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Verzaubert 2009

18. Internationales Queer Filmfestival.
Berlin, Frankfurt, Köln, München 18.3. – 8.4.09

Genre und Gender

Von Ines Schneider Das »Verzaubert«-Festival bietet nun zum 18. Mal den Queer Movies ein Forum (noch bis zum 2. April in Köln und vom 1. bis zum 8. April in München). Eine Gruppe, die in der Regel übergangen wird, ist hier die Hauptzielgruppe. Auch in den Filmen, die Homosexualität thematisieren, scheinen sich in den vergangenen 18 Jahren feste Muster und Erzählelemente gebildet zu haben, fast schon ein eigener Mainstream. Das Coming Out scheint ebenso ein solider Bestandteil zu sein, wie die Formel, daß derjenige, der Homoerotik am heftigsten bekämpft, am stärksten von ihr angezogen ist. Gegen wiederkehrende Elemente ist auch nichts zu sagen, so lange sie nicht zu unverrückbaren Bausteinen werden. Denn nicht jeder und jede kann sich in diesen Darstellungen wiederfinden. Jeder Mensch muß seine eigene Form der Liebe finden und seine eigenen Rituale und Bilder, um sie auszudrücken. Es gibt sie auch jenseits der jungen schicken Großstadtkörper. Viele der vorgestellten Werke sind jedoch nach wie vor mit der Absicht entstanden, neue Ausdrucksformen für die Vielfalt der menschlichen Gefühle zu finden, und das macht den Hauptreiz dieses Festivals aus.

Führt man sich vor Augen, in wie vielen Ländern der Erde Homosexualität verfolgt und hart bestraft wirkt, mag die Feststellung banal und naiv erscheinen, aber es stellt auch einen Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung dar, wenn die sexuelle Orientierung nur ein einziger Aspekt in einem Film ist, einer, der ganz selbstverständlich neben vielen anderen auftaucht.

Kann das Selbstwertgefühl von straffälligen Frauen in Kolumbien ausgerechnet dadurch gefördert werden, daß sie um den Titel der Schönsten im ganzen Knast konkurrieren? Die Direktorin des Frauengefängnisses in Bogotá erklärt von Anfang an: »Wir waren gegen einen Schönheitswettbewerb!«, und der Kommentar einer Aufseherin bestärkt die Skepsis, mit der man diese Veranstaltung betrachten kann: »Natürlich kann der Titel keinem der Mädchen eine Stelle als Fotomodel oder beim Fernsehen verschaffen…«. Sofort will man dagegen halten: Gibt es denn auch in Kolumbien nicht noch andere Berufsaussichten außer Raubmörderin oder Talkshow-Moderatorin? Darauf will dieser Film keine Antwort geben. Die Dokumentarfilmerinnen Amanda Micheli und Isabel Vega schauen auf das Leben hinter Gittern, der Kamerablick bewegt sich ausschließlich zwischen den hohen Mauern, und hier ist die bevorstehende Wahl zur Schönheitskönigin vor allem ein Grund zu feiern. Den männlichen Wärtern wird merklich unbehaglich zu Mute, bei so viel Enthusiasmus.

Als Dokumentarfilm funktioniert The Crown vorbildlich. Es gibt keine Kommentare aus dem Off, doch jede der Anwärterinnen auf den Titel der Schönheitskönigin gibt vor der Kamera noch einmal kurz ihren Werdegang wieder. Und blitzschnell sind die Rollen verteilt, genauso effektiv wie im Vorspann einer Soap Opera. Der Zuschauer vermutet unwillkürlich, daß die toughe, kleine Auftragskillerin, die so verbissen ihr Ziel verfolgt, bei der Vorauswahl nur eine Auszeichnung erhält, weil die Jurymitglieder sonst um ihr Leben fürchten müßten. Man ist kurz davor, über eine andere junge Frau überlegen zu lächeln wenn sie mit Hingabe erzählt, wie viel wohler sie sich fühle, seit ihre Gedanken um Make up, Tanzschritte und High Heels kreisen, statt um ihren ermordeten Ehemann und die Terroranschläge, die sie begangen hat. Einer anderen (bewaffneter Raubüberfall) drückt man fest die Daumen, wenn sie auf die Frage, was es denn für sie zu gewinnen gäbe, antwortet: »Mein Zellenblock würde sich so freuen!«

Und immer wieder beschwören die Filmemacherinnen den Zusammenhalt zwischen den Frauen, von denen viele ausgerechnet in der Strafanstalt zum ersten Mal Heiterkeit, Freundschaft und manchmal sogar Liebe erfahren. Als eine der Mädchen freikommt, geben ihr die Kameradinnen mit auf den Weg: »Ruf uns an, wenn du es nötig hast!« Die Kamera blickt ihr durch die geöffnete Tür nach. The Crown zeigt keine Perspektiven, doch er zeigt junge Frauen, die entschlossen sind, danach zu suchen. Man kann nicht genug bekommen von Szenen, in denen diese lebens- und liebeshungrigen Geschöpfe erklären, daß sie es kaum erwarten können, entlassen zu werden, um mit ihrer neu entdeckten Kraft ein ehrliches Leben zu beginnen und ihren Kindern liebevolle Mütter zu sein. Man möchte ihnen so gerne glauben, doch man ahnt, daß solche Vorsätze in der harten Realität von Bogotá nicht lange bestehen können. Am stärksten wirken die Eindrücke, die sich an den Rändern der Einstellungen sammeln lassen. Unter den Mitgefangenen der fünf Kronprinzessinnen sieht man beispielsweise auch die Gesichter von Ureinwohnerinnern, doch von ihnen findet sich keine unter den fünf Kandidatinnen. Dafür wird der Zuschauer Zeuge, wie eine der fünf Schönsten sich unter Tränen ihr krauses dunkles Haar glattkämmt und künstliches blondes hineinflechtet. Auch wenn die Frauen an diesem Ort vieles für sich neu erfinden, von der Vorstellung, was »schön« ist, kommen sie nicht los.

Der elfjährige Josh weiß ebenfalls genau, was ihm gefällt. Auf einen Sohn wie ihn muß man einfach stolz sein! Er ist clever, redegewandt und im Gegensatz zu anderen Jungs seines Alters steht ihm sein Haarschnitt wirklich gut. Andrea, seine alleinerziehende Mutter, ist ja auch stolz! Aber ist es normal, daß ein Junge ausgerechnet das Chearleading zu seinem Sport auserkoren hat? Daß kleine und große Buben in Chearleaderinnen vernarrt sind, verwundert niemanden (Joshs Vater ist aus diesem Grunde seit 10 Jahren »not available«), aber Josh will nicht nur selber jubeln, er kann diesen Auswuchs der US-amerikanischen Kultur auch genau analysieren, er versteht genau, was ein Team zusammenhält, und er kann zweifellos jeden aufmuntern und anfeuern, der es nötig hat, auch den Zuschauer.

Es ist im Independent Kino zu einem beliebten Motiv geworden, die Scherben einer sogenannten »normalen« Familie zu einer unkonventionelleren aber womöglich haltbareren Gemeinschaft zusammen zu fügen. So schenken auch in Ready? Okay! von James Vasquez der umwerfend selbstbewußte Josh, seine überforderte Mutter, sein nichtsnutziger Onkel, die unabhängige Großmutter und der Nachbar, ein »respectable gay man over 40«, einander letztendlich den Halt, den sie brauchen und den sie bisher an den falschen Stellen gesucht haben. Schon etwas zu harmonisch löst zum Schluß noch der simple Wechsel von einer katholischen zu einer künstlerisch orientierten Schule nicht alle, aber viele Probleme. Doch der Film stellt auch eine schlichte, aber entscheidende Frage: Wenn der Junge selbst seinen Faible nicht als Problem betrachtet, warum tun es dann so viele andere? Ready? Okay! ist ein sonnendurchfluteter, gut gelaunter Film mit einem versöhnlichen Ende, weniger zynisch als Little Miss Sunshine oder gar die Werke Todd Solondzs, aber trotzdem oder gerade deshalb grandios witzig und genauso sehenswert.

In Cthulhu von Dan Gildark ist der Protagonist schwul, doch das ist nun wirklich kein Problem verglichen mit dem Wahnsinn, der ihn sonst umgibt. In diesem Film herrscht der blühende oder besser der blubbernde Blödsinn. In eine kleine Stadt am Meer fällt hier das Böse ein. Der Zuschauer kann sich an einer wüsten Mischung aus Rosemary’s Baby, Akte X und Twin Peaks erfreuen, aber offenbar auch an Spuren von echtem Gildark, jedenfalls ist die Ausleuchtung in vielen Szenen mehr als eigenwillig. Da Cthulhu unmöglich ernst gemeint sein kann, könnte ein wohlwollender Zuschauer Potential in diesem völlig absurden Machwerk erkennen.
2009-04-01 12:00
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