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Vienna Independent Shorts 2008

5th International Short Film Festival. A 2008.
Wien, 16. – 23.5.2008
Großer Andrang im Saal

Kurzfilm-Cordoba

Von Martin Thomson Wer dieser Tage nach Wien reist, dem erscheint die ansonsten so prunkvolle Donaumetropole eher wie ein wenig romantischer Umschlagplatz für Gitterstahlzäune; ein in Entstehung begriffener Hochsicherheitstrakt für die Mitte Juni anstehende Fußballeuropameisterschaft, die auch vor dem Herzstück der Stadt keinen Halt macht: der Kultur. Neben der in Theaterkreisen für Furore gesorgt habenden Darbietung von Massimo Furlan in »Das Wunder von Cordoba«, in welcher der zu Weltruhm gelangte Performance-Künstler den in Österreich zum nationalen Mythos erhobenen WM-Sieg der Nationalmannschaft über die Deutschen von 1978 als Ein-Mann-Show nachspielt (wohlgemerkt ohne den Einsatz eines Balls), wurde auch das zum fünften Mal in Wien veranstaltete Internationale Kurzfilmfestival Vienna Independent Shorts mit passenderweise elf aus Österreich und der Schweiz stammenden Kurzfilmbeiträgen rund um das Thema Fußball eingeleitet.

Der Versuch, dem anstehenden Massenereignis mit tiefsinniger Filmkost entgegenzutreten wurde jedoch unterlassen; aus den von Klischees um die nationalitäts- und identitätsstiftende Kraft der beliebten Sportart zehrenden Beiträge ragte lediglich ein Kurzfilm heraus: In Replay ‘08 unterlegt Peter Hörmanseder die in Zeitlupe beinahe zum Stillstand gebrachten Aufnahmen von Hans Krankl im Freudentaumel über seinen Sieg in Cordoba mit den von zwei Schauspielern im nüchternen Tonfall nachgesprochenen Kommentaren der Radiomoderatoren beider Länderseiten. Das empathische Aufschreien des heimischen Kommentators Edi Finger, das dem Großteil der österreichischen Bevölkerung ähnlich bekannt sein dürfte wie den Deutschen die stimmliche Untermalung von Peter Zimmermann bei der Weltmeisterschaft von 1954, im Kontrast zum gleichgültigen Kommentar des deutschen Radiomoderators Armin Hauffe ergeben eine ironische Brechung mit dem ansonsten für die Österreicher kollektiv als ekstatisch wahrgenommenen Erlebnis nachempfundener Wirklichkeit über Bild und Ton.

Die darauf folgenden Tage boten in drei Programmblöcken mit dem »Österreich-Panorama« einen interessanten Querschnitt aus dem heimischen Kurzfilmbetrieb, während der Internationale Wettbewerb in sechs Programmblöcken über 50 Kurzfilme aus aller Welt präsentierte – sowohl Real-, Dokumentar- als auch Animationskurzfilme. Aber auch abseits des Wettbewerbbetriebs erwies sich das Festival als vielseitig und einfallsreich: In Sonderprogrammen wie dem »Liegekino« etwa durften Werke in gemütlicher Liegeposition horizontal genossen werden, während in Retrospektiven dem filmischen Schaffen von Hubert Sielecki und Chantal Akerman Ehre erwiesen wurde.

Daneben überzeugten die Gastprogramme, die einen Schwerpunkt auf den Animationsfilm legten. Hier beeindruckte vor allem der in Westeuropa weitläufig unbekannte russische Animationsfilmregisseur Jerzy Kucia mit einer eigens kompilierten Rolle seiner Werke, welche die teils unerbittlichen, teils schön anmutenden Bewegungsprozesse von Mensch und Natur zur Metapher für die gesellschaftspolitische Wirklichkeit Rußlands erheben.

Den von einer vierköpfigen Jury ausgewählten Hauptpreis im Internationalen Wettbewerb hat letztlich ein dokumentarisches Werk eingeheimst, das inmitten der Auswahl teils aufwendig produzierter Kurzfilme die These bestätigt, daß sich interessante Gegebenheiten unserer Gegenwart nicht zwangsläufig vor dem Hintergrund eines breiten finanziellen Produktionsspielraums bedingt sehen müssen: Der russische Kurzfilm Kak stat stervoi von Alina Rudnitskaya thematisiert mithilfe des schlichten Einsatzes einer DV-Kamera auf entwaffnende Weise eine in Moskau residierende Einrichtung zur Selbsthilfe alleinstehender Frauen, die sich auf der verzweifelten Suche nach ihrem Traummann befinden. Vom Lehrer mit unorthodox erscheinenden, größtenteils stark die emotionale Befindlichkeit der Teilnehmerinnen strapazierenden Methoden zu erotischer Ausstrahlung und Unterwürfigkeit animiert, porträtiert die Regisseurin in respektvoller Distanz zum Geschehen die tragischen Auswirkungen eines gerade neuerstandenen Körper- und Geschlechterkapitalismus in Rußland.

Lobende Erwähnungen fanden zudem der süffisante Animationsfilm Eintritt zum Paradies von Edith Stauber, der den Alltag in einem österreichischen Freibad als Mikrokosmos obszöner Rituale in überbordend grellbunter Kinderbuchoptik darstellt und die amüsante in Singapur produzierte Queen-Hommage The Bohemian Rhapsody Project von Tzu Nyen Ho. Der von Hubert Sielecki aufgrund des 25jährigen Jubiläums seines Studios gestiftete Preis für einen experimentellen Kurzfilm ging an den Österreicher Michael Wirthig für Inside 1014, der mit einer Super8-Kamera die Einzelteile seiner Kamera abgefilmt und damit eine spannende Auseinandersetzung über die Selbstreflexivität des Mediums aufgeboten hat.

Den ray-Publikumspreis, der innerhalb des Internationalen Wettbewerbs ermittelt wurde, gewann der Rumäne Ramu Jude für Lampa cu caciula; eine im rumänischen Arbeitermilieu angesiedelte, mit subtiler Lakonie erzählte Vater-Sohn-Geschichte um den schwerfälligen Transport eines für den Familienhaushalt ausschlaggebenden Fernsehapparates. Die Hoanzl-Publikumspreise, die aus den für das Österreich-Panorama eingereichten Beiträgen hervorgingen, teilten sich die vier Gewinner Umut Dag für seinen zynisch-satirischen Seitenhieb auf das österreichische Beamtentum, Todesnachrichten, Katharina Swoboda für ihren erotisch angehauchten Experimentalfilm Transition, Sasha Pirker für seinen Streifzug durch ein Motel im mittleren Westen der USA, unterlegt mit dem Off-Kommentar des Schriftstellers Steve Lowe, und Bernhard Hetzenauer für sein hochgradig sensibel inszeniertes Porträt der letzten Tage seiner im Sterben liegenden Großmutter.

Das mit dem umfangreichsten Angebot an Kurzfilmen innerhalb Österreichs ausgestatte Kurzfilmfestival eignete sich außerhalb des anstehenden Großereignisses um die Euro 2008 also perfekt als alternatives Spielfeld für die kurzen Pässe zwischen aufregenden Beiträgen aus aller Welt und vor dem Hintergrund des kommerziellen Zugeständnisses am baldig aufkeimenden Fußballfanatismus als erfreulich ungezwungen. »Eine Weltklassemannschaft, die da heute spielt«, würde der Sportmoderator Edi Finger zu kommentieren wissen. 2008-06-02 12:57
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