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61. Filmfestival Locarno 2008

Locarno
6. – 16.8.2008
03

Teil 3: Abseits des Rampenlichts

Von Dieter Wieczorek Auch 2008 bot das Festival Locarno wieder eine Reihe hervorragender Dokumentarfilme fern des großen Medienrummels. Die heute in Schweden lebende Iranerin Nahid Persson geht in ihrem Film Four Wives – One Man der Polygamie in ländlichen Zonen des Iran nach. Bereits in ihrer 2004 entstandenen Dokumentation über Prostitution und Verarmung im heutigen Iran (Prostitution Behind the Veil) hatte Persson ihr Talent für sensible, im Dialog sich entfaltende Nahporträts bewiesen. Ohne Einreiseerlaubnis dirigierte sie nunmehr ihren Film aus der Ferne. Die Regie vor Ort führte ihre Tochter. Offensichtlich gelingt es dem Team, nicht nur das Vertrauen jeder der vier in der Zwangsgemeinschaft lebenden Frauen, sondern auch das des Familienoberhauptes samt dessen dominierender Mutter zu gewinnen. So gelingt es, auch die nicht für die Öffentlichkeit bestimmten, oftmals rüden Wortwechsel einzufangen. Der nörgelnden Großmutter wird da schon einmal der Tod an den Hals gewünscht, und das Wort »Schlampe« macht nicht selten die Runde. Dieser überraschend »offene Ton« wird schnell erklärlich aus den Zwängen des Zusammenlebens auf engem Raum, wo Eifersüchteleien, Enttäuschungen und Zukunftsängste dominieren. Andererseits fängt Persson auch immer wieder Momente der Solidarität zwischen den Frauen ein, die Konflikte im Scherz lösen. Die ausgebildete Journalistin vermeidet jede Parteinahme. Die Frauen haben in diesem geschlossenen Kosmos offensichtlich das für sie kleinere Übel gewählt, wenn auch oftmals mit der anfänglichen Illusion einer wirklichen Liebesbeziehung. Vereinsamung oder noch härtere soziale und psychische Umstände wären die Alternativen gewesen. Der Mann profitiert ohne Zynismus und Hypokrasie, die auch der Außenperspektive des westlichen Welt schlecht anstehen würde, wo eine vergleichbare Praxis sich lediglich hinter kaschierenden Bezeichnungen verbirgt und Monogamie nur als Fassade aufrechterhalten wird.

Beata Dzianowicz (Polen) dokumentiert in Latawce afghanische Jugendlichen in einem Lehrkurs der Kabuler Kunsthochschule, dessen Ziel darin besteht, sie ihre eigene Realität dokumentieren zu lassen. Der Lernprozeß wird in allen Etappen von anfänglichen Mißverständnissen bis zur intensiven Arbeit aufgezeichnet. Die Jugendlichen müssen vor allem lernen, dem Realen Raum zu geben und zu verzichten auf Effekthascherei und Intervention. Hinhören ohne zu inszenieren, Verstehen ohne Wahrheiten zu schaffen, um der Individualität ihres Gegenübers gerecht werden zu können, sind die Schlüsselmomente dieser Schulung, die weit mehr ist als das bloße Erlernen eines Metiers. Überwältigt von den Erlebnissen ihrer Interviewpartner vergessen die Jugendlichen schon einmal, die Kamera einzuschalten, auch dies eine wichtige Etappe, um sie daraufhin um so bewußter einzusetzen.

Der 11. September war der Auslöser für den »Hit-Man« John Perkins, sein Schweigen zu brechen. »Economic Hit-Mans« sind mit kaschierten Namen und Funktionen reisende US-Geheimagenten, die an der Durchsetzung der US-Interessen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln arbeiten. Diese Staatsbeamten gehen – wie hier aus erster Hand berichtet wird – in den immer gleichen drei Schritten vor, um kollaborationsunwillige Systeme zu stützen und die Weltmachtinteressen der USA zu sichern. Gelingt die Korruption der Machtspitze nicht, werden strategische Kräfte ins Territorium geschleust, um einen Staatstreich vorzubereiten. Mißlingt auch dies, folgt als dritter unausweichlicher Schritt die Ermordung der Schüsselfiguren des resistenten Territoriums, angefangen beim Staatsoberhaupt. Der griechische Dokumentarfilmer Stelios Koul folgt vor allem den detaillierten Berichten Perkins’ über die Ermordung des ecuadorianischen Präsidenten Jaime Roldos, der sein Land dem US-amerikanischen Einfluß entziehen wollte und am Aufbau einer lateinamerikanischen Allianz gegen den US-Weltherrschaftanspruch arbeitete. Gleichzeitig folgt er den strategischen Interventionen der Weltbank, die durch Kreditvergabe Länder in unkündbare Abhängigkeiten verstrickt und zu Befehlsempfängern der US-Interessen degradiert, gekaufte Stimme auf UN-Konferenzen und Zwangsalliierte der Rohmaterialbeschaffung. Die Rückzahlforderungen der Weltbank lassen die USA noch nicht einmal als die unmittelbar Verantwortlichen erscheinen. Doch erst McNamara, unmittelbar nach seiner Amtsentlassung als US-Verteidigungsminister, puschte von 1967 bis 1981 die Weltbank von einem ursprünglich 900 Millionen in ein 12,5 Billiarden Euro manipulierendes Unternehmen. Im Detail widmet sich Koul dem Verbleiben der 20 Milliarden Dollar irakischen Kapitals, das in den Vereinigten Staaten konfisziert wurde. Während 10 Milliarden gänzlich verschwanden, wurde das Restgeld im absurden Freistil in Hundert-Dollar Notenbündeln unters Volk gebracht und die Chance einer strukturierten Rekonstruktion offensichtlich ganz bewußt verspielt. Der Titel Apology of an Economic Hit Man indiziert den Versuch des Ex-Geheimagenten, mit sich selbst ins Reine zu kommen und sich in öffentlichen Debatten für seine kriminellen Akte im Staatsauftrag zu entschuldigen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Schwierigkeiten dieses Prozesses verschweigt Koul keineswegs.

Der Beitrag The Forteresse widmet sich dem Zusammenleben in einem Migrantenauffanglager in der Schweiz. Die aus Krisengebieten in aller Welt kommenden Bewohner warten hier oftmals Monate auf die Entscheidung über ihren Asylantrag. In dieser Zeit ist das Personal mit den Ängsten, Aggressionen, Depressionen und schockierenden Erlebnisberichten der Flüchtigen konfrontiert. Wie den richtigen Ton zu finden zwischen Abstand und Anteilnahme, wie zu entscheiden über das weitere Schicksal der Hilfesuchenden sind die Fragen, die von Fernand Melgar (Schweiz) mit Subtilität behandelt werden. Er beschäftigt sich vor allem mit den emotionalen Belastungen in dem isolierten, häufig überbelegten Kontrollamt. Er zeigt aufrichtige Anstrengungen ebenso wie Hilflosigkeiten auf beiden Seiten. Obwohl eine wirkliche Kommunikation kaum gelingen kann angesichts der völlig unterschiedlichen Lebenswelten, fängt Melgar auch die raren Momente ein, in denen ein befreiendes Lachen kleine schmerzlindernde Atempausen schafft. 2008-08-25 13:20

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