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Around the World in 14 Films

Berlin
28.11. – 6.12.08

Sehen und Erkennen

Von Tina Hedwig Kaiser Das Berliner Filmkunsthaus Babylon hatte dieses Jahr zum dritten Mal Anfang Dezember mit einem ganz besonderen Festival aufgewartet: »Around the World in 14 Films« – der Name ist Programm. Festivalperlen des vergangenen Jahres, von Cannes bis Buenos Aires über China und zurück, werden hier ausgegraben – gerade auch weil sie vermutlich selten auf die Gunst deutscher Verleiher hoffen können: zu mutig, zu speziell, zu anders. Wenigstens der Festivalbesucher darf sich also freuen.

Der chinesische Film ist seit Anbeginn, nicht zuletzt dank Festivaldirektor Bernhard Karl, besonders gut vertreten – Jia Zhang-ke, Gewinner des Goldenen Löwen von Venedig mit Still Life (2006), war dieses Jahr mit dem zweiten Teil seiner Trilogie über chinesische Künstler vertreten. Nach Dong (2006), einem Porträt des Malers Liu Xiaodong, zeigt er mit Useless (Wu Yong) ein Porträt der Modedesignerin Ma Ke, aber auch ein Porträt der chinesischen Gesellschaft zwischen billiger Nähfabrikproduktion und Alltagsfragen. Der Spielfilmregisseur zeigt hierin aufs Neue sein Talent für ungewöhnliche Dokumentarfilme, die den Zuschauer in verbindlichen und zugleich zurückhaltenden Porträts seiner Protagonisten zu fesseln wissen. So entsteht ein außergewöhnliches filmisches Essay über ganz subjektive und doch strukturelle Beobachtungen zwischen Textilien, Luxus, Globalisierung und der persönlichen Frage danach, was ein Schneider eigentlich im Untertagebau macht.

Ein weiterer Film, Night Train (Ye Che) von Diao Yinan, kommt einer ziemlichen Sensation gleich: Zum ersten Mal thematisiert ein chinesischer Film explizit die Todesstrafe. Die 30jährige Wu Hongyan arbeitet am Gericht und ist auch an der Vollstreckung von Todesstrafen beteiligt. Sie führt ein geregeltes, unaufgeregtes Leben, in dem sie mehr funktioniert als lebt. Jedes Wochenende fährt sie zu einem Single-Tanztreff, auf dem die zwischenmenschliche Kommunikation jedoch auch nicht wirklich besser verläuft. Inmitten dieser emotionalen Vereinsamung trifft sie jemanden, der auch nur zu funktionieren scheint. Die Frage nach der Möglichkeit von tatsächlicher Annäherung legt zugleich zärtlich und bitter beider getretene Sehnsüchte offen.

Letzteres stellt der japanische Film The Rebirth von Kobayashi Masahiro noch einmal etwas radikaler dar. Ein Film, der über einen nahezu endlosen Zeitraum immer wieder die gleichen alltäglichen Verrichtungen seiner Protagonisten begleitet. Wiederholung auf einem neuen Niveau: Es gibt jedesmal kleinste Abänderungen, wenn der eine ißt und die andere die Küche aufräumt – doch letztlich hat man lange nicht einen derartigen Minimalismus gesehen. Lebende Tote, die sich nach schweren familiären Schicksalsschlägen langsam einander annähern: Das sieht in Japan offensichtlich anders als in China aus. Doch das Schweigen als ersten Schritt gibt es hier wie da. Zuerst muß man sehen und erkennen.

Etwas, das auch die vielen anderen ungewöhnlichen Filme des »14films«-Festivals zu lehren vermögen. Stellet Licht von Carlos Reygadas aus Mexiko ist so ein weiterer Film, der einen zuerst einmal sprachlos und froh ob seines sehr eigenen wundersamen Bilderkosmos aus dem Kino laufen läßt. 2008-12-16 16:30
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