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Europa à la carte
Von Christian Lailach
Wie der eine Tag ausklingt, so fängt der nächste wieder an. Zumindest filmisch; und das nennt sich »gelungene Programmierung«. Im Linz 09er Kulturalltag hingegen ist kein Tag wie der andere. Dies ebenfalls mit in die Planung einzubeziehen, ist heuer die hohe Kunst der Programmschule. Oder einfach nur Zufall.
Ursula Meiers Dokumentarfilm
Pas les flics, pas les noirs, pas les blancs, ein Teil der – wie wir später erfahren sollen – Meier-Baier-Bronschen Trilogie um den Status quo der Schweiz zur letzten Jahrtausendwende, zeigt interkulturelle Verständigung auf kleiner Ebene. Alain Devegney, ehemaliger Rechter, und Sarah Khalfallah, Gründerin des Vereins Mondial-Contact, initiierten ein Projekt, bei dem die Gendarmerie gemeinsam mit Migranten als Mediatorengespann Konfliktbewältigung betreibt. Auf dem Weg zum anderen Kino verstricken wir uns in Überlegungen, ob die kleine Schweiz da wieder den Großen etwas vormacht, und hätten – schiene die Sonne — sicher noch mehr bereut, nicht eines der vielen Enden
Versailles' genutzt zu haben, um diese Gedankenspiele fortzuführen. Pierre Schoellers Wettbewerbsbeitrag wäre dann sicher auch ein wenig runder in unserer Erinnerung verankert.
Erst Aida Begic kann uns mit ihrer Geschichte um das kleine bosnische Örtchen Slavno wieder vollends zurück auf die Leinwand holen.
Snijeg erzählt sehr leise und beseelt vom Leben und Überleben und läßt Spielraum für die auch heute noch vielerorts ungewisse Zukunft auf dem Balkan. Zeit und Gelegenheit, mit vielerlei Gedanken ins Bett zu gehen, hätte nicht Neil Young Dollhofer – nach
This is England im letzten Jahr – wieder einen Meadows ins Panorama geholt.
Somers Town. Das bedeutet: Anschauen! Um danach doch noch auf der Nightline gemeinsam mit der norwegischen Band »Datarock« den Trash-Hit »Time of My Life« zu karaoken. Wem sich diese Möglichkeit nicht bietet, der greife einfach zur »Kuschelrock«. Ganz hinten links im Regal.
Nach so viel Emotionalität braucht’s am nächsten Morgen ein bewährtes Frühstück auf der Terrasse des Dachcafés, meint der Linzer in uns. Gegenüber Douglas die Querstraße rein, erster Eingang, Fahrstuhl, Treppe und da. Die nette Frau vom Café lächelt, als ihr die Sprechchöre von der Straße hört. Ah! Endlich! Umzug, Wagen, Gaukler, Kulturhauptstadt! Doch weit gefehlt: Die Schüler streiken und tun es damit den Lehrern gleich, die sich kürzlich der geplanten Arbeitszeitverlängerung widersetzten. Der Streich mit der Streichung der fünf schulautonomen Tage, oft auf die »Zwickel« (dt.: Brückentage) angesetzt, treibt nun die Schüler auf die Straßen. So etwas gebe es nur in Österreich. Das mag sein.
Wir schreiten also mit den Demonstranten Richtung Wettbewerb und während Gianni Di Gregorios
Das Festmahl im August ein kurzweiliges, mit italienischer Leichtigkeit erzähltes Kammerstück um Gianni, vier älteren Damen und das ein oder anderen Glas Wein, bietet, überfällt die Linzer Schülerschar die örtliche Fast-Food-Kette, sitzt schmatzend auf den Straßen und bietet den angekündigten Bogen im Programm. Mit
La parade – Notre histoire, Nummer zwei im Bunde der Schweizer Jahrtausendtrilogie, dokumentiert Lionel Baier den ersten Gay Pride im erzkonservativen Kanton Wallis, genauer: im kleinen Städtchen Sion. Baier kommentiert aus seinem Lausanner Dachfenster, zwischen Genfer Großstadt und dem Ort des Geschehens, sowohl die lokalen Verhinderungsversuche als auch die ungewollt zur Ikone der Lesben heranwachsende Marianne Bruchez.
Lokaler Realismus wird zum Tagesthema. Martha Otte vom Tromsø Internasjonale Filmfestival, welches sich zu Beginn eines jeden Jahres um die letzten Tage der Polarnacht rankt, präsentiert im Rahmen der mittlerweile fest integrierten Kooperation mit anderen europäischen Festivals die »Tromsø Palm Winners« der letzten Jahre. Von den Kurzfilmen
Tommy und
Varde führt sie uns hin zu
Kesän lapsi, einem stillen Dokumentarfilm über die ersten Berührungen der jungen Sveta mit ihren finnischen Pateneltern und einer Welt fernab vom Leben im russischen Kinderheim. Ähnlich sensibel mutet Yesim Ustaoğlus
Pandora'nin kutusu im Young Turkish Cinema an, mit welchem der unaufhaltsame Kreuzzug der Globalisierung unter dem Mantel der Welten zwischen städtischen und dörflichen Lebensformen allmählich auch in muslimischen Regionen von der Großfamilie Abschied nehmen läßt. Ustaoğlu vermittelt über Generationen hinweg und entläßt uns nachdenklich in das Dunkel des Abends, wo noch Bouli Lanners'
Eldorado im Panorama wartet. Robert Stéphane, Arbeitgeber, aber auch Freund, also nur, aber enger Freund Lanners', warnt uns vor: Da die Belgier etwas speziell sind, werden wir diesen Film nur hassen oder lieben können. Irgendwo zwischen Dude und Astérix treffen sich dann auch die beiden einsamen Protagonisten auf ihrer gemeinsamen Fahrt quer durch Belgien.
2009-04-28 07:57