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Clermont-Ferrand Short Film Festival 2009

31ème Festival du Court Métrage de Clermont-Ferrand. F 2009. L: Claude Duty.
Clermont-Ferrand, 30.1. – 7.2.09
Trotz des schlechten Wetters kamen viele Kurzfilm-Fans (Foto: © Michel Vasset)

Das große Rendezvous des Kurzfilms

Von Dieter Wieczorek Selbst für Eingeweihte ist es immer wieder ein erstaunlicher Anblick, Zehntausende von Neugierigen zu den unterschiedlichen Schaustätten eines Kurzfilmfestivals stürmen zu sehen. Engpässe lassen sich da kaum vermeiden. Bald spricht sich herum, an welchen Orten man sich sicherheitshalber schon 30 Minuten vor Spielzeit einzureihen hat. Viele Faktoren tragen zu einem solchen Erfolg bei. Eine gesellige Einwohnerschaft, die nicht von allzu vielen Kulturevents im Jahresablauf verwöhnt ist, eine unablässige Zusammenarbeit mit Schulen und Universitäten, die Organisation eines Marktes, der zum Referenzpunkt des Fachaustausches geworden ist und der in seinem Inneren eine heitere Atmosphäre schafft. Festivals, nationale Filminstitutionen und die Vertreter großer Medien beköstigen sich hier untereinander mit Snacks und bieten Drinks im Überfluß. Und nach der letzten Vorstellung hebt das Feiern erst richtig an auf den unterschiedlichen, meist von den Ländervertretungen oder Großmedien wie Arte und Canal+ organisierten Festen.

Ein Presseraum über einem öffentlichen Schwimmbad und ein kleines Café, die erste, oft hoffnungslos überlastete Anlaufstelle des Festivals, sind weitere kleine Besonderheiten, die in Erinnerungen bleiben. In den letzten Jahren bietet Clermont-Ferrand auch digitales Filmarchiv, das alle im Wettbewerb laufenden Arbeiten zur Sichtung anbietet, sowie ein weitgefächertes, 14 internationale, 12 nationale und fünf experimentelle Sektionen umfassendes Programm, von den zusätzlichen nationalen und thematischen Blöcken und dem für das Marktpublikum reservierten ununterbrochen laufenden Zusatzangeboten ganz abgesehen. Niemand wird behaupten können, hier nicht irgendwie fündig zu werden.

Dieses Jahr wurde dem niederländischen Film in allein sechs Programmblöcken die Möglichkeit gegeben, die vielen Höhepunkte seiner Kurzfilmgeschichte Revue zu passieren. Daneben valorisierte Clermont-Ferrand dieses Jahr, wie bereits im Vorjahr, den afrikanischen Film mit Sonderprogrammen, ein deutliches Zeichen des neuen Selbstbewußtseins, das sich im von Filmförderung und Filmstrukturen nicht gerade verwöhnten Kontinent zu etablieren beginnt. Die einzelnen Beiträge thematisieren kulturelle Fremdbestimmung und Enteignung ebenso wie noch intakte Rituale und Traditionen, etwa bestimmte Formen des Brunnengrabens in Nigeria. Sie reichen von Staatsterror und Folter in Madagaskar bis hin zu Austragung innerafrikanischer Konflikte im fernen europäischen Exil, von oft tödlich verlaufenden Emigrationsversuchen bis zu den auffallend häufig erscheinenden selbstbewußten Frauen, die auch vor Hungerstreik nicht zurückschrecken, um ihrem Widerstand Nachdruck zu verleihen. Der Kurzfilm erweist sich auch in Afrika als wirksame Form der unmittelbaren Konfrontation mit den in öffentlichen Medien meist tabuisierten Konfliktfeldern.

In der experimentellen Filmproduktion zeigenden »Labo«-Sektion Clermont-Ferrands fiel besonders der aus Brasilien stammende Film Muro von Tião auf, eine arabeske, mosaiksteinartige Komposition, die sich erst ganz zum Schluß dechiffrieren läßt, wenn die scheinbar disparaten Elemente und Szenarien lesbar werden als zentriert um einen makabren Steinigungsakt. Auch der Franzose Edouard Salier schafft in 4 ein Wirbelwerk aus Fragmenten. Er nutzt die unendlichen Möglichkeiten virtueller Welten, um narrative Strukturen ins Unabsehbare entgleiten zu lassen.

In der französischen Sektion beeindruckte besonders der Beitrag This Smell of Sex der aus dem Libanon stammenden, heute in Frankreich lebenden Danielle Arbid. Während ihres Aufenthaltes in Beirut läßt sie junge Menschen von ihren sexuellen Erlebnissen und Erfahrungen plaudern, ohne sie direkt ins Bild zu bringen, eine wohltuend andere Form, sich der übermedialisierten Konfliktzone ihres Heimatlandes anzunähern. Die Heiterkeit der weiblichen Stimmen steht im merkwürdigen Kontrast zu den Erzählungen der von Unsicherheit und Repräsentationsangst gezeichneten Männer.

25 Minuten lang läßt Stéphane Valentine in Génocidé einen Überlebenden des Genozides in Ruanda zu Wort kommen, dessen detaillierter Bericht des erlebten Greuls sensiblen Gemütern doch abzuraten ist. Ein kleines Meisterwerk der Beobachtungskunst schafft Clara Elalouf in Peau Neuve, indem sie auf dezente Weise in einer öffentlichen Pariser Badeanstalt die Vielzahl kleiner Rituale und individueller Gesten dieser temporären, die unterschiedlichsten Abstammungen und Religionsformen umfassenden Gemeinschaft auf engstem Raum einfängt.

Im internationalen Wettbewerb widmeten sich auffällig viele der nachhaltigsten Filme der aktuellen Arbeitswelt. Der israelische Beitrag Vida spiegelt die Ängste einer alternden Frau, die angesichts der an Komplexität zunehmenden neuen Medien langsam die Orientierung verliert und sich ins Abseits gedrängt fühlt. Anat Mals schafft hier eine eindringliche Studie des tristen Ausrangierens einer ganzen Generation. In Café Paraíso proben zwei mexikanische Köche eine mögliche Rebellion, die zwischen Spiel und Ernst oszilliert, Risiko und Absicherung stets neu austaxierend. Alonso Ruizpalacios Werk scheint auf den ersten Blick heiterer als das Mals, doch stellt sich hier schmerzhafter als in der frontalen Konfrontation die Frage nach dem Verlust der eigenen Integrität und Authentizität, die im Spiel unmerklich zu schwinden drohen. Von einem kubanischen Lehrer, der immer noch an der Schönheit der russischen Sprache und Literatur festhält, während seine Kollegen sich pragmatisch an Schülerinteressen orientiert längst dem Englischen zugewendet haben, handelt der aus Kuba kommende Film Siberia von Renate Duque. Der vereinsamte und belächelte, wie ein Relikt vergangener Epochen wirkende Mann erleidet die schmerzhafte Abwendung von Utopien am fremden Schauplatz der kulturellen Passion. Seine literarische Leidenschaft erscheint nur noch als Nostalgie eines Weltfremden in einer an materieller Effizienz sich ausrichtenden neuen Gesellschaft. Im schwedischen Beitrag Majken von Andrea Östlund bricht eine Frau kurz vor dem Rentenalter plötzlich aus den gewohnten Bahnen aus und arrangiert einen sehr individuellen Ausstieg. Einen Ausbruch ganz anderer Art vollzieht sich in The Woman Who Is Beating the Earth. Die Japanerin Tsuki Inoue transformiert hier eine Metzgerei in ein Ballett aus Bewegungen und Rhythmen, die alle fleischliche Schwere hinter sich lasen. Die Körper der Arbeiterinnen werden selbst zu Widerstandszentren und Vibratoren kosmischer Kräfte, die in einer ökonomisch-materiell orientierten Welt schwer zu verankern sind.

Der eigentliche Einspruch gegen die Tristesse des gefrierenden Arbeitslebens der globalisierten Welt kommt von unvorhergesehener Seite. In Three of Us des Inders Umesh Kulkamis ist es ein körperlich stark behinderter junger Mann, der einen ganz anderen Kosmos lehrt, wo jede Geste Sinn macht und ihre eigene Anmut besitzt. In nur 15 Minuten gelingt es dem Filmemacher, den Blick des Zuschauers von anfänglichem Mitleid in Erstaunen und Heiterkeit zu transformieren, angesichts eines schlichten familiären Leben, das von innerer Schönheit und Ruhe durchdrungen ist, die wir nur aus der Ferne bewundern können.
2009-04-22 17:49
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