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Lucca Film Festival 2008

Lucca
10. - 18.10.2008

Differenzarbeit

Von Dieter Wieczorek In einem die experimentelle Kunst nicht gerade enthusiastisch begrüßenden Umfeld behauptet sich das Lucca Filmfestival nunmehr seit einigen Jahren mit ausgewählten Programmen, die neben einem Kurzfilmwettbewerb vor allem durch erlesene Retrospektiven auf sich aufmerksam gemacht hat. Nach Einladungen etwa von Michael Snow und Peter Watkins in den Vorjahren wurden nunmehr Jonas Mekas und Pierre Clémenti (1942-1999) geehrt, letzterer auch mit erstmalig gezeigten, bisher nicht editierten Werken. Diese Gegenüberstellung überzeugt auch konzeptionell, da beide Filmemacher mit einer Technik der rhythmisierten Mikrokosmologie arbeiten und in sehr schnellen Schnitten verschiedene Aktionsniveaus ständig miteinander verflechten und kontrapunktieren. Ist bei Mekas das Panorama weit geöffnet auf alle Formen der Poesie auch marginaler Ereignisse und Situationen, erscheint es bei Clémenti zentriert um eine vitale, psychotropisch erlebte Körperlichkeit. Durch die Dominanz einer rhythmisierten Realitätserfassung gelingt es beiden Filmemachern, eine energetische Auffassung verschiedener Schauplätze und Aktionsabläufe zu realisieren, der beim Zuschauer den Eindruck eines hastigen, nicht zu erfassenden, doch als vibrierendes Intensitätsfeld stets zur Partizipation einladenden, multiorientierten Kosmos entstehen lassen. In der Mekas-Rückschau überzeugte besonders sein Werk Scenes from the Life of Georges Machinas, da hier seine spezifische Schnittechnik die Funktion einer rebellierenden Fluchtlinie gegen die thematisch dominante Todesproblematik erhält.

Ein neuer eigenwilliger Programmpunkt des Lucca Filmfestivals ist die Anforderung von neuen Kurzfilmen, konzentriert um ein vorgegebenes Thema, beginnend mit »Puccini«. Unter den etwa 15 rechtzeitig erstellten Filmen finden sich Dekompositionen, wie eine systematisch entkleidete Opernsängerin im Wald (Claire Doyon: Sola, Perduta, Abbandonata), eine konzentriert skizzenhaften Rekonstruktion des Schicksals einer jungen Gehilfin im Hause Puccinis, die durch die Eifersucht seiner Ehefrau in den Tod gerieben wurde (Brady Corbets: Portrait of Doria), aber auch kühl sterile Annäherungen an Puccini, wie etwa durch die lediglich über technische Reproduktionsapparatur gleitende Kamera Michael Snows (Puccini conservato).

Ausstellungen mit Werken Christian Lebrats, sowie eine weit gefächerte Werkschau Mekas’, die das Filmprogramm begleitete, waren weitere Schwerpunkte des Festivals. Der Meister läßt es sich nicht nehmen, mit einem Weinglas in der Hand gleich am Eingang der Ausstellung per Videobildschirm sein Werk zu kommentieren, die Digitalkamera zu feiern und gleich alle Mißverständnisse zurückzuweisen, die der Term »experimentell« mitsichführt. Er mache Filme, that’s it. Mekas widerspricht damit dem selten in Frage gestellten interpretatorischen Stereotyp, daß eine Realitätserfassung lediglich dem narrativen und dokumentarischen Film zuspricht.

Das Lucca Festival ist selbst noch – dies ist nicht zuletzt sein Charme – in einer experimentellen Phase und wirkt zuweilen etwas eklektisch. Nicht alle Programmpunkte, vor allem nicht die der industriellen Animation gewidmeten, scheinen auf gleicher Höhe wie die sorgfältig präparierten und durch Katalogtexte ergänzten Retrospektiven. Doch den Organisatoren in Lucca ist zuzutrauen, daß sich hier ein Festival stabilisiert, das auch zukünftig eine Schlüsselrolle für ein »Cinéma de difference« in Italien zu spielen vermag. 2009-01-26 14:43
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