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46. Viennale

Wien
17. – 29.10.08
02

Teil 2: Schlaflos in Wien

Von Martin Thomson Nach meiner im letzten Festivalbericht ausführlich beschriebenen cineastischen Illusionszertrümmerung sah ich mich einem höchst eigenartigen Traum ausgesetzt, in dem ein Filmproduktionsteam das Wiener Künstlerhauskino gestürmt und alle im Zuschauersaal befindlichen Stühle zersägt hat, so daß die Gäste anschließend auf unkomfortablen Plastik- und Holztrümmern Platz nehmen mußten. Dann schob der Vorhang die Leinwand frei, auf der ein spanischer Film namens Eskalofrio projiziert wurde. Erst nachdem ein paar Minuten vergangen waren, spürte ich einen gepolsterten Kinosessel unter meinem Gesäß und registrierte, nicht mehr zu schlafen. Im Gegenteil: Es war gar der nächste Festivaltag angebrochen und mein Wachsein nicht mangelndem Melange-Konsum, sondern der Tatsache geschuldet, daß der gezeigte Film all das auffuhr, was Kino im schlechtesten Sinne als reine Illusionsmaschine enttarnt und mich als ein von jener Scheinwelt weit entferntes Individuum zurück in die Realität versetzte, der man sich vermutlich erst sicher sein kann, wenn sie einem unglaubwürdige Filme bestätigen. Nicht gerade eine freundliche Art, geweckt zu werden: Hätte es nicht wenigstens eine freundlich-naive, von mir aus auch dialoglastige französische Beziehungskomödie mit Happy End sein dürfen?

Eskalofrio jedenfalls ist eine Katastrophe. Hier ist einer ans Werk gegangen, der dem Irrtum aufgesessen ist, daß sich auch in Europa realisieren läßt, was gängigerweise Hollywood überlassen bleibt: die Darstellung von Teenagern, die von eigenartigen Kreaturen heimgesucht oder von Serienmördern verfolgt werden. Das Genre, in dem sich seine Gründerväter John Carpenter und Wes Craven mittels eines rauen Inszenierungsstils mit jugendlichen Ängsten vor Gewalt und Sexualität auseinandersetzen konnten, wurde im Laufe der Jahre zunehmend von Produktionen korrumpiert, deren einziger Reiz darin zu bestehen schien, daß attraktive Jungstars ihre athletischen Körper der Kamera präsentieren und sie gleichfalls ans Messer liefern durften. Regisseur Isidro Ortiz mag etwas vorgeschwebt haben, das sich irgendwo zwischen Kunst und Kommerz ansiedeln läßt, ist aber mit diesem Vorhaben vollständig gescheitert. Wenn die Dialoge starke Assoziationen zu den Sprechblasen aus den Bravo-Fotostories wecken und Bild- und Tonästhetik jeden nur erdenklichen Einfall aus den Musik- und Werbefilmen der letzten zehn Jahre, inklusive exzessiver Vorspulorgien, Waffen im Weitwinkel und Farbverfremdungseffekte aufgreifen, hilft auch keine pseudopsychologisierende Figurenzeichnung mehr. Schon gar nicht, wenn man sich den Plot zu Gemüte führt, in dem der sonnenkranke und auch sonst ziemlich sonderbare Protagonist die Schulhofschönheit ergattert, während seine Mutter mit ihrem Vater anbandelt, der wie zufällig auch noch im Mordfall ermittelt, in dem der Außenseiter Hauptverdächtiger ist. Der leibliche Vater des nicht nur im buchstäblichen Sinne blassen Protagonisten wird zwar zwischendurch auf blutrünstige Weise ermordet, aber kein Grund, um in Tränen auszubrechen: Was nicht für die Figuren, aber bedauerlicherweise für die Zuschauer gilt, die Sturzbäche aufgrund ihrer verschwendeten Lebenszeit vergießen dürfen.

Was an Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Lichtspielstätte kurzzeitig brachlag, wurde jedoch prompt wiedererweckt. Bei der österreichischen Produktion In die Welt von Constantin Wulff handelt es sich um einen Dokumentarfilm, der sich nicht nur, wie es für das Genre üblich ist, mit dem Leben auseinandersetzt, sondern mit dem Moment, in dem das Leben anfängt. Kino wird hier zum Geburtskanal, an dessen Ende zwar kein zappelnder Kinderkörper, aber ein vormals enttäuschter Rezensent wieder das Licht der realen Welt aus dem Projektionsapparat auf die Leinwand geworfen sehen darf.

Wulff bebildert in seinem beeindruckenden Film ganz im Sinne des Direct Cinema, d.h. ohne Einsatz von Musik, Lichtgestaltung oder Off-Kommentar, den Alltag in einer Wiener Geburtsklinik. Ihm geht es dabei weniger um das Krankenhaus selbst, als darum, einen universellen Diskurs über den Prozeß der Geburt zwischen Institution und individuellem Schicksal aufzuzeigen. Aus dem lautstarken Geschrei gerade in die Welt geworfener kleiner Menschen und der Beobachtung des bürokratischen Tagesgeschäfts um Patientenakten kreiert Wulff einen wundersamen Mikrokosmos, dessen Betrachtung tiefes Staunen und Mitgefühl evoziert.

Auch der neue Film der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne macht das schlechte Eskalofrio-Erwachen wieder wett, obgleich es darin weniger lebensbejahend zugeht als in In die Welt. Die Dardenne-Brüder waren mit ihren letzten Filmen Rosetta und L'enfant schon zu Stammgästen und Dauerpreisträgern der Filmfestspiele in Cannes avanciert und konnten dieses Jahr die Drehbuch-Palme für Lornas Schweigen einheimsen. Im Mittelpunkt ihres Films steht eine in den mafiösen Wirren um falsche Identitäten geworfene Frau namens Claudy, die, um an Geld zu gelangen, in eine Scheinehe mit einem russischen Mafiamitglied einwilligen soll. Um das zu bewerkstelligen, muß sie jedoch ihre bereits bestehende Scheinehe, die ihr die belgische Staatsbürgerschaft eingebracht hat, mit tödlicher Konsequenz beenden.

Die Dardenne-Brüder zeigen mit Lornas Schweigen in inszenatorischer Zurückhaltung, d.h. mit wenig Schnitten und einer realitätsnahen Kameraführung, die Problematik von Menschenhandel, erstarktem organisierten Verbrechen und Ausländerpolitik im gegenwärtigen Europa auf, bleiben dabei jedoch ganz auf das Einzelschicksal ihrer stoischen Filmheldin fokussiert. Die Spielszenen wirken hier fast schon trügerisch authentisch, weil sie in keiner Sekunde überstrapaziert werden. Obgleich ihr Film so nüchtern daherkommt, ist doch eine zaghaft vorgetragene Melancholie in ihm auszumachen. Die verdankt er vor allem seiner Hauptdarstellerin Arta Dobroshi, die ihre Figur im Angesicht des grauenvollen Geschehens nie sichtbar die Kontrolle verlieren läßt, ihr aber immer wieder kurze Momente des Zurückversinkens in eine anscheinend zum Schweigen gebrachte Vorstellung von einer besseren Welt einberaumt, die sie nicht mehr einlösen darf und deren Umsetzbarkeit zum Schluß auf erschütternde Weise zerstört scheint. 2008-10-22 12:04

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