— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Berlinale 2009 – Perspektive Deutsches Kino

59. Internationale Filmfestspiele Berlin. D 2009. L: Alfred Holighaus.
Berlin, 5. – 15.2.09
Peter Dörflers Achterbahn

Perspektive D

Von Kyra Scheurer »Auch das Private ist politisch« – diesen Leitsatz der 68er haben sich deren direkte Nachkommen offenbar sehr zu Herzen genommen, zumindest wenn man die diesjährige »Perspektive Deutsches Kino« der Berlinale betrachtet. Denn die meisten der 12 mittellangen und langen Spiel- wie Dokumentarfilme richteten ihren Blick auf das alltägliche Miteinander – in Beziehungen, unter ehemaligen Schulfreunden, in zerbrechenden Familien oder der Einsamkeit des Alterns. Nicht »bigger than life«, das »life« selbst wird erzählt und dabei doch auch das Gesellschaftliche bzw. Universelle thematisiert, im Privaten eben. Das spiegelt sich sowohl im Dokumentarfilm, etwa Elmar Szücs sehenswertem Wir sind schon mitten drin, als auch in den fiktionalen Beiträgen der Sektion.

Hier überzeugte besonders der mittellange Fliegen, allein aufgrund der herausragenden Darsteller Sandra Hüller und Jakob Matschenz. Piotr J. Lewandowski erzählt die ambivalente Beziehung einer Dokumentarfilmerin zu einem russischen Asylbewerber: Austesten und Setzen von Grenzen, Sehnsucht nach Nähe wie Unabhängigkeit, erotische Anziehung des Verbotenen und keimende Liebe werden verhandelt auf der Folie gegensätzlicher Interessen und Welten. Dramaturgisch gekonnt verdichtet entwickelt sich in nur 25 Minuten durchaus humorvoll eine Geschichte über Macht und sich wandelnde Sichtweisen. Ein erstaunlicher kleiner Film über große Zusammenhänge – in genau der richtigen Länge. Und damit eine Seltenheit dieser Perspektive, denn die anderen mittellangen Beiträge wirkten ausnahmslos zu bemüht, zu »auserzählt« – kurz: zu lang. Während die Scheidungskindgeschichte Höllenritt ihre eigentlich banale Handlung wenigstens mit effektreicher, verspielter Filmsprache erzählt, ohne den jungen Protagonisten durch den komödiantischen Zugang lächerlich zu machen, wirkte das Drama Für Miriam verkünstelt und aufgesetzt. Die Geschichte einer schon klischeehaft kontrollierten Mathematiklehrerin, die – sich für den Tod einer Schülerin verantwortlich fühlend – deren Bruder wiederholt Übergriffe gewalttätiger und sexueller Natur gestattet, stilisiert sich bisweilen zur Erlösungsgeschichte und nervt mit hölzernen Dialogen, didaktisch daherkommenden Szenen und gestischen wie visuellen Stereotypen. Die Beziehungsstudie Nur für einen Augenblick hingegen erzählt eine gescheiterte Liebe mit einigem Gespür für die treffende Abbildung real existenter Stereotypen, ohne im enttarnenden Blick kalt zu werden. Stimmig, durch reife Bildgestaltung und eine auffallende Montage geprägt, wird hier Symptomatisches einer Generation benannt.

Soweit, so mittellang und mittelgut. Denn mit rund 300 Einreichungen gab es zwar einen neuen Rekord zu vermelden, die Qualität der gezeigten Filme allerdings war 2009 nicht unbedingt rekordverdächtig. Der spannendste Beitrag stammte bei aller Omnipräsenz der Filmakademie Ludwigsburg letztlich von einem reiferen Quereinsteiger und war – wieder einmal – ein Dokumentarfilm: Peter Dörflers Achterbahn changiert zwischen Unternehmergeschichte und Familiendrama. Der schillernde Schausteller, Großpleitier, Kokainschmuggler, Gefängnisinsasse und Liebling des Berliner Boulevards Norbert Witte wird begleitet in seinen Versuchen, die auf sich geladene Schuld dem in Peru lebensbedrohlichen Haftbedingungen ausgesetzten Sohn gegenüber zu verarbeiten und geschäftlich wieder Fuß zu fassen. Abgesehen davon, daß der Film nicht zuletzt dank der skurrilen Kulisse des stillgelegten Vergnügungsparks Plänterwald großartige Kinobilder bietet, erzählt er vor allem Elementares über Familie, Werte, Mentalitäten und stellt sich der Frage, ob es das geben kann, das richtige Leben im Falschen. Diese Erzählhaltung, die Eingang in sensibel geführte Interviews und die kluge Auswahl von Archivmaterial findet, macht Achterbahn zum interessantesten Film der Perspektive – auch wenn Zusammenhänge teilweise nicht ausreichend hinterfragt werden bzw. sich der Handlungsverlauf in Vergangenheitsdarstellung und aktuellem Kampf um den Sohn in Peru verheddert und so oft dramaturgisch zerfasert wirkt. Genau das aber ist die Perspektive, wenn sie gut ist: noch nicht perfekt, aber die richtigen Fragen stellend, noch nicht brillant, aber eine vielversprechende filmische Visitenkarte hinterlassend.
2009-04-08 17:12

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap