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61. Filmfestival Locarno 2008

Locarno
6. – 16.8.2008
01

Teil 1: Neben der Piazza Grande

Von Dieter Wieczorek Eine der Erfolgstrategien des Filmfestivals in Locarno ist es, Zuschauer mit vornehmlich großen Unterhaltungsproduktionen auf die Piazza Grande zu locken, die sich dann auch zu Tausenden allabendlich – zuweilen unter Regenschirmen verborgen – vor einer der größten Open Air-Leinwände Europas einfinden. Die weitaus interessanteren Arbeiten aber werden, neben den Wettbewerben, in den Jungtalenten gewidmeten Programmreihen wie »Leopards of Tomorrow« und »Open Doors« oder in der sich auf audiovisuelle Grenzarbeiten zwischen Videokunst und Autorenkino konzentrierenden Sektion »Play Forward« präsentiert.

Trotzdem kann man eine mehr oder weniger glückliche Hand auch bei der Auswahl der Großproduktionen haben, und nach der mißglückten vorjährigen Eröffnung mit einem hypertechnologisierten, animierten Fabelversatzstückwerk spielte Locarno dieses Jahr die Karte der Religiosität, die in apokalyptischen Zeiten bekanntlich ihre Hochkonjunktur feiert. Aber ob der Liebesverrat einer attraktiven britischen Aristokratin, verursacht durch das Aufbrechen verschütterter Schuldkomplexe ihrer streng katholischen Erziehung in einem überaus hypokriten Milieu trotz hochdotierten Dekors und perfekter Kostümierung über 132 Minuten ein Publikum bannen kann, bleibt zu bezweifeln. Glücklicherweise trinkt sich in den Nebenrollen ein narzißtischer Jüngling, Bruder der Zweiflerin, danieder, und eine dominierende Mutter triumphiert als subtile Tyrannin in Julian Jarrolds Brideshead revisited, aber wirklich bedeutsam wirkt das Werk trotzdem nicht, vielmehr fehlplatziert in diesem Auftaktsmoment.

Komplexere Probleme wirft da schon das auf der Piazza gezeigte Werk des zweiten Abends, Amos Gitais Plus tard tu comprendras auf. Gitai, dem dieses Jahr in Locarno der Preis für sein Gesamtwerk verliehen wirft, entwirft die ebenfalls um Religiosität zentrierte Geschichte einer wohlhabenden und gut funktionierende Familie, in die plötzlich die Erinnerung an den Holocaust einbricht, über die die Großmutter bisher ein perfektes Stillschweigen bewahrte. Erst angesichts ihrer tödlichen Erkrankung öffnet sich die souveräne Frau (Jeanne Moreau) ihren Enkeln und übergibt ihnen während ihres ersten gemeinsamen Besuchs in der Synagoge die letzten Erinnerungsstücke an ihre verschleppten Eltern. Zeitgleich recherchiert ihr Sohn die Familiengeschichte, besucht die letzte Lebensstätte seiner Großeltern und ringt schließlich angesichts der Perfektion der bürokratischen Wiederaufarbeitung durch die heutigen französischen Wiedergutmachungsbeamten um Atem. Selbst der letzte kleine Besitz der in Auschwitz Eintreffenden ist in Akten gut dokumentiert. Die überraschende Darstellungsperspektive des Holocaust als nachträgliches Erleben aus zweiter Hand kann der Gefahr sentimentalistischer Unschärfe nicht immer entrinnen. Gitais Werk schreibt sich einer Chabrolschen Logik schmerzhafter Lüftung des Familiengeheimnisses weit eher ein, als er Antwort zu geben vermag auf die oftmals eingeklagte Undarstellbarkeit des Holocaust.

Im internationalen Wettbewerb können schon subtilere Töne angesprochen werden. Die türkisch-deutsche Koproduktion Sonbahar von Özcan Alpers folgt einem todkranken, aus politischer Haft Entlassenen in seinen Heimatort im bergischen Hinterland. Die Einheimischen, samt seiner Mutter, können die Gründe seiner Inhaftierung kaum nachvollziehen, die ihn als Flashs verfolgen, die seinen geschwächten Körper immer wieder aus dem Schlaf reißen. Die langsame Geschichte einer Heilung beginnt, die den Mann für ein neues Koordinatensystem öffnen. Unter freiem Himmel schlafend, dann der feuchten Kühle des einbrechenden Winters ausgesetzt, wird jedoch erst die Begegnung mit einer jungen Migrantin zum Wendepunkt, die ihr überleben, wie das ihres zurückgelassenen Kindes, durch Prostitution sichert. Sie bringt die Hoffnung eines völligen Neuanfangs auf, an den auch er schließlich zu glauben beginnt, bevor er mit einem erneuten Scheitern konfrontiert wird. Alpers zeichnet einen Kosmos umgreifender politischer Desillusion, in dem auch private Glücksverheißungen zum Scheitern verurteilt sind.

Welatê efsanê des kurdischen Regisseurs Rahim Zabihi nimmt Elemente einer Parabelsprache zur Darstellung der jüngsten Geschichten seiner im iranisch-irakischen Krieg aufgeriebenen Landsleute auf, die bis heute eine von allen Seiten bedrohte Existenz im Grenzgebiet zwischen dem Iran, Irak und der Türkei führen. In Zabihis im Wettbewerb der »Filmemacher der Gegenwart« präsentierten Film sammelt ein Einbeiniger Unterschriften für die Vergeltungsansprüche der unbeachteten Opfer des Regimes Saddam Husseins und macht sich zur Zeit des Schauprozesses unter Lebensgefahr auf den Weg nach Bagdad. Eine flüchtende Frau mit Kleinkind gesellt sich zu ihm. Im Schneetreiben sieht er sich gezwungen, die Dokumente zu verbrennen, um durch ein Feuer das Leben der dem Kältetod Nahen zu retten. Gewiß stilisiert und mitunter artifiziell wirkend überzeugt Zabihis Werk durch eine symbolische Klarheit, die mit Beckettschem Gestus absurde Vergeblichkeit anklingen läßt angesichts weltweiter Ignoranz und zynischer Zurschaustellung, die noch von Saddams schnell organisiertem Tod profitiert.

Auch im Kurzfilmbereich ist in den ersten Tagen Locarnos bereits eine kleine Festivalperle zu verzeichnen. Aus Slowenien kommt Matevz Luzars Vucko. Den diesen Namen tragenden Hund lieh sich ein vereinsamter Alter von seiner Nachbarin, um mit seiner Hilfe Kontakte auf der Straße schließen zu können, ein jedoch zunächst kaum erfolgreiches Unternehmen. Der Mann lebt erst wieder auf, als zwei schüchterne Zeugen Jehovas an seine Tür klopfen, um ihm ihre frohe Botschaft zu bringen. Doch die wirklich frohe Botschaft hält er für sie bereit. Luzar und seine Schauspieltruppe schaffen ein überaus heiteres, durch Beobachtungsreichtum sich auszeichnendes Werk, das vom Publikum mit anhaltendem Applaus gewürdigt wurde. 2008-08-11 12:09

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