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Fuck, Fuck, I-ah
Von Christian Lailach
»Da steht ein Pferd auf dem Flur« sangen einmal Klaus und Klaus. Mit Crossing Europe hat das bisweilen nichts gemeinsam, aber ein wenig mit der Kultur dieser Hauptstadt. Dazu aber später mehr, denn es liegen bereits zwei Tage Filmmarathon hinter uns.
Es begann alles ganz friedlich mit einem ausgesprochen stillen, aber eindringlichen Episodenfilm im Wettbewerb. Fünf alltägliche, unscheinbare Lebenssituationen schildert Ruben Östlund in
De ofrivilliga und spiegelt hiermit den gesellschaftlichen Gruppenzwang, der, meist in Jugendzeiten belächelt, doch allerorten sich in unserem Leben verankert hat. Direkt nimmt in der Tribute, wenn auch nur kurz, Ursula Meier mit
Tous à table das Thema auf. Wir finden uns in Schwarzweiß auf einer Geburtstagsrunde wieder und spielen schon bald das alte Ameisen-Rätsel mit. Irgendwer verliert immer die Lust daran, und dann gibt es kein Halten mehr. Die Stimmen werden lauter, Beziehungen jeglicher Couleur finden für den Abend ein Ende. Gefesselt an unseren Stühlen spüren wir die Ressentiments am Tisch, die durchaus keine Lügen sind, und verlassen aufgewühlt den Kinosaal. Nachdem im Wettbewerb Vergangenheitsbewältigung und Selbstfindung die Gefühle, wenngleich nicht derart nachdrücklich, dennoch weiter strapazieren, verliert sich der Abend im Panorama in Leon Okrasas krankem Kopf. Jerzy Skolimowski verbannt seinen Protagonisten in
Cztery noce z Anną zwischen Trauma und Liebe. Hier scheint sich die Linie der »verstörten Osteuropäer« aus Alexei Balabanovs
Gruz 200 im letzten Jahr fortzusetzen.
Da wären wir also wieder im Linzer Alltag, erwachen morgens beim Kaiser Frühstück in der alten Hofbäckerei, um uns alsbald im Wettbewerb von Mahmut Fazıl Coşkuns
Uzak İhtimal – politisch korrekt – die verschwendete Liebe eines Muezzins zu einer Christin in einem multikulturellen Istanbul vorgaukeln zu lassen. Vorgaukeln, da mit dieser politischen Korrektheit sämtliche Individualität und Glaubwürdigkeit verloren geht. Thekla Carola Wied läßt grüßen! Danach wird alles anders, auch anders sein.
Wir sitzen diesseits der Donau auf dem Dach des Futurelab in der Sonne und treiben mit dem windschiefen ARS Electronica so unsere Possen, stolpern über das Weltrettungsprojekt »BookCrossing« und plötzlich steht er da: ein Esel auf urbaner Flur. Unterhält sich mit dem Puter neben ihm. Auf Österreichisch. Linz09 offenbart Mut zu Kunst und Installation und spaltet dabei gern die Gemüter. Die Sammlung »Best of Austria« im Lentos Kunstmuseum sorgte bereits vor Eröffnung durch die Gewerke hinweg für Diskussionen, ob sich denn hier tatsächlich die Klasse Österreichs versammle.
Was uns zu Aram Garrigas
Introspective im Panorama führt. Ein Musikdokumentarfilm zum Post-Rock, laut Programm. Post-Rock? Lieber tot als »post«, meinen die Gebrandmarkten. Mit überzeichnet changierenden Bildern und übersteuert gellenden Tönen machen Mogwai, Sonic Youth & Friends in Barcelona halt. Aber all das scheint völlig legitim, wenn Noel Gallagher über die Differenz zwischen sieben und fünf Millionen philosophiert; Dollar oder Euro sind da eh egal. Garriga scheint gar nicht verbissen, zeigt ambitionierte Interviewsequenzen und Festivalauftritte. Musikrechte? Nein, das Projekt habe man den Bands im Sinne der PR verkaufen können. Fuck! Der Kinosaal ist bis auf die Treppenstufen ausverkauft. Das dazu.
Denn jetzt muß Semih Kaplanoğlus
Süt die türkische Ehre im Young Turkish Cinema retten. Ein fast dialogloser Film, dessen Substanz im Irgendwo zwischen Integration und Verständigung zu suchen ist, erzählt die Geschichte um Yusuf und seine Mutter und stellt die Mitte der Trilogie – ähm, des Zirkels – »Eggs, Milk and Honey«. Jedes Bild ein Symbol, jedes Wort ein Gedicht. Das trägt schwer und so bildet Alexis Dos Santos'
Unmade Beds im Wettbewerb den passenderen Ausklang in eine Nacht, die unerwartet lang und berauscht werden soll: Von persönlichen wie sexuellen Irrungen und Wirrungen der Londoner Indie- und Elektro-Szene geht es direkt via Kollektif Istanbul zu »Krawall und Remmidemmi« auf der Nightline.
2009-04-23 17:11