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46. Viennale

Wien
17. – 29.10.08
01

Teil 1: Cinema Bites

Von Martin Thomson Cineasten haben es schwer. Nicht selten sehen sie sich dem Vorwurf ausgeliefert, sie wären naive Realitätsflüchtlinge. Ein Vorwurf, der sich angesichts der Filme, die ich auf den Eröffnungstagen der 46. Viennale sichten durfte, als haltlos erweist. Kino entzaubert hier Scheinwelten, bestätigt Befürchtungen und enttarnt woanders schöngefärbte gesellschaftliche Idealvorstellungen als Lügengebilde. Am Ort, wo angeblich Träume geboren werden, schläft es sich dieser Tage schlecht.

Vorurteil 1: Nein, von Beginn ihres Lebens an zu Künstlern Berufene erlangen nach jahrelangem Mißerfolg nicht zwangsläufig den großen Durchbruch. Dabei leitet Takeshi Kitano seinen neuen Film Achilles to kame so optimistisch ein, daß kein Zweifel daran besteht, daß der Sohn eines reichen Kunsthändlers, der hier im Mittelpunkt steht, einmal zu Ruhm und Ehre gereift. Nicht nur, daß ihm sein Vater und dessen Freunde jede nur erdenkliche Unterstützung zukommen lassen, selbst seine erwachsenen Mitmenschen bereiten ihm angesichts der Bewunderung für sein Talent eine Welt, die sich ganz seiner Malkunst unterwirft. Da kommt auch schon mal freiwillig ein vollbesetzter Bus zum Stehen, wenn sich der mit Stift und Papier bewaffnete Künstler davor positioniert.

Kunst verändert die Welt. Ein schön klingender Irrtum, den Takeshi Kitano alsbald dekonstruiert. Kunst ist vor allem ein hartes Geschäft, regiert von schnellebigen Trends, bevölkert von erfolglosen Idealisten, mißverstanden von ihren Betrachtern und mißbraucht von ihren Händlern. Dem Klischee von Kunst als Kampf, geht der japanische Regisseur, der hier auch seine Malerrolle im realen Leben persifliert, zwar nach, gleichwohl ohne daß irgendeine Aktion seines Protagonisten darauf hinausläuft, daß ihm bei aller Kraftanstrengung sein Ziel zu erreichen gelingt. Achilles to kame ist deswegen so überwältigend komisch, weil Kitano auf konsequente Weise Erzählkonventionen von Erfolgsstories aufgreift, um sie anschließend auf ihre realitätsferne Absurdität hin aufzulösen. Das erinnert unfreiwillig an den humoristischen Effekt, den die TV-Serie Die Simpsons erzielt, wenn ausgerechnet die von Homer Simpson mit besonderem Eifer und zumeist noch mit Aufschwung verheißender Musik unterlegten Aktionen prinzipiell am schwerwiegendsten danebengehen.

Vorurteil 2: Nein, Liebe ist keine von ökonomischen Umständen und schuldhaften Verstrickungen zu denkende Zuckerbäckerwelt glücklich tanzender Verliebter, die sich bei Anstimmung der Schlußfanfaren das Ja-Wort geben. Christian Petzold läßt sich getrost als einer der wenigen deutschen Regisseure wertschätzen, die auf ernsthafte Weise das Interesse verfolgen, die deutsche Alltagsrealität in all ihrer Häßlichkeit abzubilden, aufgrund derer nicht wenige die Flucht in Geschichtsstoffe, das künstlerische Schaffen im amerikanischen Exil oder die Arbeit unter dem Patriarchat eines gewissen deutschen Großproduzenten präferieren. Mit großer Tiefenschärfe gefilmte, kaltnüchterne Schnellstraßenlandschaften, auf denen sich gespenstische, in die Innenräume ihrer leise summenden Automobile gekrochene Charaktere verfahren zu haben scheinen, bilden wieder einmal das motivische Ausgangsmaterial für seinen neuen Film Jerichow. Nachdem er sich mit Wolfsburg am deutschen Mittelstand und mit Yella am Business-Milieu abgearbeitet hat, taucht Petzold diesmal die Welt der Erwerbslosen und in die Schuldenfalle Geratenen in seine gewohnt melancholischen Bildhalbträume. Schonungslos schält er eine aus diesen Umständen hervorgebrochene schizoide, von Mißtrauen und Schuld behaftete Dreiecksgeschichte hervor. Petzold gelingt es, seiner charakteristischen Ästhetik treu zu bleiben, an die Brillanz seiner Vorgänger, allen voran Die innere Sicherheit, gelangt er jedoch nicht heran. Das hängt vor allem mit dem Umstand zusammen, daß es ihm diesmal nur teilweise gelingt, die zur puristischen Ästhetik seiner vorherigen Filme passende Zurückhaltung in Bezug auf Spiel- und Dialogszenen zu bewahren. Gerade dann, wenn sich seine Figuren in Extremsituationen hineinmanövrieren, entgleitet nicht nur ihm, sondern auch seinen Schauspielern das subtile Maß, das seine Vorgängerfilme auszeichnete.

Vorurteil 3: Nein, zu Legenden gereifte Musiker wie Bob Dylan sind nicht die sensiblen Poetenseelen, als die sie sich gerne darstellen, sondern oftmals einfach nur überhebliche, von den kommerziellen Interessen ihrer abgebrühten Manager gesteuerte Ignoranten. Bob Dylan ist innerhalb populärkultureller Diskurse nie in Vergessenheit geraten, aber dennoch ist es wohl dem Erfolg von I’m Not There zu verdanken, daß er sich seiner Position in der Musikgeschichtsschreibung noch sicherer sein kann. Ein Umstand, den die Programmgestalter der Viennale daher mit einer umfassenden Retrospektive von Dokumentar-, Konzert- und Spielfilmen beantwortet haben, in denen die Legende auftritt.

Zum Auftakt wurde der wahrscheinlich bekannteste, wenn nicht gar der erste seriöse Konzertdokumentarfilm aufgeführt, der von Regisseur Pennebaker ganz im Stile des damals aufkommenden Direct Cinema entstand – einer Bewegung innerhalb des Dokumentarfilms, die bewußt auf einen Off-Kommentar verzichtete und sich vom Minimalaufwand technischen Equipments versprach, so wenig wie möglich in die Wirklichkeit des Geschehens einzugreifen. Don’t Look Back ist ein gelungenes Beispiel für das Funktionieren dieses gestalterischen Prinzips, das die Rockmusikwelt nicht als Traum-, sondern als befremdliche Scheinwelt enttarnt.

Vorurteil 4: Nein, Farmer sind für die unwürdigen Umstände, unter denen sie Tiere halten und schlachten, weder verantwortlich noch sind Tierschutzorganisationen an Verschärfung dieser Problematik unbeteiligt. Die britische Dokumentarfilmregisseurin Molly Dineen ist dabei in treuer Gefolgschaft, erfreuen sich kritische Beiträge, die sich mit den Konsequenzen aus Liberalisierung, Privatisierung und Globalisierung in den westlichen Industrienationen auseinandersetzen doch immer größerer Beliebtheit. Nicht selten bleiben Filmemacher jedoch auf ihren spekulativ entworfenen Katastrophenszenarien sitzen und bieten nur in Ansätzen Anregung für eine differenzierte Auseinandersetzung. Dineen steht dem bis zu einem gewissen Grad in nichts nach, ihr gelingt es mit The Lie of the Land aber dennoch, das in Großbritannien heißumstrittene Thema »Nahrungsmittelindustrie« vor dem Hintergrund der Fuchsjagd-Debatte um einen aufschlußreichen Beitrag zu bereichern, indem sie das Dilemma einer Berufsgruppe jenseits vereinfachender Zuweisungen abbildet.

Vorurteil 5: Nein, Kinderarbeit ist auch noch in Ländern der westlichen Hemisphäre an der Tagesordnung. Eugenio Polgovskys Dokumentarfilm Los Herederos porträtiert eine Gruppe mexikanischer Kinderarbeiter. Jedes von ihnen wird bei Verrichtung einer Tätigkeit gezeigt. Diese Einzelsequenzen gliedert Polgovsky so auf, daß sie, unterbrochen von wiederum anderen, immer wieder aufgegriffen werden. Mittels der Montage entsteht der Eindruck eines geschlossenen Kreislaufs, aus dem es kein Entkommen gibt. Die Ältesten sind hier das mahnende Beispiel eines generationenübergreifenden Körpermißbrauchs, nur kurzfristig sorgen Musikeinschübe für eine Auflockerung dieses enervierenden Films, der sich, wahrscheinlich beabsichtigt, wie anstrengende Arbeit anfühlt.

Vorurteil 6: Nein, die Holocaust-Verarbeitung ist weder vor ihrer Überantwortung in triviale Pornographie gefeit, noch davor, daß die in fragwürdiger Gräuelästhetik verfaßten Werke einiger ihrer Urheber dem israelischen Schulunterricht als historisches Ausgangsmaterial dienen. Ari Libskers israelischer Beitrag Stalagim – Shoa ve pornographia be’israel sorgt schon bei Entdeckung im Programmheft für Erstaunen. Libsker untersucht die Ursprünge und Wirkung der aus Israel stammenden Pulp Fiction in Form der so genannten »Stalags«, die in den frühen 1960er Jahren eine zweifelhafte Popularität unter Jugendlichen erlangten, die den Holocaust nicht mehr miterlebt hatten. Die Auseinandersetzung mit den in jenen Schundhaften zusammengetragenen Sadomaso-Phantasien, in denen sadistische KZ-Aufseherinnen in Lack- und Lederkluft amerikanische G.I.s foltern, um letztlich von ihnen, zur Rache, vergewaltigt zu werden, verschaffen dem Zuschauer die Möglichkeit, Vergangenheitsbewältigung einmal aus einer ganz anderen, neuen Perspektive wahrzunehmen. Daß schwer oder überhaupt nicht zu bewältigende Begebenheiten der Vergangenheit nicht immer ein an traditionellen Begriffen der Pietät und Rücksichtnahme behaftetes Kalkül finden müssen, läßt sich gerade an subkulturellen Erscheinungsformen am besten festmachen. 2008-10-20 18:10

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