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Diagonale 2009

Festival des österreichischen Films. A 2009. L: Barbara Pichler.
Graz, 17. – 22.3.09
Still aus Comeback von Mara Mattuschka, der in diesem Jahr die Personale gewidmet war

Neue Schnitte auf der Diagonale?

Von Christine Dériaz Die Qualität eines Filmschnitts zu beurteilen ist nicht nur für Editoren schwierig, weiß man doch nie, unter welchen realen Bedingungen der Kollege, die Kollegin hat schneiden können/müssen. Das gilt selbstverständlich auch für bei der Diagonale 09 gezeigte Filme. Vorneweg: Wirklich Originelles oder gar Innovatives gab es bei den 18 besuchten Vorführungen (= 33 Filme) nicht, Festivalschicksal: die beiden Schnittpreis-Gewinner-Filme PianoMania von Lilian Franck, Schnitt: Michelle Berbin, und Rimini von Peter Jaitz, Schnitt: Anja Schürenberg, waren nicht dabei, es kann über sie also leider nichts gesagt werden.

Ein ärgerlicher Trend, bei Dokumentarfilmen, hält sich hartnäckig: Das harte aneinanderschneiden von redenden Köpfen, um unerwünschten Text zu eliminieren. Mag sein, daß dies die journalistische Glaubwürdigkeit erhöht, aber es ist unschön, wenn Köpfe, sei es auch nur leicht, auf der Leinwand hüpfen, es irritiert und lenkt vom Inhalt ab, und, es ist für ein visuelles Medium doch ein wenig dürftig und phantasielos. Ein schönes Gegenbeispiel: Gangster Gilrs von Tina Leisch, Schnitt: Karina Ressler und Julia Pontiller. Da wurde mit künstlerischen Mitteln gearbeitet, also statt die im Gefängnis sitzenden Frauen zu verpixeln, oder nur als Schattenriß zu zeigen, sind sie den gesamten Film über maskenhaft geschminkt, was sie dem Zuschauer nahebringt, sieht er doch »wirkliche« Gesichter, und ihnen gleichzeitig im Schutz ihrer Maske eine Offenheit ermöglicht, die es sonst wohl nicht gäbe. Die Vermischung von O-Tönen der Frauen mit den Theaterproben, stilistisch getrennt durch eine einerseits etwas verwischte, unruhige Kamera beim Proben und andererseits ganz klaren, sauber ausgeleuchteten Bildern bei den Interviews, ergibt einen sowohl inhaltlich interessanten als auch visuell spannenden Film.

Andere optische Wege gingen dann doch zwei Spielfilme, einmal, eigentlich eine ORF Fernsehserie, tschuschenpower von Jakob M. Erwa. Jugendliche mit Migrationshintergrund toben da fünf mal 25 Minuten lang durch Wien, das Ganze poppig bunt gedreht, wild, aber nicht hektisch geschnitten, mit graphischen Comicelementen, das Bild mal beschleunigt, mal Standbild, nie Selbstzweck, sondern immer im Einklang mit der Geschichte, dramaturgisch sinnvoll. Erstaunlich eigentlich, daß der eher konservative ORF die Serie – nun endlich – ausstrahlen wird.

Contact High, Michael Glawoggers zweiter Kinofilm auf der diesjährigen Diagonale, ist eine anarchisch-witzige Drogenkomödie mit Trickgraphiken und einer Trickfilmsequenz von Mara Mattuschka versetzt, schnell, bunt und eindeutig nicht politisch korrekt. Auch hier unterstreicht die Bildgestaltung, sowohl Kamera (Wolfgang Thaler) als auch Schnitt (Monika Willi), die Geschichte, regt alle Sinne an, und man verläßt mit einem fröhlichen Lachen das Kino.

Bei den Experimentalfilmen ist auf jeden Fall Mara Mattuschka hervorzuheben, der neben ihrem aktuellen Film Burning Palace auch eine Personale gewidmet war. Hier werden sämtliche künstlerisch-technischen Ebenen mit viel Gespür für Rhythmik und Bildgestaltung verwebt. Es wird einerseits zunächst die Tonspur mit Text aufgenommen, bearbeitet, verzerrt, verlangsamt, diese wird dann beim Drehen als Playback wieder eingespielt, bestimmt somit in weiten Teilen das Spiel der Darsteller, wodurch ein surrealer Effekt entsteht. Die Kamera sorgt durch gewagte Blickwinkel für die passende äußere Form, das Ganze dann von Mara Mattuschka selbst fließend geschnitten, heraus kommt ein enorm spannendes Experimentalspektakel, das auch zu später Stunde nach einem langen Festivaltag begeistern kann.

Der Film(schnitt) wurde in den österreichischen Produktionen des letzten Jahres sicher nicht neu erfunden, aber verstecken braucht sich im, filmisch, eher kleinen Land auch niemand!
2009-03-31 13:58
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