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Berlinale Shorts 2009

59. Internationale Filmfestspiele Berlin. D 2009. L: Maike Mia Höhne.
Berlin, 5. – 15.2.09
Einer der Preisträger 2009: Die Leiden des Herrn Karpf. Der Geburtstag von Lola Randl

Trotz allem: Der Kurzfilm bleibt vital

Von Dieter Wieczorek Wenn ein doch eher schwaches Wettbewerbprogramm dieses Jahr Publikum und Fachkritiker enttäuschte, bestätigte die Berlinale nur erneut, daß der Kurzfilm lebendiger denn je daherkommt. Selbst größere Räume wie der etwa 500 Plätze bietende Saal im Multiplex CineMaxx füllten sich regelmäßig komplett mit einem begeisterungsfähigen Zuschauerkreis. Der Kurzfilm, es spricht sich herum, riskiert einfach mehr, kann sich Experimente leisten und lockt daher gerade ein junges Publikum.

Zum ersten Mal gelang ein Film aus Paraguay in das aus 2.000 Einreichungen zusammengesetzte Programm. Marcelo Martinessi verknüpft gekonnt eine aus A-Western bekannte Stilisierung latenter Gewaltankündigung mit einer Parabelform um den Topos einer gerechten Rache. Eine in Abgeschiedenheit lebende alte Frau, bereits vortags ihrer letzten Habe beraubt, wird erneut von einem bedrohlich wirkenden Fremden aufgesucht. Die kunstvoll in Szene gesetzte steigende Spannung entlädt sich in Karai Norte (Mann aus dem Norden) im allerletzten Augenblick in unvorhergesehene Weise.

Ein Meisterwerk einer von keinem metaphorischen Überbau gemilderten Sozialrealistik ist der aus Mexiko stammende Film Buenas Intenciones (Gute Absicht) von Ivan Lomeli. Er rekonstruiert das von Aggression und Angst gezeichnete Leben in der Peripherie der mexikanischen Metropole, wo die Abfolge von Gewaltakten ritualisiert und ausweglos erfolgt, um in einem grausamen Lynchmord eines Unschuldigen zu kulminieren.

Wieder ein ganz anderes Register in der weit aufgefächerten Skala des Berliner Kurzfilmprogrammes, zugleich an Antonioni und Buñuels surrealistische Filmsprache erinnernd, schlägt der russische Beitrag Devyat prolyotov vmeste (Neun Treppenläufe zusammen) von Alexander Karavayev an. Seine Figuren sind weder sozial verankert, noch auf psychologische Grundmuster zu reduzieren. Existenzielle Freiheit und Lust am Unvorhersehbaren vibrieren in diesem Werk einer permanenten Sprache zwischen den Zeilen.

Einer der stärksten, auch mit einem Stipendium preisgekrönten Beiträge kam aus Cuba. Susane Barriga begibt sich in The Illusion auf die Spuren ihres Vaters, den sie nie zuvor kennengelernt hatte, da er vor mehr als 20 Jahren nach England floh. Ihre Begegnung ist gleichzeitig die Geschichte des Verrats, da die Tochter ihren Vater nicht aufklärt über die filmische Einspeicherung der Begegnung. Die Annäherung wird dadurch nicht einfacher…

Durch seine Ästhetik der Reduktion überzeugt Raveendran Pradeepans Ein Mangobaum vor meinem Haus. Nach dem bereits 25 Jahre anhaltenden chaotischen Befreiungskrieg in Sri Lanka vegetiert die Bevölkerung täglich im Zustand der Rechtlosigkeit, ausgeliefert einer Willkür der Waffen. Der Film des heute in Frankreich lebenden Regisseurs folgt dem tödlich endenden Schicksal einer jungen Frau, ohne durch plumpe Gewaltdarstellung wirken zu wollen.

Vom Abgrund zwischen an Würde festhaltender Selbstwahrnehmung älterer Menschen und ihrer infantilisierenden Behandlung in Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen handelt Princess Margarets Blvd. des Kanadiers Kazik Radwanski. Mit dem Hauptpreis der Kurzfilmkategorie geehrt wurde Lola Randls erneut gelungenes Porträt des neurotischen Narzißten Karpf, der diesmal an seinem Geburtstag langsam, aber sicher ausrastet, da niemand ihn anruft (Die Leiden des Herrn Karpf: Der Geburtstag). Ihr durch und durch drolliges und mit Detailbeobachtungen angereichertes Werk konfrontiert jeden Zuschauer scherzhaft und schmerzhaft mit hinreichend Wiedererkennungsmöglichkeiten. 2009-03-04 14:45
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