— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

46. Viennale

Wien
17. – 29.10.08
05

Teil 5: Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Von Martin Thomson Ab einem gewissen Alter scheint man, ganz unabsichtlich, in eine Phase lang- und kurzfristiger, ewiger oder nur scheinbar ewiger Abschiednahmen hineinzustolpern. Auch die Viennale hat dieser Tage ihr Ende gefunden. Die hübschen grauen Promotion-Taschen werden, genau wie die zahlreichen Plakate, in den nächsten Tagen aus dem Wiener Stadtbild verschwunden sein, das für eineinhalb Wochen brachliegende Privatleben einiger Dauergäste darf wieder aufgenommen werden, und auch deren Nahrungsmittelaufnahme wird nicht länger auf Rum-Kokos-Kugeln von »Casali« beschränkt bleiben, die in den Kino-Foyers gratis auslagen.

Auch die wohlige Titelsequenz, in der sich die Buchstaben der Viennale unter Ächzen zusammenschoben und jedem gezeigten Film vorangestellt wurden, haben ausgedient; genauso wie der eigens von Jean-Luc Godard für das Filmfestival angefertigte Trailer Une Catastrophe, in dem der Meister höchstpersönlich farblich verfremdetes Found-Footage-Material aus der gegenwärtigen Kriegsberichterstattung mit einer in Superzeitlupe gestreckten Kußszene aus Menschen am Sonntag zusammenmontiert hat.

Godard faßt in seinem einminütigen Clip mittels der kontrastiven Gegenüberstellung scheinbar gegensätzlicher Erscheinungen die resignative Grundstimmung nicht weniger Beiträge auf der diesjährigen Viennale zusammen. »Die Liebe ist, vom Krieg aus gesehen, über die Abwege der Kunst in 63 Sekunden zu erreichen«, schreibt Stefan Grissemann in Hinblick auf Une Catastrophe und meint darin den letzten Rest Hoffnung auszumachen, der sich nur noch im Kino verwirklicht sieht. Eine gewagte Annahme, wenn ich mir den in den letzten eineinhalb Wochen unablässig auf die Leinwand projizierten Weltschmerz vergegenwärtige. Damit der Abschied jedoch nicht allzu schwerfällt, versuche ich die sprichwörtlichen 63 Sekunden zu rekapitulieren, die über die Abwege der Kunst so etwas wie Hoffnung bereiten:

Jerichow: Thomas (Benno Führmann) beobachtet zwischen einem Vorhang seines Küchenfensters Laura (Nina Hosse) durch seinen Hintergarten flanieren, dem zentralen Ort seiner Kindheit.

Achilles to Kame: Der aufgrund eines gescheiterten Kunstprojekts am ganzen Körper in Verband gehüllte Michisu (Takeshi Kitano) bietet seinen letzten materiellen Besitz in Form einer schlichten Dose zu einem horrenden Verkaufspreis an und findet in seiner zuvor davongelaufenen Gattin Sachiko (Kanako Higuchi) eine Käuferin.

Lornas Schweigen: Der heroinsüchtige Claudy (Jérémie Renier) gesteht Lorna (Arta Dobroshi), daß es ihm leichter falle, seinen Entzug zu ertragen, wenn er sich mit ihr trifft.

The Wrestler: Randy (Mickey Rourke) schenkt seiner Tochter Stephanie (Evan Rachel Wood) eine ihrem Modegeschmack nicht gerade entgegen kommende scheußlichgrüne Seiden-Sportjacke, um ihr anschließend sein richtiges Geschenk zu überreichen: einen schicken Wintermantel, damit ihr nicht kalt wird.

Wendy and Lucy: Wendy (Michelle Williams) verabschiedet sich entschuldigend und unter Tränen von ihrem Hund Lucy.

Bevor die selektive Wahrnehmung jedoch auf hoffnungsvollen Augenblicken verweilt, sollte nicht verschwiegen werden, daß sie mit Erwin Wagenhofers Dokumentation Let’s make Money wieder auf gefährliche Weise umgelenkt wird. Der Österreicher Wagenhofer hatte bereits mit We Feed the World einen kritischen Beitrag zur Industrialisierung der Nahrungsmittelindustrie abgeliefert, mit Let’s make Money geht er einen Schritt weiter und demontiert gleich die ganze gegenwärtige westliche Finanzpolitik, die mittels Privatisierung, Liberalisierung und Lobbyismus einen Zustand herbeigeführt hat, in dem nicht länger die Politik sondern der Markt die Wirtschaft reguliert.

Wagenhofer zeigt ziemlich absurde Beispiele auf, wie mit Steuergeldern finanzierte, aber von keiner Menschenseele bewohnte Wohnanlagen, macht darauf aufmerksam, daß selbst ehemals staatliche Institutionen wie Bus- und Bahnlinien von amerikanischen Investoren aufgekauft wurden, denen die Städte viel Geld zahlen müssen, um sie den Bewohnern zur Verfügung zu stellen und beleuchtet die moralisch fragwürdigen Menschen, die im Hintergrund mit Eifer und unter Berufung auf ihre Verantwortung gegenüber Investoren die Strippen ziehen.

Die Problematik, die in Let’s make Money thematisiert wird, ist nicht unbedingt neu. Im Gegenteil: Sie ist Gegenstand fast jeden Artikels aus der Tagespresse. Aber vielleicht bietet Wagenhofers Beitrag auch die beste Möglichkeit, um die Debatten nicht verenden zu lassen, die auf eine Veränderung der gegenwärtigen Problemstellung hinarbeiten. Ein auf zwei Stunden komprimiertes und alle Seiten zu Wort kommendes Mahnmal für mehr Courage ist ja immer noch besser als nichts.

Im Dokumentarfilm unserer Tage haben sich zwei Tendenzen herausgebildet: Entweder üben sich ihre Macher in visueller Askese, oder aber sie generieren aus einem Haufen an sich unspektakulärer Archivaufnahmen und schlichten Fotographien ein Infotainment-Gewitter, das der Dramaturgie eines Spielfilms in wenig nachsteht. Roman Polanski: Wanted and Desired von Marina Zenovich, von der amerikanischen Weinstein Company und Steven Soderbergh produziert, ist ein Film, der sich eindeutig zweiter Kategorie zuschreiben läßt. Mit sehr ähnlichen Mitteln wie der vor ein paar Jahren entstandene Inside Deep Throat inszeniert, aber weit genug weg von MTV, thematisiert Zenovich einen für Wogen in der Presse sorgenden Skandal, der den Filmemacher Roman Polanski noch heute in ein zweifelhaftes Licht stellt: 1977 soll er angeblich ein 13jähriges Fotomodell unter Drogen gesetzt und vergewaltigt haben. Polanski bekannte sich damals in dem Punkt, mit der Minderjährigen geschlafen zu haben für schuldig, flüchtete aber vor Verkündung des Urteils nach Europa, wo er sich, spätestens mit dem Gewinn des Oscars für »Der Pianist« rehabilitieren konnte.

Zenovich legt anhand des Falls Polanski offen, wie Hollywood und das dort ansässige Justizsystem in der Inszenierung von skandalumwitterten Ereignissen miteinander verwoben sind. Zugleich porträtiert sie das Phänomen Polanski, dessen Leidenschaft für pessimistische Schauerfilme angesichts einer Kindheit im Holocaust und seiner vom Charles-Manson-Clan ermordeten Ehefrau Sharon Tate, nicht von ungefähr kommt. Zu einer abschließenden Bewertung seiner Person gelangt Zenovich dabei nicht, lieber beläßt sie es dabei, ihn als die zwielichtige Gestalt festzuschreiben, die angesichts ihrer Widersprüche keine allzu eindeutigen Schlußfolgerungen zuläßt.

Jia Zhangke gehört spätestens seit dem Gewinn des Goldenen Löwen für sein Meisterstück Still Life zu den gefragtesten chinesischen Gegenwartsregisseuren. Die Viennale bot daher gleich drei Beiträge auf, die sich mit dem gerade mal 37-jährigen Filmemacher auseinandersetzen: In seinem Spielfilm 24 City und seinem Kurzfilm Cry Me A River beschäftigt sich Zhangke, wie bereits in Still Life, mit einer im Wandel begriffenen chinesischen Gegenwartsgesellschaft und macht auf das Schicksal der von Veränderung am härtesten betroffenen Arbeiterschicht aufmerksam. Xiao Jia Going Home wiederum ist das dokumentarische Porträt des Machers hinter diesen Filmen.

Zhangke dreht Filme über den Verlust von Heimat, über Abschied und Entfremdung. Mit Cry Me A River bleibt der Regisseur seiner Linie treu. Der Zeit zum Opfer gefallene Hoffnungen, wehmütige Blicke in die Vergangenheit, eine im Nebel der Erinnerungen gehüllte Wirklichkeit und innerlich zum Stillstand gekommene Figuren ergeben auch hier wieder eine melancholische Filmballade von bestechender Schönheit.

In Xiao Jia Going Home wirft Damien Ounouri einen intimen Blick auf den in seinem Heimatland umstrittenen Zhangke, läuft mit ihm seine Geburtsstadt Fenyang ab, durch dessen Straßen er sich fortbewegt, als wäre er von einem nostalgischen Fieber infiziert. Anhand seiner dort ebenfalls entstandenen Erstlingsfilme, die Ounouri ausschnittweise zeigt, tritt Zhangkes enges Verhältnis zu Orten zutage, die, ähnlich wie in Filmen von Wim Wenders, die stillen Erzähler seiner Filme sind.

Unentschlossen ob ich die Viennale mit John Cassavetes’ Husbands oder doch lieber mit einem zeitgenössischen Film, der den Titel My Winnipeg trägt, beschließen soll, entscheide ich mich letztlich, dem mir unbekannten Kanadier Guy Maddin eine Chance geben zu wollen. Cassavettes wäre für einen würdigen Abschied eine sichere Bank gewesen, aber natürlich falle ich lieber auf den Charme des prächtig eingeschneiten kanadischen Zentrallandes herein.

My Winnipeg jedenfalls ist ein in somnubalen Bild- und Tonwelten gehaltenes Portrait der Heimatstadt seines Regisseurs. Doch anders als bei Zhangke dient hier Heimat nicht als subtile Austragungsstätte für ausgelaufene Erinnerungen, sondern als Umschlagplatz für belanglose Anekdoten. Allzu schnell verirrt sich der im Off monologisierende Regisseur im Gewirr seiner unsortierten Gedanken- und Bildgänge und ermüdet damit sein grenzenlos überfordertes Publikum.

Ich nehme also Abschied von der 46. Viennale, einem Festival, das mir zum Freund geworden ist. Ein Freund, dessen Anwesenheit aufgrund bohrender Fragen und stetiger Präsenz nicht immer leichtfertig zu ertragen war. Aber sind nicht gerade immer die wahren Freunde im Leben jene, die einem nicht nur sagen, was man hören will? 2008-11-03 16:43

Weitere Artikel

© 2012, Schnitt Online

Sitemap