Querschnitt. Von der Berlinale 2009

59. Internationale Filmfestspiele Berlin. D 2009. L: Dieter Kosslick u.a.
Berlin, 5. – 15.2.09

Die Querschritt-Kritikergruppe und Schnitt-Autoren berichten von den Ereignissen, Stimmungen, Kuriositäten und natürlich Filmen der 59. Internationalen Filmfestspiele Berlin.
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Keine Scherenschnitte

El Niño pez von Lucía Puenzo

Von Sarah Sander Eine junge Frau schneidet sich die Haare. Nachts, alleine, in der Badewanne sitzend, säbelt sie sich hastig die langen, dunkelrotblonden Strähnen mit einer alten Kinderschere ab. Verwandelt sich von der hübschen, verträumten Bürgertochter in eine sturr-eigensinnige Tomboy. Schnitt. Eine junge Frau sitzt auf einem Schreibtisch, hat Sex mit dem Mann davor. Nur das rhythmische Geräusch von Holz auf Holz, von Haut an Haut ist zu hören. Schnitt. An der Tür steht Lala mit ihren kurzen Haaren, guckt starr in Richtung Schreibtisch. Schnitt. Guyai hebt den Kopf, schaut unter schweißnassen, schwarzen Haarsträhnen in die Kamera, zur Tür. Als sich ihr Blick hebt, scheint er sich mit dem Lalas zu kreuzen, die stumm im Türrahmen steht. Schnitt. Doch das Zimmer ist leer, die Begegnung der Blicke eine Faltung der Zeit, wie nur der Film sie kennt.

Die beiden Szenen bringen zusammen, worauf die Narration zugelaufen ist. Sie sind der Knotenpunkt einer langen Parallelmontage, die zwei Handlungsstränge verwoben hat: Eine Busfahrt Lalas von Buenos Aires nach Paraguay, die zugleicht Flucht und Reise in Guyais Vergangenheit ist; eine Fahrt zu dem Haus am Ufer des Lago Ypoá mit all den Puppen, Postern und Fotos und den kleinen Plastiktalismännern, die am Gittergartentor befestigt sind; zu Guyais Vater und zum »niño pez«. Verschränkt sind diese Szenen der entrückt anmutenden Busodyssee mit Bildern vom Kennenlernen der zwei so unterschiedlichen Frauen: Wie sie lachen, wie sie sich küssen, sich Haarsträhnen aus dem Gesicht streichen und wie sie wieder und wieder die gemeinsame Flucht aus Buenos Aires und in das Heimatdorf Guyais planen – zum Lago Ypoá und zum niño pez. Guyai ist angestellt in Lalas Elternhaus. Gleich zu Beginn des Films schenkt sie ihr beim Wecken einen gefundenen Welpen, der zum mehrdeutig verdichteten Zeichen ihrer heimlichen Liebe wird; der durch sein Wachsen aber auch das Verstreichen der Zeit anzeigt und so die verflochtenen Stränge der Erzählungen differenziert.

Der Rhythmus der Bilder ist langsam, lakonisch und doch hochkonzentriert. In dem Narrationsgeflecht zeigt sich eine Zeitstruktur, die weit mehr als das Verweben von Gegenwart und Erinnerung ist. Zwischen den zwei Erzählungen entspinnt sich eine Kommunikation, die, parallel montiert, die »vergangene« (bruchstückhaft) immer schon mit Zukunft auflädt und die »gegenwärtige« Stück für Stück aus dem Vorangegangenen erklärt. Da beide Handlungsstränge sich jedoch chronologisch entrollen, nähern sie sich nur langsam und sukzessive ihrem Relais, dem Mord, der gleichzeitig vor und hinter allem liegt. In der »unmöglichen« Begegnung der Blicke der zwei jungen Frauen, in dieser Faltung der Zeit, laufen die zwei Fäden der Narration dann zusammen und verdichten sich zu einer Spur, der die zweite Hälfte des Films folgen wird. Wenn der Mord auch von Beginn an Flucht- oder Ausgangspunkt aller Handlungsstränge war, so wird die Liebesgeschichte erst hier aus dem mythisch aufgeladenen Sozialdrama heraus- und in einen Thriller überführt. Als Lala nach Buenos Aires zurückkehrt, beginnen die Ereignisse sich zu überschlagen und der Film folgt mit klarer Linie der konzentrierten Narration.

Lucía Puenzos zweiter Film, der die Panorama Special-Sektion der diesjährigen Berlinale eröffnet hat, entwickelt sein Thema – wie schon ihr preisgekröntes Regiedebüt – mit eindrucksvoller Vielschichtigkeit, Kraft und Genauigkeit. In XXY hat die argentinische Regisseurin die 15jährige intersexuelle Alex und ihre ersten Liebesabenteuer ruhig und präzise porträtiert; in El niño pez stellt die gesellschaftlich prekäre Liebe nurmehr den Motivator der verschiedenen Filmhandlungen dar. Die ausgefeilte Zeitmontage fokussiert dabei den Umschlagpunkt. So wie die Liebesgeschichte zwischen den zwei ungleichen Frauen von Anfang an gleichermaßen Sozialdrama wie mythisch aufgeladen war, so wird der sich zuspitzende Thriller schnell mit filmischen Genreelementen versetzt. Daß die Figurenzeichnung sich dabei ebensowenig wie die Narrationskonstruktion klarer Scherenschnitt-Muster bedient, das ist die Stärke des Films. Am Ende sehen wir Lala und Guyai angeschossen und Arm in Arm auf einn Bus zuhumpeln. So sehr dieses Bild auch an Die Hard erinnert, so sehr ist es doch mit glaubwürdigen Charakteren und mit einer Geschichte von sozialen Konflikten aus einem Buenos Aires unserer Tage hinterlegt. 2009-02-11 14:26

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