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IFFR 2009

38e International Film Festival Rotterdam. NL 2009. L: Rutger Wolfson.
Rotterdam, 21.1. – 1.2.09
Still aus Fixer: The Taking of Ajmal Naqshbandi von Ian Olds

Referenzort der Entdeckungen

Von Dieter Wieczorek Auch 2009 hat sich das Rotterdamer Filmfestival in der Gilde der weltweit wichtigsten Festivals wieder in seiner Rolle als fruchtbarster Entdeckungsort empfohlen. Schon Programmtitel wie »Bright Future«, »Spektrum« und »Signals« der diesjährigen, deutlich vereinfachten Programmstruktur zeugen von Lust an Partikularem und Innovativem. Rotterdam ist der Ort des ersten und zweiten Films von Regietalenten, denen hier ein Weg in die Weltöffentlichkeit bereitet wird. Der begehrte Hubert Bals Fund verhilft auserwählten Talenten auch zu den notwendigen Mitteln für weitere Filmprojekte. Die Erfahrung zeigt, daß die Erwartungen selten enttäuscht werden. Erinnert sei nur an die hier vor zwei Jahren für ihren Film Old Joy preisgekrönte Kelly Reichhardt, die nun ihren bereits in Cannes weithin beachteten Film Wendy and Lucy nach Rotterdam brachte.

Aktualität mit wohlsondierten Retrospektiven zu verknüpfen ist eine weitere Tendenz des Festivals: Peter Liechti zeigte sein neuestes, in assoziativ-expressiver Filmsprache verfaßtes Werk Sound of Insects. Record of a Mummy, eine enigmatische Nachzeichnung des selbstgewollten, sich über Wochen erstreckenden Hungertodes eines 40Jährigen, der sich in die Wälder zurückzog und in detaillierten, im Off eingespielten Tagebuchaufzeichnungen von seinem langsamen Abschiednehmen berichtet.

Auch der Verantwortung einer Zensurüberschreitung stellt sich das Rotterdamer Festival und profiliert sich damit als notwendig alternative Informationsquelle. Sompor Chidgasornponses Roke rai naui rob neung roi phee (»Krankheit und eine hundert Jahre dauernde Periode«) berichtet über Filmzensur in Thailand. Die in Apichatpong Weeasethakuls Film Syndromes and a Century herausgeschnittenen Passagen werden hier paraphrasiert wieder eingespielt. Stilistisch läßt das Werk eine drückende und sterile intellektuelle Atmosphäre in Thailand geradezu physisch spürbar werden.

Auf der gleichen Linie einer indirekten, doch umso nachhaltigeren Aufzeichnung des unkontrollierten Terrors auf den Philippinen ist Lav Diaz’ Werk Purgatorio zu nennen. Der Meister der sehr langen Form kondensiert hier in 16 Minuten ein emotionales Vagabundieren zu den Fundstätten menschlicher Knochen und in absorbierende Rituale, eine hermetische Reise zwischen Apathie und Lebenswillen, die zuweilen ein im politischen Katastrophenszenario für immer verlorenes Paradies anklingen läßt.

Dem libanesischen, heute in Frankreich lebenden Filmemacher Wael Nouddine gelingt es, durch den Rekurs einerseits auf eigenen Drogenkonsum, anderseits über die Nachzeichnung präislamischer Mythen Fluchtlinien aus und Berührungspunkte zu der hermetischen, Eindringlinge abweisenden Wirklichkeit des heutigen Jemen zu schaffen. Durch seine Strategie des Unsichtbarwerdens durch permanente Präsenz gelingt es Nouddine, Bild- und Filmverbote, selbst mit einer tragbaren 35mm-Kamera beladen, zu hintergehen und seltsame Bilder nach Rotterdam zu bringen, welche die Fremdartigkeit parallel existierenden Welten einfangen und gleichzeitig mythologisch kontextualisieren.

Die ihre eigene Realität schaffende Bildwelten der Beobachtungskameras in aller Welt werden von Dariusz Kowalski (Australien) in Optical Vacuum in Beziehung gesetzt mit der architekturalen Verödung westlicher Metropolen. Der unausgesetzte Beobachtung und Kontrolle ausgelieferte öffentliche Raum kondensiert hier zum Bild eines sterilisierten Lebens, das neben den Kontrollzonen keine Lebensstätten mehr hat.

Emotional virulent hingegen erinnert Ian Olds (USA) in Fixer: The Taking of Ajmal Naqshbandi an das in politischer Korruption befangene Afghanistan. Vor allem angesichts der Medialisierung von Geiselnahmen entlarvt er politische Abhängigkeiten und zynische Scheinmoral. Während die westlichen Geiseln freigekauft werden, erscheint der Körper des afghanischen Fixers, wie die lokalen Reisehelfer von Journalisten genannt werden, lediglich geeignet, vor laufender Kamera zerstückelt zu werden – für die Taliban ein willkommener Anlaß, die Hypokrisie einer fremdgesteuerten afghanischen Regierung zu entlarven, die sich aus Abhängigkeit von westlichen Geldgebern, lediglich um die Freilassung der Ausländern müht, dagegen gegenüber dem Schicksal des eigenen Landsmannes unberührt bleibt.

Eine Art, das Rotterdamer Festival zu erleben, ist das ständige Zirkulieren zwischen den immerhin zehn unterschiedlichen Spielstätten. Wesentlich erfreulicher ist das Verbleiben an einem der lebhaftesten Kommunikationsorte des Festivals, dem »Lantaren/Venster«-Kinokomplex auf der Gouvernestraat. Hier laufen neben dem Kurzfilm-Wettbewerb die wohl sortierten, um Themen strukturierten Programmblöcke. Hier ist man im Zentrum des Entdeckungsfestivals, denn die kurzen Formate erlauben noch weit größere Spielräume als die stets mit ökonomischen Risiken jonglierenden Spielfilme. In der neuen Programmstruktur Rotterdams werden allerdings »Kurzfilme« als Werke von bis zu 60 Minuten Länge gefaßt, so daß einzelne Programmblöcke zeitlich sehr unterschiedliche Formate aufweisen können.

Unter der Fülle der hier gezeigten Beiträge sei nur an das auch mit einer speziellen Würdigung gekrönte Werk Otchajanie (»Verzweiflung«) von Galina Myznikova und Sergey Provoro erinnert. Den Hintergrund stellt eine unwegsame Ortschaft irgendwo in der russischen Steppe. Durch eine schneebedeckte Landschaft pilgert eine kleine, an verscheuchte Tiere erinnernde Menschengruppe, die sich hinter mitgetragenem, kargem Gestrüpp oder zuweilen auftauchenden Bäumen zu verbergen sucht. Otchajanie wirkt wie eine kristalline Metapher von Verlorenheit und Ausgeliefertsein.

Der Chilene Enrique Raminez läßt in einer One-Take-Aufnahme einen Protagonisten die Hauptstadt Santiago auf dem Weg zum Präsidentenpalast durchstreifen und durchqueren. Im Off zu hören ist ein literarisch bemerkenswerter Text, der das politische Gewissen einer Nation erklingen läßt, die noch Scham empfindet angesichts des noch vor kurzem statthabenden Terrors, der Verschleppungen und Folterpraktiken, die nun scheinbar dem Vergessen überschrieben worden sind. Raminez macht das Unbehagen an einer sich fragil über den Kadaver sich etabliert habenden politischen Struktur spürbar, ohne auch nur einmal auf eine repräsentierende Bildsprachen Rückgriff zu nehmen.

In Bagh Dad Bar Ber des Iraners Massoiud Bakhshi (Iran), der bereits in Locarno lief, wird in zynischer Verdichtung der Alltag eines einfachen Barbiers gezeigt, der sich das für seine Ausreise in die westliche Welt nötige Reisegeld bei einer lokalen Terrorgruppe erarbeitet, die ihn für die Hinrichtung der Geiseln bezahlt.

Wer von dem an sich schon überkomplexen Festivalprogramm nicht gänzlich absorbiert ist, kann sich in diverse Ausstellungen begeben, etwa in »Hungry Ghost«. Hier wurde der weltweit geschätzte asiatische Horrorfilm im Kontext einer Vielzahl asiatischer Mythen, historischer Legenden und phantasievollen Formen des Dämonen-Aberglaubens präsentiert. Der Besucher, der hier unbedacht und ohne den Einführungstext gelesen zu haben, eine falsche Tür öffnete, riskierte selbst einen Herzinfarkt.

Last not least: Rotterdam erwies dem Rebellen und absurditätshuldigenden polnischen Nonkonformisten Jerzy Skolimowski die Ehre einer Retrospektive, die man sich so bald wie möglich auch in Deutschland wünschen würde. Alle Regeln und Genres mißachtend, Realismus mit Surrealismus oszillierend, schuf Skolimowski ein
komplexes und unwegsames, will heißen: viele Entdeckungen bereithaltendes Werk, das auf seine Entdeckung selbst aber immer noch wartet.
2009-04-17 12:30
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