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46. Viennale

Wien
17. – 29.10.08
04

Teil 4: Wahre Schönheit und andere Blasiertheiten

Von Martin Thomson Eine äußerst anstrengende Viennale-Woche liegt hinter mir: Illusionszertrümmerung, eigenartige Träume, schlechtes Erwachen, aufreibende Radtouren und die nicht mehr länger zu leugnende Einsicht, dank seichter Filmchen über belanglose Gaunereien oder von nackten Waldmädchen verfolgter Teenager seine geschmacklichen Präferenzen endgültig zweiflerischen Regisseuren mit übermäßigem Hang zu depressiven Märtyrerfiguren überschrieben zu haben. War ich mies drauf, weil ich ins Kino ging, oder ging ich ins Kino, um mies drauf zu sein?

Georg Simmel schrieb einmal, das Dasein in der Großstadt führe fast zwangsläufig dazu, daß man aufgrund der immerzu vorhandenen unmittelbaren körperlichen Nähe zu einer Heerschar fremder Menschen eine »Blasiertheit« entwickeln müsse: »Wenn der fortwährenden äußeren Berührung mit unzähligen Menschen so viele innere Reaktionen antworten sollten, wie in der kleinen Stadt, in der man fast jeden Begegnenden kennt und zu jedem ein positives Verhältnis hat, so würde man sich innerlich völlig atomisieren und in eine ganz unausdenkbare seelische Verfassung geraten.«

Vielleicht verhält es sich zwischen Groß- und Kleinstadterfahrung und gängiger Film- und Festivalfilmerfahrung ähnlich wie zum Gefühl, dem ich mich auf der Viennale ausgesetzt sehe, wo die Prämisse im krassen Gegensatz zum gängigen Kinobesuch steht. Denn dort kann die Filmwahl einem klar strukturierten Schema folgen, d.h. der einzelne Film muß weder als Teil eines mehrere Produktionen umspannenden Programms betrachtet, noch muß er in einem so kurzen Abstand zum letzten gesehen werden. Ein Filmfestival evoziert angesichts der Masse in kurzer Zeit gesichteter Filme daher extreme Stimmungsschwankungen. Ein emotionales Wechselbad, in dem dann auch schon mal die Grenzen zwischen ausrangierten Wrestlern, in die Welt geworfener Miniaturkörper und soziopathischer deutscher Bühnenwüstlinge zunehmend zu verschwimmen drohen.

Es wäre also ein Leichtes dieser cineastischen Überforderung mit »Blasiertheit« gegenüber zu treten. Aber lieber lasse ich mich im Hinblick auf die letzten Viennale-Tage bereitwillig innerlich atomisieren. Schon um es jenen zu zeigen, die mit seichter Kost wie Man Jeuk keine Chance gegeben werden darf. Nein, nicht mit mir! Der Kampf darf, er muß sogar weitergehen, und der erste Film bereitet mir auch dahingehend keinerlei Schwierigkeiten.

Runde 1: Leonera von Pablo Trapero.
Ein Filmstudent erzählte mir mal, es wäre unter jungen Regisseuren inzwischen verpönt, daß sie ihre Filme damit beginnen lassen, daß der Protagonist gerade aufwacht. Das wäre so, als würde sich einer als Profikoch ausgeben und seine Zubereitungen in Wirklichkeit nur mit übermäßiger Zugabe von Glutamat abschmecken. Vielleicht hatte der Filmstudent ja recht. Mit dem Zustand des Erwachens assoziiert der Zuschauer, was dem Erlebnis im Kino sehr ähnlich ist: die unmittelbare Konfrontation mit einer als unbekannt anzusehenden Realität, die sich erst lichtet, wenn die gängig geglaubten Strukturen des Tages, oder eben der filmischen Erzählung, zurück an Form und Konsistenz gewinnen. Vielleicht hatte der Filmstudent aber auch unrecht, als er es gleich per se abschrieb.

Trapero jedenfalls leitet seinen Film mit einer solch häufig verwendeten Sequenz ein: Die Titelheldin wacht mit verlaufenem Lidschatten und Blut beschmiert inmitten eines sich am Vorabend abgespielten Albtraums auf. Auch anschließend bleibt die Kamera in Großaufnahmen an ihrem Gesicht kleben, das zwischen schierer Verzweiflung und erzwungener Gleichgültigkeit changiert. Trapero gelingt es in diesen ersten Minuten zu visualisieren, was Ernst Bloch einst als den »unerträglichen Augenblick« beschrieb: ein Abgrund, dem selbst das Sterben nicht mehr gewachsen sei, ohne Boden, auf dem man zerschellen, ohne Wissen, woran der Fall ein Ende haben könne.

Leonera ist ein Film über jenen endlosen Sturz, denn aus der Bluttat geht die Titelheldin, obendrein noch schwanger, als verurteilte Strafgefangene hervor, die mit der Aussicht den Gefängnisalltag überstehen muß, ihr Kind lediglich in seinen ersten vier Lebensjahren heranwachsen sehen zu dürfen. Es ist Trapero hoch anzurechnen, daß er der Versuchung widersteht, den gegebenen Kriminalfall ins Zentrum des Geschehens zu rücken, im Gegenteil: Den Tathergang der Morde läßt er, dem abgebrochenen Erinnerungsvermögen seiner Protagonistin geschuldet, ungeklärt. Viel eher geht es ihm darum, eine Auseinandersetzung über die Verletzlichkeit eines weiblichen, von fremden Mächten in Besitz ergriffenen Körpers aufzubieten.

Runde 2: Wendy and Lucy von Kelly Reichardt.
Auch in Wendy and Lucy steht eine Frau im Mittelpunkt. Sie wird von Michelle Williams verkörpert, die spätestens seit Brokeback Mountain ihren Dawsons Creek-Karriereeinstand weit hinter sich lassen konnte. Mit Wendy and Lucy protegiert sie sich nun endgültig als tragenden Stützpfeiler des amerikanischen Gegenwartskinos, das talentierten Akteurinnen nur selten einen adäquaten Platz zu bieten hat.

Es passiert eigentlich relativ selten, daß ich im Kino mein Herz für eine Schauspielerin zu schlagen höre. Wendy and Lucy jedoch ist so ein Film. Zu schwer wog wahrscheinlich die bis heute unverarbeitete Enttäuschung über den Werdegang von Scarlett Johansson, die in Lost in Translation mit ihrem melancholisch-verträumten Halbschlafblick, in dem sich kindliche Sehnsüchte mit großer Lebensweisheit paarten, Hoffnungen auf eine viele Filme umspannende Romanze weckte, die anschließend zerschmettert wurden, als ich ihr grellgeschminktes Konterfei auf immer mehr Titelblättern von Styling-Zeitschriften ertragen mußte.

Die Zeit heilt nicht alle Wunden, Michelle Williams in Wendy and Lucy hingegen schon. Und obendrein macht sie auch noch meine als geradezu traumatisch empfundene Erfahrung mit Sally Hawkins in Happy-Go-Lucky wett, die mir in ihrer Rolle als nervige, ständig lebensfrohe Poppy fast schon die Pforten ins cineastische Zölibat aufzuzeigen drohte. Michelle Williams als Wendy jedoch ist eine in entzückenden karierten Hemden gehüllte Traumgestalt mit Kurzhaarschnitt, aus deren Augen Verletzlichkeit und Sensibilität hervorschimmern und deren Bewegungen so sanft erscheinen, als würden sie nur von einem leichten, lauwarmen Windhauch getragen werden.

Aber genug der Schwärmerei. Wendy and Lucy ist ein im wahrsten Sinne des Wortes »schöner« Film. Es gibt nicht besonders viele Filme, auf die sich dieses Adjektiv anwenden läßt, ohne daß damit süßliche kleine Liebesgeschichten, aufgesetzt freundlich-verrückte Kindfraucharaktere à la Ally MacBeal und mit schwelgerischer Indiepopmusik unterlegte Detailbeobachtungen konnotiert wären, die es regelmäßig schaffen, daß sich ihre Betrachter in die dort aufbereiteten zuckerbunten Parallelwelten verlieben, die jeden Anflug von inzwischen populär gewordenem Kollektivzynismus mit einer dicken Schicht Wachsmalfarbe aus dem Kindergarten bestreichen.

Man muß auch nicht gleich zum kafkaliebenden Klischee verkommen, deswegen sei an dieser Stelle einmal unterschieden zwischen wahrhaftig »schönen« und aufgesetzt »schönen« Filmen. Aufgesetzt schöne Filme sind, um nur einige prägnante Beispiele anzuführen: The Science of Sleep, You, Me and Everyone We Know, L’auberge espagnole, Little Miss Sunshine und Marie Antoinette. Wahrhaftig schöne Filme hingegen: Lost in Translation, das meiste von Gus Van Sant, The Graduate und, unter der Voraussetzung, zumindest fünf seiner Filme gesehen und wenigstens einen davon auswendig mitsprechen zu können, um sie nicht für oberflächliches Partygeschwätz zu mißbrauchen, fast alles von Woody Allen.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Kategorien besteht darin, daß erstgenannte Filme ausschließlich darum bemüht sind, schön zu sein, d.h. ihre Schönheit ist reiner Selbstzweck, während der Schönheit in den zweitgenannten Filmen immer auch ein Zweifel um diese Schönheit anhängt, so etwas wie ein Wissen um ihre Vergänglichkeit. Wendy and Lucy ist in dieser Hinsicht ein zartfühlend vorgetragenes Gedicht inmitten eines stagnierten Suburbs, untermalt vom kindlichen Gesumme der hinreißenden weiblichen Hauptfigur. Ein Roadmovie ohne Bewegung, in dem die schlichte, aber umso ergreifendere Liebesgeschichte um eine Frau und ihren Hund erzählt wird. Das mutet nicht nach einem großen Film an, aber vielleicht ist Wendy and Lucy auch der größte kleine Film, den man in den letzten Kinojahren sehen durfte.

Runde 3: Playtime von Jacques Tati.
Der Tribut an Franz Schwarz ist das bißchen Lokalkolorit auf der auch dieses Jahr international ausgerichteten Viennale. 27 Jahre lang war Schwarz Programmchef des renommierten Wiener Stadtkinos, zu dem auch ich ein äußerst inniges Verhältnis habe, ist es doch das erste von mir in Wien besuchte Lichtspielhaus gewesen. 24 ausgesuchte Filme, aus dem ebenfalls dem Stadtkino angehörenden insgesamt 300 Filme umfassenden Archiv wurden für das Programm ausgesucht, um Schwarz aus seinem Amt würdig zu verabschieden. Darunter Klassiker wie The Lady Eve, Touch of Evil oder Playtime, aber auch neuere Produktionen wie Good Night, and Good Luck, Die innere Sicherheit oder The Ice Storm, deren Selektion auch ein bißchen Aufschluß darüber verschafft, welche Relevanz sich einige Werke jüngerer Vergangenheit inzwischen verschafft haben.

Playtime von Jacques Tati ist nicht zu unrecht ein von sämtlichen Filmkennern respektiertes Meisterwerk. Als illegitime Fortsetzung von Chaplins Modern Times und Billy Wilders Das Appartment zu sehen, legt Tati darin mit spielerischer, aber zugleich sehr scharfsichtiger Beobachtungsgabe die Absurdität des modernen Wohn- und Arbeitslebens bloß. Eine befremdlich erscheinende Bürokratenwelt, in der seine nicht minder irritierte Hauptfigur als komödiantisches Gegengewicht zur formalistischen Inszenierungsweise geradezu verschwindet.

Runde 4: Doch von Erwin Michelberger und Oleg Tcherny.
Die letzte Runde teile ich mit einem Film, in dem es um Tourette-Erkrankte geht. Die Regisseure hatten sicht- und dankenswerterweise kein mit prätentiösen Mitleidsbekundungen behaftetes Porträt dieser neuropsychiatrischen Erkrankung im Sinn, viel eher stellen sie ihr großes Interesse für die individuellen Gedanken- und Gefühlswelten einiger ihrer Betroffenen unter Beweis. In deren Debatten geht es dabei, wie leicht anzunehmen wäre, gar nicht so häufig um die Thematisierung ihrer Erkrankung, als viel mehr um existenzielle Grundfragen des Lebens.

Es erweist sich dabei als besonders cleverer Kniff der Regisseure, auf eine Vorstellung der Personen zugunsten ihrer dadurch unmittelbarer erscheinenden Präsenz verzichtet zu haben. Auch die Naturkulisse, in der sie Platz nehmen, hilft, um jeden von ihnen in Abstand zu einem gesellschaftlichen Rahmen zu betrachten, der nur ihre Krankheit, nicht aber ihre Eigenheiten in den Vordergrund gestellt hätte. 2008-10-27 13:32

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