07
Zarter Lärm
Exploding Girl von Bradley Rust Gray
Von Julian Bauer
Das Surren im Innern eines Autos. Kein Bild. Dafür Dunkel. Dann ein schlafendes Mädchen auf dem Rücksitz. Ihr ruhiges, entspanntes Gesicht liegt hinter der Fensterscheibe. An der ziehen Bäume vorüber, die zerfließen zu einer grünen Fläche. Zu dem feinen Motorsurren gesellt sich immer aufdringlicher ein Pfeifen.
Das ist der Epilog zu
Exploding Girl. Ein Sommer, in dem kaum etwas passiert. Licht, Grün und Straßenstaub. Die Handlung des neuen Films von Bradley Rust Gray ist reduziert; ist zart. Der Vorspann komprimiert diesen Film voller Leerläufe. Voller Lautstärke.
New York,
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06
Familien in Serie
Berlin Ecke Bundesplatz von Hans-Georg Ulrich und Detlef Gumm
Von Elena Meilicke
Ich weiß nicht, was in mir diese unstillbare Leidenschaft für Familiengeschichten begründet hat. War es mein eigenes Aufwachsen in der Zwei-Personen-Kleinstfamilie? War es der frühe und obsessive Konsum mädchengemäßer Lektüre von Enid Blyton und Else Ury? Was ich durch »Dolly« und »Nesthäkchen« auf jeden Fall sehr früh gelernt habe, ist, daß Familiengeschichten nach Fortsetzung schreien. Weshalb das ihnen ureigene Element die Serie oder die Langzeitdokumentation ist. Während dem einzelnen Leben unweigerlich der Tod ein Ende setzt, leben Familien immer weiter: Kinder werden geboren
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05
More than an Issue
Milk von Gus Van Sant
Von Rebekka Hufendiek
Schon zu Beginn des Films sieht man Harvey Milk (Sean Penn) in seiner Küche sitzend ein Tonband besprechen, eine Botschaft an die Nachwelt für den Fall, daß er ermordet werden sollte. Gus Van Sant erzählt die Geschichte von Harvey Milk, der als erster bekennender Homosexueller Stadtrat in den USA wurde, von Anfang an im Zeichen des Dramas.
Harvey Milk ist schon in jener ersten Einstellung ganz der tragische Held, der die politischen Ideale über das eigene Leben stellt. »It’s not just about winning«, sagt Milk einmal nach einer verlorenen Wahl. Nein, es geht um viel mehr. Es geht um
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04
Dorf, Disko, Depression
Dorfpunks von Lars Jessen
Von Friederike Horstmann
Die eigene Geschichte als Buch, als Theater, als Film. 2004 veröffentlicht Rocko Schamoni seine Vorortbiographie
Dorfpunks. Der Roman handelt von den Teenagerjahren in der Holsteinischen Schweiz Anfang der 1980er Jahre. Der Buchpublikation folgen Lesegastspiele und ein 2005 veröffentlichtes Hörbuch. 2008 inszeniert Studio Braun, jenes Telefonstreich-Trio, dem auch Schamoni angehört, »Dorfpunks« am Schauspielhaus Hamburg. 2009 zeigt Lars Jessen die Verfilmung der Achtziger-Jahre-Provinzgeschichte auf der Berlinale. Immer wieder wird seine Geschichte verändert, verrückt, abgeschliffen.
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03
Keine Scherenschnitte
El Niño pez von Lucía Puenzo
Von Sarah Sander
Eine junge Frau schneidet sich die Haare. Nachts, alleine, in der Badewanne sitzend, säbelt sie sich hastig die langen, dunkelrotblonden Strähnen mit einer alten Kinderschere ab. Verwandelt sich von der hübschen, verträumten Bürgertochter in eine sturr-eigensinnige Tomboy. Schnitt. Eine junge Frau sitzt auf einem Schreibtisch, hat Sex mit dem Mann davor. Nur das rhythmische Geräusch von Holz auf Holz, von Haut an Haut ist zu hören. Schnitt. An der Tür steht Lala mit ihren kurzen Haaren, guckt starr in Richtung Schreibtisch. Schnitt. Guyai hebt den Kopf, schaut unter schweißnassen, schwarzen
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02
Weil zu was haben wir die Emotionen?
Der Knochenmann von Wolfgang Murnberger
Von Rebekka Hufendiek
Jetzt ist schon wieder was passiert. Zum dritten Mal haben der Regisseur Wolfgang Murnberger, der Kabarettist Josef Hader und der Autor Wolf Haas einen der Haasschen Krimis um den Privatdetektiv Simon Brenner gemeinsam zu einem Drehbuch umgearbeitet, und zum dritten Mal hat Murnberger einen Film daraus gemacht, in dem der Hader den Brenner spielt. Da sag nochmal einer, es gebe heutzutage keine Konstanz mehr im Leben.
Aber interessant! Mit der Konstanz ist es nämlich andererseits wieder so eine Sache, denn wenn du die Bücher vom Haas liest und dann die Filme vom Murnberger schaust, wirst du
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01
Camus schießt jetzt auf Jogger
Distanz von Thomas Sieben
Von Julian Bauer
Distanz zwischen den Protagonisten, zwischen Kamera und Objekt. Distanz in allen Bildern. Distanz zwischen Zuschauer und Projektionsfläche. Wer in
Distanz, dem Eröffnungsfilm der diesjährigen Perspektive Deutsches Kino, nach Empathie sucht, wird sie nicht finden. Das könnte gut sein, doch weil
Distanz Distanz, und die Wiederholung von Distanz, filmhochschulartig auf allen möglichen Ebenen durchexerziert, ist das alles leider nur ätzend.
Trotz all des Abstands ist die Kamera gleichzeitig stets in der Nähe des Protagonisten Daniel Bauer (Ken Duken) und tastet seinen ruhigen Bewegungen
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