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FILMZ 2008

Mainz
26. – 30.11.08

Schuld und Frohsinn

Von Susan Noll Am Anfang stand eine Videobotschaft. Da der Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel in diesem Jahr nicht persönlich zur Eröffnung im größten Kinosaal der Stadt, dem Residenztheater, anwesend sein konnte, schickte er ganz modern einen digitalen Stellvertreter. Diesen kündigte Staatssekretär Joachim Hofmann-Göttig in einer ironisch-komödiantischen Rede bereits als filmisches Meisterwerk an. Dementsprechend locker war die Reaktion des Publikums auf die Begrüßung des Bürgermeisters zum Festival des deutschen Films in Mainz. Herzhaftes Lachen schallte durch den ganzen Saal und wurde dem Ruf des größtenteils von Studenten und ehrenamtlichen Helfern organisierten Festivals gerecht: Hier geht es weder um die technisch perfekte Vorführung, wie sich auch bei den Problemen beim Vorfilm zeigte, noch um die bierernste und intellektuell abgehobene Auseinandersetzung mit den Themen der Filme. Vielmehr zählt der Spaß am Schauen, der Kontakt und Austausch mit Machern und Publikum. Diese Mischung verleiht FILMZ nun schon im achten Jahr sein unnachahmliches Flair.

Die Eröffnung legte mit dem Vorfilm Der Conny ihr Pony mächtig vor: Der aus einem Poetry-Slam stammende Reim wurde von den Regisseuren Robert Pohle und Martin Hentze in einen collagehaften, musikalisch wie visuell abwechslungsreichen Kurzfilm verwandelt. Slammer Hentze nutze anschließend die Verzerrung des nicht ganz gut funktionierenden Mikros, um seine Späßchen zu treiben. Auch zu einer spontanen Vorstellung seiner Fähigkeiten ließ er sich überreden und legte einen ordentlich Poetry-Slam über einen wasserdichten Hund hin.

Dem Spaß zum Trotz sprach der Eröffnungshauptfilm ein ernstes Thema an und griff damit schon inhaltlich einen roten Faden auf, der sich durch das ganze Festival ziehen sollte: Schuld, Gewalt und die Möglichkeiten, damit umzugehen, standen bei vielen Beiträgen dieses Festivals im Fokus der Filmgeschichten. Peter Payers Film Freigesprochen, der nun das Festival eröffnen sollte, erzählt die Geschichte eines Bahnangestellten, der durch einen Kuß mit einer jungen Frau ein Signal nicht erwidert und dadurch ein folgenschweres Zugunglück auslöst. Die Schauspieler Lavinia Wilson und Robert Stadlober waren neben dem Regisseur bei der Vorstellung anwesend und beantworteten bereitwillig die Fragen des Publikums. Auf der anschließenden Eröffnungsparty konnte dann entspannt das Tanzbein geschwungen werden. Dies war allerdings nur eine der vielen Optionen, die das abwechslungsreiche Rahmenprogramm bot. Neben diversen Partys stach vor allem der Kurzfilm-Poetry-Slam hervor. Dabei bildeten eine Reihe von Kurzfilmen die Vorlagen zur gereimten Wortkunst der Slammer. Auch das Drehbuch-Pitching und die Drehbuchlesung erfreuten sich in diesem Jahr wieder großer Beliebtheit. Sie verkörpern besonders deutlich die Aspekte, die das FILMZ-Festival auszeichnen: die Nähe zwischen Filmemachern und Publikum und die Möglichkeit, in einem ungezwungenen Rahmen miteinander ins Gespräch zu kommen. Daß das Festival von ehrenamtlichen Helfern organisiert und ausgerichtet wird, die meisten von ihnen sind Studenten, verleiht der Veranstaltung einen spontanen und frischen Charme. Nichts ist hier perfekt durchgeplant, darin besteht der Reiz. Es geht bei FILMZ offensichtlich nicht darum, das Kino als Ort der großen Stars und Experten zu etablieren, wie es bei manchen großen Festivals anmuten mag, sondern die Freude am Film und die Bedeutung des Publikums stehen im Mittelpunkt. Und diese Ideen wurden mit einem neuen Besucherrekord von 5.230 bestätigt.

Auch Regisseur Peter Schamoni, dem in diesem Jahr die Rückblende gewidmet war, zeigte sich erstaunt und sehr erfreut über den großen Andrang an Zuschauern. Seine Filme gestalteten unterdessen das zweite große Themenfeld, um das sich FILMZ 2008 drehte: die Kunst. Schamonis Dokumentar- und Spielfilme über bildende Künstler und Musiker konnten zusammen mit dem Stummfilmkonzert des Pianisten Carsten-Stephan Graf von Bothmer zu Murnaus Faust sowie der Retro-Perspektive, die erstmals historische Kurzfilme der HFF Konrad Wolf zeigte, einen Einblick in das künstlerische Schaffen und die filmische Dokumentation desselben bieten.

Am Ende kehrte man thematisch zur Schwere zurück: Der Film Vom Atmen unter Wasser von Regisseur Winfried Oelsner gewann schließlich den Langfilmwettbewerb und konnte das Mainzer Rad mit nachhause nehmen. Das Drama um eine vom Mord an der Tochter traumatisierte Familie überzeugte die Zuschauer, die es per Zettelwahl zum Sieger wählten. Somit zeigte sich auch am Abend der Preisverleihung, die traditionell nach dem Kurzfilmwettbewerb stattfand, was FILMZ bedeutet: Spaß am deutschen Film, Mut zu schweren Themen und der unmittelbare Kontakt zwischen Machern und Publikum. 2008-11-28 12:40
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