, daß die Jugend der Filmemacher noch nicht weit zurückliegt. Hier scheinen die Erinnerungsschichten noch nicht abgeschabt. Die Entwicklung hin zur Vollendung noch nicht weit genug fortgeschritten. Das gilt nicht mal ausschließlich für den Inhalt der Filme, sondern für die ihnen entnehmbare Haltung. Vielen der Produktionen ist anzusehen, daß sie irgendwo im Dazwischen liegen, von Menschen handeln, die sich darin befinden. Die den Widerspruch leben, sich getrieben zu fühlen und Halt zu suchen. Nicht selten handeln sie von einer tiefen Sehnsucht nach einer Jugend, die noch nicht weit genug zurück liegt. Einer Sehnsucht nach Verstehen. Vielleicht auch von einer Sehnsucht nach Vergessen. Genau da liegt ihr großes Potential verborgen. Hier darf gestaunt werden, weil auch die Menschen hinter der Kamera noch staunen.

Im internationalen Wettbewerb, mit dem das Filmfestival am Eröffnungsabend einleitet, offenbart sich, daß die bereits erwähnte Sensibilität angehender Filmemacher für Brüche und Veränderungen eine Gemeinsamkeit mit den Produktionen an der Filmakademie aufweist. So zum Beispiel der Eröffnungsfilm Zohar, mit dem Regisseurin Yasemine Novak den Preis der Jury für »International Fiction« ergattern konnte. Überfordert mit einem Alltag zwischen einer Mutter, die selbst noch nicht so richtig erwachsen geworden ist, einer Schwester im Kindesalter, deren Plastikpuppe an den schmerzlichen Verlust der eigenen Kindheit gemahnt, und einem Straßenjungen, dessen romantische Avancen nicht so recht in das von Selbsthaß und Berührungsangst bestimmte Selbstbild passen, erzählt ihr Film eine berührende Coming-of-Age-Geschichte. Der Film läßt am Ende die Frage offen, wie Zohar mit ihren gewonnenen Erkenntnissen verfahren wird. Damit erweist er sich jedoch als Glücksfall; denn wo zumeist schlechte Kurzfilme auf Blitzbefriedigung durch Pointen setzen, weiß Novak, daß der Streifblick auf ein Einzelschicksal, gerade im zeitlich begrenzten Medium Kurzfilm ein intensiveres Gefühl von Nähe zu den Figuren herstellt als jeder schnell versiegende Aha-Effekt es jemals könnte.

Klemens Hufnagl und Julia Drack legen mit ihrem Film Aufbruch – Abbruch etwas weniger als ein Jahrhundert, nachdem es Walter Ruttmann mit Berlin, Symphonie einer Großstadt und Dziga Vertov mit Der Mann mit der Kamera vorgemacht haben, den Beweis vor, daß die Verfahrensweisen des Films viel gemein haben mit der menschlichen Wahrnehmung innerhalb der Großstadt. Mit einem präzisen Geschick für Montage porträtieren sie das gerade erst zur hypermodernen Metropole heranreifende Shanghai. Hier verschaffen Übergange und Brüche zwischen den Einstellungswechseln ein Gefühl für die Zerrissenheit der Eindrücke und das Bemühen um deren Zusammenfügung. Zugleich gelingt es ihnen auf überraschende Weise, die sozialen Abgründe der Metropole auf formaler Ebene hervorzukehren. Die Kritik an der Ambivalenz von dem, was hier erweckt, und dem, was abgestoßen, verbannt oder dezimiert wird, entsteht nicht im plumpen Kontrastieren zweier Gegensätze wie Arm und Reich, Hightech und Tradition, sondern im Prozeß ihrer sich organisch vollziehenden Abreibung selbst. Ein Schnittkunstwerk sozusagen.

Mit einem treffsicheren Gespür für Situationskomik heimste Das große Glück sozusagen die Preise in den Kategorien Drehbuch, Regie und Schauspieler ein. Zurecht: Denn die an und für sich formal unauffällige Komödie sprüht vor zündenden Ideen und einfallsreichen Dialogen und amüsiert durch eine charmante Beobachtungsgabe alltäglicher Kuriositäten. Das große Glück sozusagen läßt sich schnell als versöhnliches Sozialmärchen abtun: Ein Intellektueller freundet sich mit einem sonderbaren Einzelgänger an, und am Ende gelangen beide zu der Erkenntnis, daß sich gerade ihre Unterschiedlichkeit als fruchtbare Ergänzung erweist. Andererseits werden die Figuren und deren reibungsvolles Aufeinandertreffen auf so liebevolle Weise aufbereitet, daß es schwerfällt, den Film nicht einfach nur aufgrund seiner simplen, aber nichtsdestotrotz wahrhaftigen Weisheit zu mögen. Das große Glück sozusagen ist bestes Frank-Capra-Kino im Wiener Schmäh-Format.

Bei Die Wand ist abgerissen handelt es sich um ein Paradebeispiel für die Frage nach der Verortung junger Menschen in der Gesellschaft. Nicht selten schließt jene Frage die nach dem Umgang mit Liebesbeziehungen mit ein. Im Mittelpunkt von Andrina Mracnikars Film steht ein Liebespaar, dessen schriftstellerische Ergüsse die Metaebene des Films bilden. Und so changiert Die Wand ist abgerissen zwischen der fiktiven Ebene einer anscheinend harmonischen Beziehung an der Oberfläche und der Metaebene ihrer gespielten Rekonstruktion, die statt von innigen Küssen eher von Mißtrauen und Vorwürfen handelt. Irgendwann beginnen die Übergänge zu verschwimmen. Was ist Spiel, was Wirklichkeit? Sind die Bilder, die sich in Partnerschaften vom anderen gemacht werden, vielleicht nur Wunschbilder der eigenen Sehnsüchte? Nicht mehr und nicht weniger als Fiktion? Liebe nicht ohnehin nur sublimierter Egoismus? Geraten Beziehungen vielleicht nicht immer erst dann ins Trudeln, wenn einem das Gegenüber nicht mehr als Projektionsfläche taugt? Sich die Bilder als schmerzhafte Enttäuschung entpuppen? Und inwiefern ist totale Hingabe für den anderen nicht immer auch Negation des Eigenen? »Ich brenne meine Bilder in dich, du bist nichts«, heißt es einmal im Film. In diesem Satz steckt vielleicht mehr Weisheit als in abertausend kitschigen Liebesfilmen oder schwelgerischen Popsongs. Er ist, genau wie der Film und das Pärchen, um das es geht, zärtlich und unerbittlich zugleich.

Parental GuiDance erhielt im regulären Wettbewerb der Filmakademie die Auszeichnung für den besten Schnitt. Catherine Radam läßt in Hochglanzoptik sieben gestylte Teeniemädels bei hipper Elektromusik in einer Tiefgarage zwischen skeptisch dreinschauenden Vertretern der bürgerlichen Zunft das Tanzbein schwingen. Das ist nicht uncool anzuschauen, obgleich es hin und wieder an eine bessere C&A-Werbung erinnert. Zugegebenerweise wäre mir Aufbruch – Abbruch als Gewinner lieber gewesen, andererseits ist es in Zeiten einer schwindenden und von mir mit großem Bedauern beklagten Musikclipkultur auch mal wieder ganz schön, Mode und Rhythmus in audiovisueller Verschmelzung zu erleben.

Ein Glanzfilm dieser Tage ist einer, dessen erste Betrachtung bereits unschwer erahnen läßt, daß er das Festival nicht ohne Auszeichnung verlassen wird. Und tatsächlich: Elefantenhaut von Severin Fiala und Ulrike Putzer erhält dann auch Preise für die beste Produktion, das beste Drehbuch und die beste Schauspielerin. Elefantenhaut entspricht dem, womit sich das österreichische Kino der letzten Jahre, vornehmlich durch Schlüsselfiguren wie Ulrich Seidl, in aller Welt etablieren konnte: schonungslose Bebilderungen trostloser Vorortwelten, in denen entleerte Kleinverdiener in stiller Verzweifelung vor sich hin vegetieren. Die erahnten Reiseziele in den bunten Reiseprospekten, welche die weibliche Hauptfigur zu Beginn des Films einpackt, könnten nicht weiter weg sein von ihrer abgestumpften Miene. Ihr eingefallenes Gesicht, der leblose Ausdruck in ihren Augen, ihr träger Gestus und ihre gespenstisch erscheinende Abwesenheit sind genauso bedrückend wie ihre automatenhaft zu Schlagermusik mitwippenden Arbeitskollegen bei der Betriebsfeier. Elefantenhaut handelt vom Dahinsiechen in der Tristesse, einer im Sterben liegenden Sehnsucht nach Befreiung, die doch nur in die Dorfdisco führt, für die man nicht nur zu alt ist, um sie zu besuchen, sondern auch zu feige, um etwas anderes zu bestellen als Mineralwasser.

Als das eigentliche Meisterstück innerhalb des Wettbewerbs der Filmakademie muß jedoch Die Vereinigung von Katharina Mückstein betrachtet werden. Wenn die Kamera einem rotgekleideten Mädchen bei einem Klavierstück von Chopin hinterherschwebt, tut sich eine Atmosphäre auf, wie sie einem aus der Trilogie des Todes von Gus Van Sant bekannt vorkommt. Ein entrückender Bewegungsablauf, eine transzendental gewordene Kamera, die mit einem Ausblick auf ein Waldstück endet. Dann beginnt die Handlung. Ein Vater liegt im Sterben. Die Tochter will ihre längere Abwesenheit vergessen machen. Zwischen Mutter und Tochter schwelt ein Konflikt, der nie zur Aussprache gekommen ist. Irgendwas stimmt hier nicht. Sprachlosigkeit am Essenstisch, dann, zwischen den hoffnungslosen Annäherungsversuchen der Tochter, die passive Aggression der Mutter, Vorwürfe, die genauso unvermittelt hervorbrechen wie die Rückblenden, die zugleich Träume zu sein scheinen. Die Tochter will ihre Hände reinigen, als sie den Vater berührt, aber der Schmutz scheint sich nicht beseitigen zu lassen. Die Vereinigung macht sprach- und fassungslos. Dieser Film erstickt. Ganz langsam. Er ist qualvoll in seinen Andeutungen, und wenn er letztlich alle Befürchtungen in einer einzigen Einstellung bestätigt, kommt er auf so unhörbaren Sohlen, daß er einem bereits in den Knochen geschnitten hat, bevor man es überhaupt registrieren konnte.

Neben dem eingangs erwähnten Zohar, der den Preis für die Kategorie »Fiction« erhält, werden innerhalb des Internationalen Wettbewerbs noch drei weitere Filme ausgezeichnet: Above the Ground, Beneath the Sky von Simon Lereng Wilmont aus Dänemark in der Kategorie »International«, sowie The Family von Rok Bicek aus Slovenien und Lavé von Dean Milius und Tim Rutten aus den Niederlanden, die sich beide den Preis in der Kategorie für »Innovative Film« teilen.

Letzterer verdient eine besondere Erwähnung. Daß der Film stilistisch wie eine David Lynch-Variante daherkommt, ist hier ausnahmsweise mal keine Plattitüde überforderter Werbeleute, die alles düster und mysteriös daherkommende mit den bizarren Szenerien aus Mullholland Drive in Verbindung zu bringen versuchen. Durch die Uneindeutigkeit der Bewegungsabläufe einzelner Vorgänge erhalten die Besucher eines Restaurants in Low-Key-Ausleuchtung etwas beinahe Gegenständliches. Simultan wabert eine düstere Soundcollage im Hintergrund. David Lynch würde seine Freude daran haben.

Insgesamt erweist sich das 14. Internationale Filmfestival der Filmakademie als überraschend hinsichtlich der Zerstreuung meiner vormals oft genug bestätigten Befürchtung, daß Filmemacher die beschränkte Dauer eines Kurzfilms für pointenbemühte Schnellschußunterhaltung mißbrauchen. Derlei läßt sich von den meisten Produktionen, die auf dem Festival gezeigt wurden, tatsächlich nicht sagen. Hier scheinen doch viele junge Talente etwas begriffen zu haben und damit Hoffnung auf eine glorreiche Zukunft für den österreichischen Film zu wecken. Wieder eine Erkenntnis mehr, für die es sich gelohnt hat hinzuschauen, und für die es lohnt, sich zu erinnern, um darüber zu schreiben.
2009-04-22 17:49
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