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Crossing Europe 2008

Linz
20. – 26.4.08
Diorthosi von Thanos Anastopoulos

Mehr Zeit für Europa

Von Christian Lailach Wenn Das Erste mal wieder ganz aktuell und gesellschaftlich höchst brisant eine Themenwoche namens »Mehr Zeit zu leben« ausruft, spring doch einfach in den Zug und nimm Reißaus! Bei Crossing Europe in Linz wirst du zwar auch um eine knappe Woche altern, hier aber mit Würde.

Suchst du beispielsweise auf der dortigen Einkaufs- namens Landstraße das »Dachcafé«, nimmst du Platz in den tiefen Achtzigern; um dich all die, die eigentlich gerade im Ersten Hauptrollen spielen. So sitzt ihr da und lebt den Moment: Deine Großelterngeneration mit einem Wein lesend in der Früh’, du mit einem Verlängerten sinnierend in der Eck’. Und nun? Ein wenig vom Drumherum schwärmen? Von der »Pixelhotel«-Initiative des Vereins zur Reurbanisierung und Stadtreparatur, die in kleinen Hinterhöfen alten Garagen samt Wohnwagen Hotelzimmer implantiert und so, neben ganz eigenwilligen Übernachtungsmöglichkeiten zu schaffen, die Leerstellen der Stadt wiederbelebt? Von den kreativsten Caterern, die Weltreisen und Schilflandschaften inszenieren und damit neben den Filmen im wahrsten Wortsinne in aller Munde sind? Ja, du schwärmst und findest trotz allem Zeit für eines der europäischsten, jüngsten und heuer grausigsten Festivals des Kontinents.

Europäisch, weil alle Platz finden im gefühlten Mittelpunkt Europas. Jung, weil Crossing Europe gerade einmal fünf Jahre alt wurde. Nicht viel für ein Festival, das Qualitäten hat, eines der unprätentiösen Großen zu werden. Alltäglich ausgebuchte Säle und ein mutiges Programm, in das ein feines dunkelrotes Garn gewebt ist, gehen nur selten miteinander einher.

Der Wettbewerb läßt sich in diesem Jahr unter die »Suche nach Sinn, Liebe, Zukunft« subsumieren (auch hier bist du gar nicht so weit entfernt von der Themenwoche im Ersten). Isild Le Besco gewinnt diese mit einem überzeichneten, desorientierten Ausreißer, der Zuflucht bei einer gleichaltrigen Prostituierten findet. Dialogarm spielt sie mit Wiederholungen, langen Einstellungen und eindringlichen Schauspielern. Deren ihnen immanent wirkende Gleichgültigkeit zu allem wirkt dermaßen stark nach, daß selbst die größte aufgebaute Abneigung zu Charly – und die dramaturgische Überkandideltheit – sich in gezwungener Zustimmung auflösen. Ähnlich, aber doch anders polarisiert Thanos Anastopoulos mit Diorthosi. Er folgt dem eben aus der Haft entlassenen Yorgos, der auf den neu zu ordnenden Wegen außerhalb der Gefängnismauern die Nähe zu einer Frau und ihrer Tochter sucht, und verliert sich fast ausschließlich mit Blicken und behutsamen Kamerafahrten in einem von unterschwelligem Nationalismus und von Armut geprägten Athen. Anastopoulos schickt den Betrachter in einen Kreis, aus dem beide nur schwer entrinnen können und in die Lautlosigkeit der Zeit abzugleiten drohen. Ein aktuelles wie politisches Thema fiktional derart still und zurückhaltend zu behandeln, erzwingt nahezu die ihm gegenüber ausgesprochene Lobende Erwähnung. Stefan Arsenijevics Love & Other Crimes und ein junges Kino hingegen bilden den entsprechenden Einklang beim Publikumspreis. Eine verschwiegene Liebe in einer tristen Belgrader Plattenbausiedlung gepaart mit etwas Kleinkriminalität, ein paar krude Nebenfiguren mit ausgesprochenem Hang zur Situationskomik und der pointierte Schnitt Andrew Birds lassen mit offensichtlicher Leichtigkeit einen Film entstehen, in dem – über kurz oder lang – die Erzählung über die Handlung siegt. Wiederum umgekehrt in Joanna Hoggs Unrelated, der die Sommerliebelei der Endvierzigerin Anna zu dem Sohn ihrer gleichaltrigen Freundin in der stehenden, toskanischen Hitze in bisher ungesehen sublimer Weise behandelt.

Neben dem Wettbewerb können die Sparten mit Shane Meadows’ This is England oder Alexandra Westmeiers Allein in vier Wänden brillieren, die politische und gesellschaftliche Problematiken der West- und Ostküste Europas offenlegen. Genau dazwischen liegt Bruno Ulmers Welcome Europa, der Migranten auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben quer über den gelobten Kontinent verfolgt. Zuguterletzt führt Thomas Heises momentan allgegenwärtiger Kinder. Wie die Zeit vergeht, begleitet von Elke Haucks Karger, der die strukturellen Zusammenhänge zwischen Kurzarbeit und Scheidung aufgreift, zurück in heimische Gefilde.

Crossing Europe itself. Heuer grausig übrigens, weil allabendlich die neu ins Programm aufgenommene »Nachtsicht« sich dem Genre des Horror und Slash widmet und die späten Gäste nicht nur mit Jaume Balaguerós und Paco Plazas [REC] oder Bruce LaBruces Otto; or Up with Dead People in die musikalische »Nightline« schickt.

Daß sich im Linzer Kulturhauptstadtjahr alles selbst übertreffen wird, bleibt bis April 2009 sicher unvorstellbar. Nur eines ist sicher: keine Themenwoche im Ersten! 2008-05-04 15:59

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