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DOK Leipzig 2008

51. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm. D 2008. L: Claas Danielsen.
Leipzig, 27.10. – 2.11.08

Genreübergriffe und emanzipierte Protagonisten

Von Lars Meyer Der erste Jahrgang nach dem 50jährigen Jubiläum machte einen soliden Eindruck. Nicht nur, weil Festivaldirektor Claas Danielsen zum Auftakt verkündete, zukünftig mehr Fördermittel an der Hand zu haben und damit das Haushaltsdefizit (gemessen an der Aufgabe, in der ersten Liga mitzuspielen) – immerhin – halbieren zu können. Es mehrten sich auch die Anzeichen, daß allmählich zusammenwächst, was zusammen gehört: nämlich die beiden Spaten des Zweispartenfestivals, die lange nebeneinander herliefen.

Das wiederum hat mit dem Aufschwung des animierten Dokumentarfilms zu tun. Zwar gibt es bereits seit 1997 die Programmreihe »Animadok«, doch die blieb mehr eine heimliche Leipziger Spezialität. Jetzt ging es jedoch in die Offensive: Vier Retrospektiv-Programme mit Kurzfilmen aus über 30 Jahren zeigten einige der vielen Möglichkeiten, mittels Animation verblaßte dokumentarische Bildwelten wieder zum Leben zu erwecken oder Realitätslücken zu füllen. Klar machte das: Waltz with Bashir ist nicht die Innovation, als die der Film ausgegeben wird. Und: Es geht gerade erst los. Gleich drei animierte Dokumentarfilme waren im internationalen Nachwuchswettbewerb »Generation DOK« vertreten. Der halbstündige Cyanosis von Rokhsareh Ghaemmaghami etwa blickt auch in seinen Protagonisten hinein, einen iranischen Ausnahme-Künstler, der auf den Straßen von Teheran der Repression durch eine ihn verachtende Gesellschaft ausgesetzt ist, indem er dessen bunte, an Keith Haring erinnernden Bilder verlebendigt. Außen- und Innenwelt, vermeintliche dokumentarische Objektivität und subjektiver Blick verschmelzen.

Das Aufbrechen der Genregrenzen im Dokumentarfilm setzte sich somit auch dieses Jahr fort. Doch es ließ sich noch ein subtileres Prinzip beobachten, die Bilder transparent zu machen für den filmischen Prozeß. Es zog sich wie ein roter Faden durch den Internationalen und den mit zehn Filmen zwar kleinen, aber überraschend starken Deutschen Wettbewerb. Statt unmittelbare Wirklichkeit zu suggerieren, lassen sich viele Dokumentarfilmer in die Karten gucken und lassen zu, daß die Protagonisten auch zurückfragen, als hätten diese sich von ihrer Rolle, bloß dokumentiert zu werden, emanzipiert. Der Filmemacher selbst wird damit zum Kollaborateur oder auch zum Widersacher – ein Antagonist in seinem eigenen Film.

»Du fragst ganz falsch«, maßregelt die 70jährige Marika-Rökk-Imitatorin in Der Cousin gleich am Anfang die Regisseurin Mareille Klein. Am Ende wird sie für ihre Besserwisserei bestraft, weil der großspurige geheimnisvolle Cousin, der plötzlich in ihr Leben trat, ganz offensichtlich ein Schwindler war. Avi Mograbi schafft in Z32 als zwangsläufiger Verbündeter des Protagonisten, eines ehemaligen israelischen Elitesoldaten, der im Einsatz Unschuldige erschoß, reinigende Distanz für eine Reflexion über das Thema Schuld, indem er in seinem Wohnzimmer ein Orchester versammelt und im Sinne eines antiken Chores singt: »Ich habe ach einen Mörder in meinem Film«. In Pizza in Auschwitz von Moshe Zimerman unternimmt Danny Chanoch, der als Kind fünf KZs überlebte, eine emotionale Tour de Force mit seiner Familie durch all diese Orte, damit seine Kinder ihn endlich verstehen. »Holocaust-Reality-TV« nennt das seine Tochter, denn das Kamerateam gehört längst zur Familie, und die Fahrt wäre ohne Kamera nicht das, was sie ist.

Der Film als Motor für das Leben, das er abbildet, teils mit therapeutischer Wirkung (Till it Hurts von Marcin Koszalka aus Polen, Goldene Taube kurzer Dokumentarfilm), diese Wechselwirkung kulminierte in Helena Trestikovas Langzeitdokumentation René, die folgerichtig auch die Goldene Taube erhielt (Europäischer Filmpreis folgt). Zwanzig Jahre kommt René nur gelegentlich aus dem Gefängnis, während die tschechische Realität da draußen Purzelbäume schlägt. Fleißig schreibt er der Filmemacherin Briefe und Romanstoffe, die sie veröffentlicht. Sie wird zu seiner einzigen Vertrauten. Immer wieder reflektiert er dieses Verhältnis. »Ob ich wohl je mehr bin als das Subjekt eines Filmes?« Und als Trestikova Kulturministerin wird: »Ich befürchte, Du hast jetzt keine Zeit mehr für mich.« Ein Leben für die Kamera. Und der künstlerische Dokumentarfilm, der offenbar sein neues Ethos gefunden hat, indem er zeigt, daß Realitätsabbildung nicht einseitig funktioniert. 2008-11-04 15:32
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