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Fantasy Filmfest Nights 2009

Berlin, Hamburg, Köln u.a.
7. - 22.3.09
Eines der Highlights bei den Nights 2009: The Good, the Bad, the Weird von Kim Ji-woon

Der Film hinter der Maske

Von Oliver Nöding Was 2003 als Appetizer auf das Fantasy Filmfest begann, umfaßte 2009 ganze neun Filme. Die Fantasy Filmfest Nights folgen damit dem Trend des ebenfalls stetig expandierenden Mutterfestivals, das jedes Jahr aufs Neue von einem gesunden Genrekino kündet. Daß Masse jedoch nicht mit Klasse einhergeht, ist keine neue Erkenntnis und auch kein Grund für Kulturpessimismus. Was aber auffallen muß ist, daß mangelnde Qualität mit immer geschickteren Mitteln zu verbergen versucht wird: Wo Originalität, Geist und Tiefe fehlen, da wird kräftig poliert oder anderweitig geklotzt – zur Not mit 3D.

Neben My Bloody Valentine 3D, dem Remake eines 1981 schon derivativen Slashers, der seine Einfallslosigkeit mit einem technischen Gimmick besonders offensiv kaschiert, standen vor allem zwei Titel exemplarisch für meine These: Im von Michael Bay produzierten Horsemen wird Jonas Åkerlunds Stil so weit domestiziert, daß es einer Kastration gleichkommt, und auch sonst gibt es wenig Neues: kranke Mordszenarien, etwas christliche Mythologie, eine Bildsprache, die das Ende der Welt nicht heraufbeschwört, sondern beschreit, und ein Twist-Ending, das niemanden mehr überrascht, weil es schon zum Inventar gehört. Kim Ji-woons The Good, the Bad and the Weird hingegen, das südkoreanische Re-Imagining von Sergio Leones fast gleichlautendem Italowestern-Klassiker, trägt die Abgefahrenheit schon im Titel. Doch letztlich verwechselt Kim diese mit Geschwindigkeit und antwortet dem Stilwillen Leones mit stilistischem Exzeß: Die schier endlosen Einstellungen und Close Ups ersetzt er durch die totale Dynamisierung, die Protagonisten wirbeln schwerelos durchs Bild, und der Film explodiert in einer furiosen Verfolgungsjagd, die eher an Mad Max 2 als an Leone erinnert. Es ist aber bezeichnend, daß Kim versagt, wenn er zur Ruhe kommen muß. Der Showdown, bei Leone Kulminationspunkt seines Films, ist eine riesige Enttäuschung. The Good, the Bad and the Weird ist ein Spektakel, wie man es im westlichen Kino vergeblich sucht. Er demonstriert aber auch, daß das Kino der Attraktionen hart an seine Grenzen stößt, wenn es sich nicht in Menschlichkeit erdet.

Die Höhepunkte waren folgerichtig zwei kleinere Filme: Deadgirl erzählt von zwei jugendlichen Außenseitern, die vergeblich den Mädchen hinterherschauen und vom ersten Sex träumen. Im Keller einer leerstehenden Heilanstalt machen sie einen spektakulären Fund: eine Frau, die sich nicht nur als noch lebendig entpuppt, sondern gar als Untote. Der weibliche Zombie wird zum privaten Sexsklaven degradiert, mit bösen Folgen. Deadgirl gelingt das Kunststück, seine abstruse Prämisse als vollkommen glaubwürdig darzustellen und nicht nur für den Shock Value auszuschlachten. Deadgirl ist ein origineller Adoleszenzschocker, der erschreckende Einsichten über die Auswirkungen unerwiderten jugendlichen Begehrens eröffnet. Jamie Blanks widmet sich in seinem Remake des australischen Exploitationers Long Weekend zum zweiten Mal nach dem hervorragenden Storm Warning einem Mittelklasse-Ehepaar. Dieses will einen Wochenendausflug an einen abgelegenen Strand dazu nutzen, die in Trümmern liegende Ehe zu kitten. Doch von Anfang an ist klar, daß dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist. Als sich die Natur selbst gegen die beiden erhebt, steht sogar noch mehr auf dem Spiel. Blanks stellt dem Menschen ein schlechtes Zeugnis aus: Die Entfremdung von der Natur hat ihn auch von sich selbst entfremdet. So wie er seiner Umwelt feindlich gegenübersteht, so bestehen auch seine zwischenmenschlichen Beziehungen nicht mehr in einem Mit-, sondern nur noch in einem Gegeneinander, haben die Paradigmen der Ökonomie längst auch von der Privats- und Intimsphäre Besitz ergriffen. Long Weekend ist von der ersten Minute an eine beklemmende Erfahrung und funktioniert auf ganz verschiedenen Ebenen: als Ehedrama und Psychothriller ebenso wie als ökologischer Horrorfilm.

Und der Rest? Füllmaterial, mal besser – das etwas überambitionierte Debüt Franklyn – meist jedoch schlechter. Der Tiefpunkt des Festivals, der norwegische Nazizombiefilm Dead Snow, zeigt erneut, warum das Subgenre des Funsplatters das wahrscheinlich langweiligste überhaupt ist: Er erhielt immer dann den größten Applaus, wenn er am vorhersehbarsten und blödesten war. Seine Zielgruppe trauert fast 20 Jahre nach dessen Entstehen immer noch Peter Jacksons Braindead hinterher: Film als ewiger Regreß und ein Beleg dafür, daß sich nicht hinter jeder Maske auch noch ein Gesicht verbirgt. 2009-03-26 13:09
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