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Made in Europe Film Festival 2009

Aachen, Maastricht
29.3.09

Grenzgänge im Dreiländereck

Von Kirsten Dyrda Zum inzwischen dritten Mal fand Ende März das Filmfestival Maastricht-Aachen statt, das in diesem Jahr erstmals als »Made in Europe« Filmfestival firmierte. Eine europäische Ausrichtung kennzeichnet das Festival in doppelter Hinsicht: Ein cineastischer Schwerpunkt liegt auf anspruchsvollen, europäischen Arthouse-Filmen, die Organisation gestaltet sich als niederländisch-deutsche Kooperation grenzüberschreitend. Ein Festival der Regionen soll es sein, das sich dereinst – so die kühne Vision der Organisatoren David Deprez und Günter Jekubzik – um eine stetig wachsende Zahl an Spielorten in Europa erweitern möge. Nahziel ist erst einmal die dauerhafte Einbeziehung der belgischen Nachbarn im euregionalen Verbund, die als aufstrebendes, kreatives Filmland in diesem Jahr den Fokus an beiden Festivalstandorten bildeten. Entsprechend fehlte der Cannes-Drehbuchpreis-Gewinner Lornas Schweigen der Lütticher Brüder Dardenne ebenso wenig wie das wunderbar schräge wallonische Road-Movie Eldorado des aus der Grenzregion stammenden Bouli Lanners, der ebenfalls als Cannes-Gewinner des vergangenen Jahres gilt, wenngleich in der Nachwuchsliga. Gezeigt wurde aber auch der – zumal als im südostasiatischen Dschungel gedrehte belgische Ko-Produktion – außergewöhnliche Horror-Thriller Vinyan von Fabrice Du Welz, der sein Grauen kaum einmal über herkömmliche Schockelemente vermittelt. Die emotionalen Qualen eines Ehepaars des westlichen Kulturkreises auf der Suche nach seinem im Tsunami 2004 verschollenen Kind werden transportiert über faszinierende Bilder des Kontrollverlusts im sattgrünen Dickicht, verbunden mit einem verstörenden Sounddesign, sowie über eine generelle Verunsicherung inmitten einer fremden Kultur.

Besondere Filmperlen als europäische Entdeckungen zu präsentieren und das regionale Filmschaffen mit repräsentativen Gästen und ihren Werken vorzustellen, sind die Säulen im Konzept des Filmfests. So war es eine Herzensangelegenheit der Festivalorganisation, den betörenden ungarischen Beitrag Delta von Kornél Mundruczó mit seiner soghaften Bildästhetik einem deutschen Publikum vorführen zu können. Und während das Gesamtwerk der niederländischen Regisseurin Eugenie Jansen in ihrer Heimatstadt Maastricht im Blickpunkt stand, galt ihr Berlinale-Beitrag Calimucho im benachbarten Aachen als Europäische Entdeckung – die dort gleich den erstmals überreichten Lambertz-Euregio-Filmpreis erhielt. Ihre von sensiblem Spürsinn geprägte Regiearbeit rund um einen realen Wanderzirkus, mit dessen Artisten sie eine fiktive Geschichte inszenierte, erzählt von einer jungen Frau an einem entscheidenden Punkt in ihrem Leben. Gedreht im niederländischen Grenzgebiet mit niederländisch-deutsch-französischen O-Tönen ist Calimucho selbst sprachlich beispielhaft nicht nur für Europa, sondern insbesondere für die Euregio Maas-Rhein. Daß dieses Projekt für die junge Regisseurin wiederum zu einer Herzensangelegenheit geworden war, mußte eigentlich nicht erst im Gespräch nach der Vorführung betont werden. Ihr nachdenklicher, höchst authentisch wirkender Film vermittelt auch dies von ganz allein.

Bei aller Kooperation und Gemeinsamkeit herrscht allerdings auch ein deutliches Ungleichgewicht zwischen den beiden rund 30 km voneinander entfernten Städten. Während in Maastricht der einstige Rotterdam-Ableger mit (auch finanziell) gewachsenen Strukturen, mit rund 40 Filmen und fast 100 Vorstellungen in allen sechs Sälen des Lumière-Kinokomplexes als Festival pulsiert, muß sich die Aachener Sektion, wenngleich konstant gewachsen, mit 17 Filmen und nur einer Spielstätte innerhalb eines Multiplexes begnügen. Wer den Weg dorthin fand, zeigte sich begeistert von Filmangebot und anregenden Gesprächen mit den geladenen Gästen. Doch der Besucherzuspruch war bedrückend schwach. In der Studentenmetropole, in der trotz dieses Status’ seit Jahren eine Verarmung des Filmkunstangebots als traurige Tendenz verzeichnet werden muß, ist das Festival als kulturelles Ereignis noch nicht angekommen. Ob sich die Aachener Region möglicherweise schneller wieder vom »Made in Europe« Filmfestival verabschiedet als neue Kooperationen geschlossen werden können, bleibt ungewiß.
2009-04-03 12:00
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