Querschnitt. Von der Berlinale 2009

59. Internationale Filmfestspiele Berlin. D 2009. L: Dieter Kosslick u.a.
Berlin, 5. – 15.2.09

Die Querschritt-Kritikergruppe und Schnitt-Autoren berichten von den Ereignissen, Stimmungen, Kuriositäten und natürlich Filmen der 59. Internationalen Filmfestspiele Berlin.
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Camus schießt jetzt auf Jogger

Distanz von Thomas Sieben

Von Julian Bauer Distanz zwischen den Protagonisten, zwischen Kamera und Objekt. Distanz in allen Bildern. Distanz zwischen Zuschauer und Projektionsfläche. Wer in Distanz, dem Eröffnungsfilm der diesjährigen Perspektive Deutsches Kino, nach Empathie sucht, wird sie nicht finden. Das könnte gut sein, doch weil Distanz Distanz, und die Wiederholung von Distanz, filmhochschulartig auf allen möglichen Ebenen durchexerziert, ist das alles leider nur ätzend.

Trotz all des Abstands ist die Kamera gleichzeitig stets in der Nähe des Protagonisten Daniel Bauer (Ken Duken) und tastet seinen ruhigen Bewegungen nach. Der Mann ist Gärtner im Botanischen Garten in Berlin. Ein Mann der wenigen Worte. Er kehrt das Laub und zwischendurch rauschen die grünen Bäume auf weißem Hintergrund. Der Mann ist krank. Das werden wir noch erfahren. Doch zunächst werden wir Daniel folgen müssen. Auf Schritt und Tritt. Daniels Rücken ist unterwegs. Man folgt ihm durch die Stadt und durchs Land. Über Stock und über Stein. Der Zuschauer wird auf Distanz gehalten und dennoch an seinen Nacken gedrückt. Die Montage – unbeholfen – unterbricht diese hinterrücks’en Ansichten mit der Handlung: Daniel mag es Menschen zu töten. Und ihre Wunden zu befingern. Zuerst lässt er einen Stein von einer Autobahnbrücke, die sich über rauschende Autoströme erhebt, fallen. Später dann zieht er mit einem Gewehr bewaffnet in den Görlitzer Park und erschießt einen ihm zufällig vors Visier laufenden Jogger. Die Hinrichtung als triebhafte Freizeitbeschäftigung. Das ist irgendwie lustig.

Doch da der Film die Wiederholungen liebt und damit die Distanz zu sich selber verliert, wird das alles letztlich anstrengend. Mann kennt die Ecken, Straßen und Parkbänke, an denen sich Daniel Bauer aufhält. Und zwar aus denselben Einstellungen 20 min vorher. Der Verdacht entsteht, man habe das geringe Bildmaterial in die Länge ziehen wollen. Vor allen Dingen wird durch diese sture Starrigkeit des Filmes jede Form des Platzierens und Erntens exponiert. Die wenigen Handlungen der Protagonisten erscheinen wie auf dem Präsentierteller. Wofür sie das erste Mal gut waren, wird beim zweiten Mal bemüht deutlich: Das Rauschen der Bäume am Anfang wird zum Rauschen der Bäume am Ende, in dem ein Schuss fällt. Ein Fernsehbericht über die Toskana, wird später zu einem Traum von dem süßen Leben in der Toskana. Die Zarte Pflanze, auf die der komische Mann Daniel zarte Blicke wirft, wird zum Entschuldigungsgeschenk in Form einer Topfpflanze.

Distanziert gibt sich auch Ken Duken in seiner Rolle. Schon in den ersten Einstellungen wird klar, dass diese Langsamkeit nicht realitätsfördernd ist, sondern dass der ganze Film durch das in die Länge gezogene Spiel merkwürdig entrückt erscheint. Vor allen Dingen weil Ken Duken so gar nicht gelingen will diesen Stillen Raum auszufüllen. Sein oft starrer Blick grenzt stets an ein aufschimmerndes Verrücktsein. Das die Augen eines Verrückten verrückt sein müssen ist einfallslos. Ken Duken spielt diesen Daniel Bauer ohne Nuancen. Der leere Blick passt zu dem uneindeutigen Rauschen der Bäume. Alles ist irgendwie bedeutungsschwanger, alles ist irgendwie vollkommen entleert. Die Vermutung entsteht, Physiognomien hätten in diesem Film keine Rolle für die Wahl des Hauptdarstellers gespielt, Ken Duken sei gegen den Strich gecastet worden. Ein großer, muskulöser gutaussehender Kerl, der im Umgang mit anderen Menschen immer eine kleine Nummer sein wird. Doch man wird enttäuscht. Mit dem Gewehr in der Hand und den Blick mordsstarr auf sein Opfer gerichtet, wird die unheimliche Ähnlichkeit mit dem Action-Star Michael Dudikoff unangenehm deutlich.

Dass der existentialistische Distanz die Kargheit zum Programm stilisiert hat, hätte nicht zum Problem werden müssen. Doch ihre redundante Verwendung lässt diesen Film zum zweifachen Lehrstück verkommen. Filmtechnisch wie dramaturgisch. Daran stirbt nicht nur der Protagonist, sondern letztlich auch der Film selbst. Distanz ist ein Film, wie einige deutsche Filme, deren Macher glauben Konzentration, Ruhe, Monotonie, Zurückhaltung oder eben Distanz seien per se schon gute Formeln für das Independent-Kino. Sie sind es jedoch nicht. Auch sie erfordern ein gewisses Geschick. 2009-02-09 14:50

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