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Internationaler Filmkongreß

Köln
7. – 10.6.2008
Das Auditorium des Internationalen Filmkongresses, Bild: Heike Herbertz / Filmstiftung NRW

Schöne Neue-Medien-Welt

Von Oliver Baumgarten Der Internationale Filmkongreß, den die Filmstiftung NRW jährlich im Rahmen des Medienforums in Köln ausrichtet, ist stets mehr als nur ein einfaches Branchenevent. Denn neben den Fachdiskussionen für die Profis im Bereich Film und Fernsehen, gibt es die mit zahlreichen Vorpremieren gut besetzte Filmreihe »KinoSpecials« sowie mit dem Gala-Abend »Moving NRW« zudem ein Schaulaufen der Stars, mit dem sich der Filmkongreß und gleich auch noch das Filmland NRW zusätzlich dort medienwirksam Aufmerksamkeit verschafft, wo mit Inhalten allein nicht zu punkten ist.

Der Filmkongreß ist die Sektion des Medienforums, auf dem allein der Kinofilm im Mittelpunkt steht, was dem hektischen Treiben der Vertreter von Brandneuen, Ziemlich Neuen und Nicht Mehr Ganz So Neuen Medien in den restlichen Hallen der KölnMesse einen höchst angenehmen Gegenpol bietet. Denn Kino ist – das fällt gerade in der Nachbarschaft zu den gebetsmühlenartig die Interaktivität predigenden Vertretern jener »Neuen Medien« besonders auf – eben doch ein sehr traditionelles und auf sympathische Weise vielleicht auch altmodisches Medium. Und daran kann auch die Digitalisierung nichts ändern, die alsbald die ehedem komplett analoge Produktions- und Verwertungskette eines Kinofilms mit den Bereichen Vertrieb und Abspiel komplett ablösen wird.

Die Digitalisierung eben jener letzten Bereiche gehörte trotzdem zu den zentralen Themen, die die Podien des Filmkongresses beherrschten, sorgt sie doch nachhaltig für Konfusionen in dieser so traditionsbehafteten Branche. Wie zum Beispiel ist das Internet lukrativ und für alle Beteiligten zufriedenstellend im Bereich des Filmvertriebs nutzbar zu machen? Klare Grundideen und Formen der Umsetzung gibt es eine Menge, allerdings zeigte sich in den Diskussionen wieder einmal deutlich, daß die technische Entwicklung derart rasant fortschreitet, daß legislative und regulative Einrichtungen komplett hinterherhinken. Video-on-Demand, Electronic-Sell-Thru, Download-to-Own – Medienanwalt Frank Eickmeier machte in seinem Vortrag deutlich, wie groß zum Teil die Verwirrung ist, die Beschreibungen neuer Nutzungsarten hervorrufen können. Und gerade Urheber müssen zur Zeit ziemlich auf der Hut sein, um ihre Rechte nicht plötzlich verwirkt zu sehen. Nach der aktuellen Regelung des Urhebergesetzes etwa gelten Rechte für zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses unbekannter Nutzungsarten für Filme, die zwischen 1966 und 2008 entstanden sind, nachwirkend als eingeräumt, sofern der Urheber nicht widerspricht – was in den meisten Fällen nicht zu erwarten steht. Diese, nennen wir’s mal: »Rechteamnestie« wirkt ein wenig wie eine Panikreaktion, ausgelöst durch die Angst, der Entwicklungen nicht Herr zu werden.

Die Internetnutzer – und das ist an sich die gute Nachricht – bekommen von all dem herzlich wenig mit und profitieren in erster Linie von den Vorzügen technischer Entwicklungen. Blöd nur, daß ihnen nach wie vor der tiefere Sinn und die grundsätzliche Gerechtigkeit des Urheberrechts unklar ist und sie sich nach wie vor hemmungslos bei illegalen Filmbörsen bedienen. Produzent Tom Spieß wußte etwa von 350.000 illegalen Downloads von Deutschland. Ein Sommermärchen zu berichten, die bereits drei Tage nach Kinostart zu verzeichnen waren. Was ihm als Produzent ein herber Verlust bedeutet, darüber freuen sich die Telekommunikationskonzerne, die an den illegalen Downloads, die bis zu 70% des Internettraffics ausmachen, kräftig verdienen. Kein Wunder also, daß jene Telekommunikationskonzerne sich bei der Suche nach Lösungen für das Problem nicht eben rege beteiligen.

Erschreckende Fakten und Zahlen illegaler Downloads werden außerdem flankiert von der ersten Schließung einer großen legalen Filmplattform: Das von den beiden Branchenriesen Warner und Bertelsmann betriebene Portal »in2movies« hat seinen Betrieb eingestellt, was die Zuversicht, irgendwann einmal mit Filmen im Internet tatsächlich Geld machen zu können, nicht gerade bestärkt hat. Auf der anderen Seite gibt es kleinere Initiativen wie www.onlinefilm.org, ein Portal, das im Moment rund 100 Dokumentarfilme kostengünstig zum Download anbietet und das nach Aussage des Initiators C. Cay Wesnigk sehr gut funktioniere. Ist das Internet vielleicht doch eher der ideale Ort für Nischenprodukte?

Für den Vertrieb von Filmen im Internet gibt es klare Ziele, über die Wege dahin allerdings, das zeigten die Diskussionen beim Filmkongreß wieder einmal überdeutlich, herrscht große Uneinigkeit. Was wiederum dieses Thema mit einer anderen gigantischen Baustelle eint, die die Zielsetzung der Digitalisierung in die Verwertungskette des Films gerissen hat. »Wer soll das bezahlen?« fragte ein Panel des Filmkongresses und meinte damit die Umrüstung der deutschen Kinos mit digitaler Projektionstechnik. 3.700 Leinwände gibt es in Deutschland, und pro Leinwand muß man mit 60.000 Euro Anschaffungs- und Installationskosten rechnen sowie in der Folgezeit mit etwa 275 Euro monatlicher Betriebskosten. Das ergibt eine erste Investition in Höhe von knapp 220 Mio. Euro – wer also soll das bezahlen? Auch hier wieder: Modelle gibt es reichlich, so entwickelten die Wirtschaftsexperten von PriceWaterhouseCoopers den sogenannten »100er Plan« (100 Mio. Euro von den Verleihern, 100 Mio. aus der öffentlichen Hand [BKM, FFA], der Rest von den Kinos), der »digitale runde Tisch« schlug ein »Third-Party-Modell« vor (Darlehen privater Geldgeber), während vereinzelte Kinobesitzer vorschlagen, die Investitionen lieber selber stemmen zu wollen und dafür geringere Abgaben an die Verleiher auszuhandeln. Doch den Weg zu diesen Ideen und Modellen verstellt eine harte Front von Kinobetreibern und Verleihern, die sich gegenseitig mißtrauen und sich vorwerfen, die Digitalisierung jeweils auf Kosten des anderen voranzutreiben. Bis Herbst, das machte das Panel in Köln deutlich, muß eine Einigung erzielt werden. »Wenn wir als Branche bis dahin kein Konzept vorlegen«, stellte Andreas Kramer (Hauptverband Deutscher Filmtheater) klar, dann würde man ihnen eines vorsetzen.

Die riesigen Umstellungen hin zum Digitalen, die noch lange nicht vollendet sind, die Konflikte, Diskussionen und Auseinandersetzungen verursachen, die Chaos und Verwirrung stiften, all das, was auf dem Internationalen Filmkongreß so eindringlich thematisiert wurde, spielte in der Filmreihe »KinoSpecials« zum Glück keine Rolle. Projiziert in gepflegtem 35mm-Material konnte man hier einige wunderbare Filme genießen, etwa Eran Riklis’ nostalgisch-traurigen Lemon Tree, der im Oktober in die deutschen Kinos startet, oder auch La sangre brota vom jungen argentinischen Regisseur Pablo Fendrik. Er schafft ein rauhes, verstörendes Porträt einer über drei Generationen kommunikationsgestörten Gesellschaft. Es ist ein Film, der die Leinwand braucht, um seine kraftvollen Emotionen komplett zu entfalten und der damit all die trüben Gedanken über den Vertrieb von Kino im Internet und auf dem Bildschirm zu vertreiben vermochte. 2008-06-16 12:43
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