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Oldenburg Filmfestival 2008

Oldenburg, 10. – 14.9.08
Auch auf dem Filmfest zu sehen: Die deutsche Produktion Das Fremde in mir

Viel Glück und wenig Tränen

Von Daniel Bickermann Das Filmfest wurde 15 – ein schönes Alter: Man muß noch nicht nach den Regeln der Erwachsenen spielen, man entdeckt neue wilde Seiten an sich, findet aber auch stabile Freunde – und darf mit denen auch mal bis nach Mitternacht feiern.

Während Oldenburg all diese Kriterien des 15. Geburtstags abhakte, neue Räume zum Feiern fand und alte Verbündete wie die JVA als feste Spielstätten einrichtete, erschloß sich die eigentliche Aufgabe des Festivals doch erst im Cinemaxx: Zwischen Aufstellern zu High School Musical 3 und dem neuen Bond wird klar, daß hier mitten im Herzen des Mainstreams cineastische Aufklärungsarbeit geleistet und ein kühnes Gegenprogramm angeboten wird. Und als könnte man die Kinogänger mit Plüsch in die aufregenderen Filme locken, ist das Festival der Liegestühle noch einmal bequemer geworden: Die neue »Ullmanns Lounge« als Sofakino mit Fellteppichen war stimmungsvoll, sexy und im Falle allzu langwieriger Filmabende fast zu gut gepolstert.

Der erfahrene Festivalgänger weiß aber, daß die Qualität eines Festivals kaum an der Bestuhlung und auch nicht unbedingt an den Wettbewerbsfilmen festzumachen ist, sondern an den Retrospektiven. Und so gesehen ist Oldenburg ein Maverick-Festival im besten Sinne: Es leistet sich Retros und Tribute-Reihen ganz wie die »Großen«, doch wo bei denen die Werkschauen oft zu Bauchpinseleien für längst etablierte Arthouse-Großköpfe geraten, macht man in Oldenburg immer wieder die erstaunlichsten Wiederentdeckungen längst vergessener Filmemacher. Und die Werkschau des ewigen Enfant terrible James Toback konnte da in Sachen Überraschungspotential auf jeden Fall mithalten: Wann sah man zuletzt einen Film mit Ben Stiller, Claudia Schiffer, Mike Tyson, Robert Downey Jr., Elijah Wood und dem halben Wu Tang Clan in den Hauptrollen? Wer sonst mischt Brahms und Schostakowitsch mit Hip Hop und Doo Wop? Und wo findet man heute noch einen so spontan improvisierten Filmstil und so radikal ehrliche Sexszenen? Toback mag als Jahrgangswein beim ersten Schluck noch ein bißchen stark und vollmundig gewirkt haben, aber nach einigen Kostproben kriegte man nicht mehr genug von der kuriosen Geschmacksmischung.

Der diesjährige Stargast Seymour Cassel, Schutzheiliger aller US-Indie-Debütanten, braucht dagegen keine Retro, seine Filme sind regelmäßig in Oldenburg vertreten. Diesmal durfte er sich auf dem berüchtigten Oldenburger Walk of Fame verewigen und gleich zwei neue Filme vorstellen, von denen LeVar Burtons ergreifendes Krankenhaus-Melodram Reach for Me besonders beeindruckte und bei der samstäglichen Galavorstellung nicht ohne schweren Tränenfluß im Publikum über die Leinwand ging. Ohnehin überzeugte die Auslese aus der amerikanischen Indie-Szene mit allerlei Edelsteinen: Clark Greggs verspielte Romanverfilmung Choke drehte sich höchst vergnüglich um Sexsucht, Irrenhäuser und die Erstickungsgefahr in Restaurants; Brian De Palmas Irakdrama Redacted signalisierte eine Rückkehr zu den wirkmächtigen Low-Budget-Wurzeln; und Chris Eigemans stimmungssicheres Regiedebüt Turn the River bot als nachdenkliche Zockertragödie nicht nur den heimlichen Festivalhöhepunkt, sondern auch eine Karrierebestleistung von Famke Janssen als ebenso abgebrühte wie verletzliche Billardmutti.

Die deutschen Produktionen präsentierten sich nach einigen durchwachsenen Jahren dieses Mal stärker, staubten in Gestalt von Emily Atefs Mutterschaftsmelodram Das Fremde in mir alle drei zu vergebenden Preise ab und zeigten mit Florian Schwarz’ Tatort: Waffenschwestern eine der herausragenden TV-Produktionen der letzten Zeit. Die Rolle der durchwachsenen Filmkultur fiel dieses Jahr den westeuropäischen Nachbarn zu, die in Gestalt von Mike Figgis’ mißglücktem Digital-Experiment Love Live Long und der zurecht gescholtenen Houellebecq-Selbstverfilmung Die Möglichkeit einer Insel auch die einzigen namhaften Enttäuschungen zu bieten hatten. Aber auch hier gab es mit der köstlichen und überraschend nüchternen van-Damme-Selbstparodie JCVD und dem extrem spannenden Söldnerspionage-Reißer Female Agents echte Entdeckungen. Unschlüssig blieb man nur angesichts des heißersehnten neuen Films des großen Nicolas Roeg, seinem ersten seit 13 Jahren: Der digital gedrehte und zutiefst britische Hexenhorror Puffball wirkte trotz einer begnadet aufspielenden Kelly Reilly seltsam müde und altbacken, vielleicht angesichts all der Don’t Look Now-Versatzstücke, die Roeg hier neu auflegt. Immerhin gelingt dem Altmeister auf eigenem Terrain ein Triumph, indem er die atemberaubendste Sexszene der letzten Jahre abliefert. Mit 15 darf man sowas ja auch schon gut finden. 2008-10-01 10:57

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