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65. Internationale Filmfestspiele von Venedig

Venedig, 27.8. – 6.9. 2008
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Einbrechende Scheinbauten – der Wettbewerb

Von Dieter Wieczorek Bis zuletzt hielt der Spekulationsdschungel an, denn würdige Kandidaten für den Goldenen Löwen gab es doch einige. Schließlich machte The Wrestler vom 1969 in Brooklyn geborenen Amerikaner Darren Aronofsky das Rennen. In guter Erinnerung ist noch die nervöse und unglaublich dynamische Kameraführung seines Requiem of a Dream, die ihn augenblicklich ins weltweite Rampenlicht stellte. Sein jetziger Film zeichnet sich dagegen eher aus durch eine ingeniöse Verflechtung von Geschichte und Metageschichte, Einzelschicksal und Zeitgeschehen, welche die mit u.a. Wim Wenders und Johnnie To besetzte Jury zu überzeugen vermochte. Einerseits bietet Aronofsky die Story eines alternden Ringers, den der brutale Extremsport in eine lebensbedrohliche Situation katapultiert, eines Mannes der lebenslang eine solitäre Existenz führte, um seinem spektakulären Gewerbe zu folgen. Erst ein Herzversagen läßt ihn versuchen, sein Leben in zwischenmenschliche Bahnen zurückzulenken, Anschluß zu suchen an die verlorene Tochter und an eine Frau, die er als Stripperin kennenlernte, auch sie alternd, auch sie gefangen in ihrer Rolle. Selbst eine einfache Arbeit zu akzeptieren ist er zunächst bereit. Doch auf diesem alltäglichen Feld ist der von seinen Fans verehrte Kämpfer gänzlich hilflos, seine Fehler bleiben unverziehen, und zurückgewiesen windet er sich erneut komplett isoliert. Das ihn als Kampfmaschine liebende Publikum, das, um Anerkennung zu spenden, seinen möglichen Tod fordert, wird ihm zu seiner einzigen noch verbleibenden Familie, zu der er zurückkehrt.

Aronofskys einfache Story überzeugt jedoch auch als Dechiffrierung der Genese von Kampfbereitschaft und Soldatentum als Formen der Selbstaufgabe. Die Akzeptanz einer Anerkennung verheißenden Identität wird zur unausweichlichen Endstation. Der Wrestler wird zum Stellvertreter aller Kämpfer, für die es keine Alternative mehr gibt. Ästhetisch findet Aronofsky eine überzeugende Form, gespaltene Existenz zu verbildlichen. Das krude
Kampfgeschehen zur Belustigung des zahlenden Publikums wird in langen, detailfreudigen und spektakulären Sequenzen bis zum Einrammen von Heftzwecken ins lebendige Fleisch des Kampfpartners eingefangen. Langsame und subtile Szenen dagegen indizieren den ganz anderen Lebensraum eines hilflosen Mannes, der keinen Zugang mehr hat zu Verpflichtungen und Moderationen, die ein alltägliches Leben abverlangt. Jenseits des Kampffeldes hat der Wrestler keinen Lebensort mehr.

Vom Unbehagen in der Alltagskultur handelt auch ein weiterer US-amerikanischer Beitrag im Wettbewerb. Eine am Stadtrand von Las Vegas lebende Kleinfamilie, dominiert von einer befehlsgewohnten Mutter und Ehefrau, verkörpert die kleinbürgerlichen Ideale des Wohlverhaltens: Kirchgang, Nutzgarten, geregelte Arbeit, Schulerfolg und vor allem Abstinenz von kleinen Lüsten. Die fragile Oberfläche beginnt zu zerbröseln, als das Gerücht aufkommt, eine größere Geldsumme könnte sich im eigenen Garten verbergen. Langsam und unaufhaltsam beginnt der Alltag aus dem Trott zu geraten, immer mehr Energie wird investiert, um den verborgenen Schatz, Methapher der Hoffnung auf ein anderes Leben, zu heben. Vorher akzeptierte Verhaltenscodes und Werte werden über Bord geworfen, das Chaos in Kauf genommen. Der schöne Schein der Normalität liegt am Ende unter Bauschutt vergraben. Vegas: Based on a True Story des heute in den Staaten arbeitenden Iraners Amir Naderi hält gelungen die Waage zwischen einer Komödie des Irrsinns und dem Drama des zusammenfallenden kleinen Glücks. Die unaufhaltsame Destruktion ist zugleich eine notwendige Befeiung von der Wohlverhalten verkörpernden Haustyrannin, die ihre Machtposition vor allem durch die Tabuisierung der wirklichen Vorgeschichten der Lebenspartner aufrechterhalten hatte.

Einstürzende Scheinwelten sind auch Thema in Jonathan Demmes Rachel Getting Married. Hier ist es die alkoholabhängige Schwester der Braut, die das als Idyll geplante Familienzusammentreffen aus der Bahn wirft; und es ist auch hier die Lüftung sorgsam gehüteter Familiengeheimnisse, die ein morsches Gebäude des Zwangsglücks zusammenstürzen läßt. Demmes Tonalität allerdings ist eine durchgängige latente Hysterie, eine beklommenes, exaltiertes Festhalten an den Mustern des glücklichen Familienlebens. Das Unbehagen an der Inszenierung wird auch bei Demme fühlbar, jedoch ohne die Subtilität und innere Dynamik, die Naderis Film auszeichnet, und ohne die entlarvende Subversivität Aronofskys.

Noch ein weiterer US-amerikanischer Beitrag fand sich im Wettbewerb, zumindest einer zu viel: Kathryn Bigelows The Hurt Locker ist eine der ästhetisierenden Heroisierungen des Krieges und seiner Protagonisten, gegen die Filme wie The Wrestler Einspruch erheben. The Hurt Locker handelt von einem rebellischen, letztlich erfolgreich seinen »Stil« durchsetzenden Einzelkämpfer. Er bietet folglich erneut die ideologische Lieblingsfigur der Staaten, fragwürdiger noch: Er schafft das saubere Publicity-Bild amerikanischer Soldaten, die noch unter Lebensgefahr das Leben eines einzelnen irakischen Familienvaters zu retten versuchen. Bigelow bringt ein Werk nach Venedig, in dem selbst das Zu-Boden-Fallen einer Patronenhülse zum ästhetischen Ereignis wird und Soldatenfutterphilosophie die Passagen aufkommender Selbstzweifel zukleistert. Folgt der Festivalleiter Marco Müller hier der fatalen Strategie, durch Absenken der Toleranzgrenzen, angesichts des fast zeitgleich laufenden, stets an Einfluß gewinnenden Festivals in Toronto, US-amerikanische Beiträge am Ort zu halten? Dem Festival wird dies auf Dauer kaum wohl tun.

Der deutsche Beitrag im Wettbewerb, Christian Petzolds Jerichow, basiert auf einem beachtlichen Skript, doch Kameraführung und Regie wirken eher »ereignislos«. Die Geschichte eines Verrats Shakespearescher Einfachheit und Härte entfaltet sich. Eine zwangsverheiratete Ehefrau instrumentalisiert ihren Geliebten, zum Mörder ihres verhaßten Gatten zu werden, der als türkischer Geschäftsmann in Deutschland eine isolierte und freudlose Existenz führt. Zu spät erkennt die Frau die uneigennützige Liebe dieses Mannes für sie. Doppelt verraten von ihr und dem jungen Mann, den er zu seinem Vertrauten machte und eine neue Lebenschance eröffnete, stirbt der Exilant einen einsamen, von altgriechischer Dramaturgie geprägten Sühnetod, der sein ursprüngliches Verschulden rächt, eine Frau gegen ihren Willen an sich hat binden zu wollen, einen Tod, der einsetzt gerade in dem Moment, als er seine Verschuldung hat lösen wollen.

Kinematographische Brillanz entfaltet dagegen Patrick Mario Bernards und Pierre Trividics französischer Beitrag L'autre. Eine keine Antizipationen erlaubende Montagetechnik und die Präsenz kühler architektonischer Räume, oftmals in gleißend abperlendes Nachtlicht getaucht, kristallisieren vom ersten Augenblick an eine Atmosphäre latenter Bedrohung. In diesen Räumen und Schnittstellen scheint der menschliche Körper fehlplaziert und fragilisiert. Ein plötzlicher Blick in den Spiegel läßt eine Frau für immer ihre feminine Souveränität angesichts ihres sichtbar werdenden Alters verlieren. Gerade noch mit selbstbewußter Geste die Trennung von ihrem jüngeren Geliebten in Szene setzend, driftet die Verunsicherte kurz darauf in eine Krise ab, die ihr den Verlust ihres Liebespartners zunehmend unerträglich erscheinen läßt, vor allem, als sie von seiner neuer Allianz erfährt. Ihre Existenzzweifel treiben sie zu Gesten exhibitionistischer Verzweiflung. Ihre Fluchtbewegung zu einem Geliebten früher Tage transformiert sich erneut in Panik, als sie von dessen tödlicher Erkrankung erfährt. Für ihre subtile Darstellung einer hilflos navigierenden Frau, der ihr unattraktiver werdender Körper zum unerträglichen Gefängnis wird, erhielt Dominique Blanc den Preis der besten schauspielerischen Leistung.

Der Preis der besten Regie wurde Aleksei German jr für sein Werk Bumaznyj Soldat zugesprochen. Der russische Film rekonstruiert die historische Situation des Jahres 1961. In einer abgeschlagenen Gegend Kasachstans wird der erste bemannte Raumflug vorbereitet. Angesicht mangelnder Sicherheitsmaßnahmen und chaotischer Unüberschaubarkeit wirken die Kosmonauten wie Opferfiguren eines sinnlosen Spiels. Mit offensichtlicher Vorliebe für theatralische Verdichtung und Dialogdominanz verknüpft German die große Geschichte mit einer Vielzahl von kleinen. Er entfaltet einen wirbelnden, stets sich neu auffächernden Mikrokosmos aus Beziehungskrisen, Annäherungen und Entfernungen, Zweifeln und Rebellionen. Angesichts der Eigendynamik dieser kleinen Geschichten wirkt die große zuweilen wie ein insignifikanter Fremdkörper. Die Allianz zwischen den Protagonisten und ihren Aufgaben scheint sich zu lösen. Was bleibt ist die Suche nach dem kleinen persönlichen Glück, die auch zwei Frauen zusammenführt, die nur eines verbindet: ihre Liebe zu einem verstorbenen Mann. Der verantwortliche medizinische Offizier hielt dem Streß des menschenverachtenden Treibens nicht mehr stand.

Auch für Venedig gilt, was bereits in Locarno zu konstatieren war. Die Wettbewerbsfilme sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, weniger markant als die in den Nebenreihen »Orizzonti«, »Settimana internationale della Critica« und »Giornata degli autori« positionierten Werke. Doch seien hier noch zwei Werke notiert, denen eine baldige Verbreitung nur zu wüschen ist. Die italienische Produktion Birdwatchers des in Chile geborenen Marco Bechis thematisiert den Versuch indianischer Ureinwohner, ihr ehemaliges Land in Matto Grosso wieder in Besitz zu nehmen, von dem sie zu unrecht enteignet wurden. Er zeigt den Konflikt zwischen in ereignislosem Reichtum dahinvegetierenden Großplantagenbesitzern und den desorientierten, zu Mindestlohnarbeit degradierten Indianern, deren ritualisierte Lebensformen sich auf das Merkwürdigste mit der Notwendigkeiten einer technologisierten Gesellschaft mischen. Verstoßen sie gegen die Spielregeln der Mächtigen, findet man sie oft aufgeknüpft an Bäumen. Ihr Stolz und Wille, die eigene Kultur nicht zu verraten, wird geschwächt durch Verräter in den eigenen Reihen, von Korrumpierten, die der Aussicht auf einen bescheidenen Wohlstand westlicher Prägung nicht widerstehen können. So kann ihr Widerstand schnell und brutal zerschlagen werden, um nicht zum Modell für weitere Rebellionen zu werden. Bechis zögert nicht, das Geschehen passagenweise mit Klängen klassisch-religiöser Musik zu untermalen, das Risiko einer ethnozentrischen Ferne auf sich nehmend. Aber angesichts des kulturellen Mix, dem die Urbevölkerung bereits ausgesetzt ist, wirkt auch dies kaum mehr befremdlich.

Von gescheiteren Hoffnungen handelt auch Teza des Äthiopiers Haile Gerima. Hier sind es in Deutschland geschulte und ausgebildete äthiopische Ärzte, die mit der Hoffnung auf einen möglichen Demokratisierungsprozeß nach dem Zusammenbruch des tyrannischen Regimes Haile Mariam Mengistus in ihr Land zurückkehren. Doch finden sie sich bald in der Rolle erst ungeliebter, dann gejagter und gefolterter Fremdlinge, aufgerieben zwischen ideologischen Scheinkämpfen sozialistischer Splittergruppen, zwischen Militärjunta und Rebellen, rachelüstern die einen wie die anderen, die das Land zerrütten. Gerima unterlegt dieses Hauptthema mit einem weiteren: die Zukunft der in Deutschland geborenen Kinder aus Mischehen, die in Äthiopien gewiß keine, in Deutschland dagegen nur eine Zukunft als Marginalisierte erwartet, wenn nicht – Gerima spart das Extrem nicht aus – als Opfer mörderischer Rechtsextremer. 2008-09-09 17:24

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