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Coté Court – 17. Festival du Film Court Pantin

Paris
10. – 21.6.2008

Der kleine Bruder Clermont-Ferrands

Von Dieter Wieczorek Das im Juni in Pantin am Stadtrand von Paris angesiedelte Filmfestival Coté Court ist vor allem ein Ort des Austausches für all die Ränge und Namen, die in Frankreich das Filmgeschehen bestimmen. Vertreter der staatlichen, regionalen und städtischen Subventionsinstitutionen, Massenmedien, Filminstitute, Schauspieler, Drehbuchautoren, Verleiher und Produzenten lassen hier während des Eröffnungs- und Abschlußfestes den Champagner ins Echolose fließen, von kleinen Büffets und Seitenevents zu schweigen. Neben den Wettbewerbsprogrammen unterstützen oder programmieren hier Canal+ , das Kurzfilmarchiv »Maison du Film Court«, Sacem etc. einen Teil der Programmblöcke. Die Partnerliste des Festivals liest sich wie das »Who is Who« im französischen Filmgeschäft. Die Zusammenarbeit der Kräfte erlaubt es ebenso, eine Fülle von kleineren und größeren Preisen zu attribuieren, der Akt ihrer Vergabe füllt ein ganzes Abendprogramm aus. Kurz, Pantin ist der kleine nationale Bruder des Weltfestivals Clermont-Ferrand in Frankreich.

Nun reicht das alles nicht hin, um auch ein überzeugendes Wettbewerbsprogramm zu liefern. Im Vergleich zu den nationalen Programmen in Clermont-Ferrand scheinen die Beiträge hier weniger strengen Auswahlkriterien zu unterliegen. Vielmehr wird man in Pantin die Filme wiederfinden können, die eine gute Chance haben, im Laufe des folgenden Jahres von den nationalen TV-Stationen France 2 und France 3 ausgestrahlt zu werden, die in Frankreich auch den Kurzfilmen eine öffentliche Präsenz garantieren. So mag es auch kein Zufall sein, daß es unter der Fülle der französischen Beiträge gerade die weniger französischen waren, die die Jurys mehr überzeugten. So gingen gleich drei Hauptpreise, der »Prix d‘Emergence« (Dringlichkeit), der Publikumspreis und der Residenzpreis an Franco Lollis Como todo el mundo, einen Film, der sich sozialrealistisch konfrontiert mit dem spannungsgeladenen Verhältnissen eines pubertierenden, seinen Spaß suchenden Jugendlichen mit seiner Mutter, die sich schließlich prostituiert, um ihr gemeinsames Überleben zu sichern. Im Gegensatz zu vielen anderen Beiträgen, die sich auf Themenfelder wie libidinöser Ambitionen, Paarproblematiken und Rollenverhalten beschränkt zeigen, öffnet der in Spanien situierte Film den Blick auf außerpsychologisch Reales.

Die Italiener Luca und Diego Governatori rekonstruieren in ihrem mit dem Jugendpreis gekrönten Vita de Giacomo die Zweifel eines jungen Seminaristen an seiner religiösen Berufung und schaffen zugleich ein sensibles Porträt von Jugendlichen, die sich noch intensiv Sinnfragen stellen. Der Große Preis ging an La vie lontaine von Sébastien Betleder, ein Werk, das mit 56 Minuten Länge eigentlich nicht mehr zu den Kurzfilmen zu rechnen ist. Sein Thema ist die zunehmende Infiltration des Realen durch eine poetische Wahrnehmung in Form des in Szene gesetzten Phantoms des japanischen Romanisten Haruki, der einzelne Landhausbewohner in seinen Bann zieht. Betleder läßt auch schon mal menschengroße Stoffiguren auftreten, um seine Effekte zu erzielen. Das bemerkenswerte Werk Madam von Cyprien Vial dagegen wurde in die Nebenreihe »Panorama« verbannt. Vial präsentiert eine Frau in den besten Jahren, die, angesichts ihrer schweren Erkrankung gefangen im Rollenspiel ihres sozialen Status, Kontakt sucht zu der sinnlichen Spontaneität ihrer Jugendzeit, die sie bei ihrem Chauffeur wiederfindet. Sie beginnt, die harten Mechanismen sozialer Ausgrenzung plötzlich von der anderen Seite zu erfahren.

Seit einigen Jahren beherbergt Coté Court auch Sonderprogramme des experimentellen Films und der Video Art. Zu den gelungenen Beiträgen ist Fabiana Cruz’ Partition linéaire #2 zu rechnen. Hier wird eine Komposition Vivaldis in Realzeit mit Kreidestrichen auf Bürgersteige und Straßenasphalte gezeichnet, Musik wird unmittelbare, verspielte Bewegung. Johanna Vaude schafft in Anticipation mit suggestiven Fragen und Zitaten im Off und bedrohlichen Bildfolgen eines nicht näher identifizierbaren Horrors ein Panorama zwischen Paranoia und sensitiver Aufzeichnung einer in die Apokalypse treibenden Zivilisation. Traumastiftung, hier aber im engen Familienmilieu der Kindheit angesetzt, wo ein faschistischer Großvater, ungestört vom öffentlichen Blick, seine Privatdiktatur auslebt, ist Thema auch in Libronero von Daniela de Felice. Ihrer assoziativen freien Bildsprache gelingt es, jenseits jeder dokumentarischen Verengung, schmutzige Familiengeheimnisse zu evozieren und gleichzeitig zu überschreiten. Orientalische Fremdartigkeit ohne exotische Übertünchung schafft Frédérique Devaux in K (Réves / Berbères). Mehrere Soundschichten und fragmentarisierte Bildfolgen in Super8-Technik verbinden sich zu einem Reigen sinnlicher Impulse, die vom ständigen Einbruch der Fremden in gerade sich etablierende Strukturen zeugen und die wiederum von Devaux mit den »Träumen des Exils« der Berber assoziiert werden. Der Hauptpreis des Wettbewerbs im Experimentalfilm ging an »EA2« von Vincent Dieutres, der den schwierigen und auch schmerzhaften Versuch nachzeichnet, den Abschlußmonolog aus Jean Eustaches Le Maman e la putain nachzusprechen und sich zu eigen zu machen.

Der Höhepunk des diesjährigen Coté Court Festival war gewiß die mit 70 Titeln überaus umfassende Werkschau André S. Labarthes. Der Mann mit dem Hut und den gewagten Thesen steht in Frankreich seit seinen ersten Porträts in den 1960er Jahren (Cassavetes, Godard, Lang, Fuller, Jerry Lewis, Rauschenberg, John Ford, Hitchcock) bis hin zu seine neueren Arbeiten (Scorsese, Kitano, Cronenberg, Bataille, Artaud) für eine intellektuelle Fragelust, die in keinem Moment Kompromisse an eine Banalisierung des kreativen Aktes zu machen bereit ist. Labarthe umgibt sich mit den Insignien eines opaken Genialismus, der von der Nichtkommunizierbarkeit des eigentlichen Zentrums des Kunstwerks ausgeht. Seine aufgezeichneten Gespräche und Annäherungen, interessanterweise ausnahmslos im Auftrag von TV-Sendungen erfolgt (was einen gewissen Gegensatz zur deutschen TV-Szene markiert), folgen allesamt einer Logik des Treffens der Gleichen unter Gleichen und gestehen den Partnern ein Höchstmaß an individuell abweichender Selbstdarstellung zu. Labarthe kommt mit wirklichen Fragen, auf die er keine wirklichen Antworten zu finden hofft, da die Fragen einfach eine Nummer zu groß für Antworten sind. Lediglich das Enigma der künstlerischen Transformation hat die Würde und die Verantwortung, der banalen Faktizität der Erscheinungen etwas entgegenzusetzen, um sie der unhintergehbaren Verfallszeit zu entziehen. Vorhersehbarkeit der eigenen Handlungen wie auch der des Gegenübers, so wurde auch in dem vom Festival organisierten Treffen mit Labarthe klar, gilt es zu vermeiden: So verwundert es nicht, daß das Thema des einzigen fiktionalen Werks Labarthes L’homme qui a vu l’homme qui a vu l’ours (The Big O) jene Gestalt ist, die für Spekulationen und Legendenbildungen paradigmatisch ist: Orson Welles. Erneut wird hier der unmögliche Weg zu einem möglichen Testament, zu einer möglichen Bestimmung des eigentlichen Willens und Wollens Welles in Form einer Reihe von Befragungen, Deutungen und Kommentare beschrieben, die allesamt in eine labyrinthische Situation münden, in deren undechiffrierbarem Zentrum Welles hockt. Man wünschte sich eine integrale Untertitelung von Labarthes Werken für den deutschen Sprachraum, um dieser Einzelerscheinung auch diesseits des Rheins gerecht zu werden. Selbst die oftmalige Überzogenheit seiner Thesen (etwa die Bildmontage mit der Guillotinearbeit gleichzusetzen etc.) ist fruchtbar für einen assoziativen Freischlag aus den Deutungsmustern. 2008-08-01 14:57
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