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61. Festival de Cannes

Cannes
14. – 25. Mai 2008
09

Todesfugen

Von Dieter Wieczorek Cannes geht dem Ende entgegen, und gleich drei Filme konfrontieren uns mit der Frage, wie zu leben sei. Die US-amerikanische, dramaturgisch aufgeladene Variante liefert Charlie Kaufmann mit Synecdoche, New York. Ein erfolgreicher Theatermacher wird plötzlich von deutlichen Symptomen einer tödlichen Erkrankungen befallen. Völlig aus der Bahn geworfen muß er gleichzeitig hilflos dem klanglosen Ende seiner Ehe und Auszug seiner Frau und Tochter zusehen, während seine Geliebte ihm wegen unzureichender Leidenschaft davonläuft. Doch in einem US-Film bekommt ein solcher Mann die Möglichkeit, seinen Existenzzweifel mit großem Aufwand auf die Bühne zu bringen und ständig im Mittelpunkt zu bleiben. Als dann jedoch die Protagonisten und ihre eigenen Schauspielfiguren in der Theaterwelt sich zu verdoppeln beginnen, verliert der Film sich in dialogischer Artifizialität und situativer Unwahrscheinlichkeit. Schade, da der erste Teil glaubhaft Todesangst und Existenzverunsicherung aufzeichnete, die ein von Gewohnheiten geprägtes Alltagsleben einfach einstürzen läßt.

Auch Wim Wenders bleibt mit seinem neuen Werk Palermo Shooting gefangen in der falschen Logik des Hollywoodkinos. Ein erfolgreicher Fotograph wird, am idealen Schauplatz des Memonto Mori, in Palermo von einem nicht identifizierbaren Bogenschützen verfolgt, der ihm und seiner Kamera auf den Fersen ist. Der verfolgte Mann muß allerdings nicht lange ohne eine wunderbare Geliebte an einer Seite dem Tod in die Augen schauen. Eine anmutige Restauratorin gesellt sich zu ihm, die wie der Hollywoodzufall es will, gerade an der Rekonstruktion der Todesfigur in einer frühen Renaissancemalerei arbeitet. Sie wird ihm zur Muse und Helferin, einen Ausweg aus seinem in Zweifel gezogenen bisherigen Leben zu finden. Wenders kommt nicht zum Ziel, ohne den Tod selbst mit schönen Digitaleffekten als sympathisch sensiblen Mann zu Wort kommen zu lassen, der uns daran erinnert, daß erst er es ist, der das Leben so kostbar macht. Auch bekundet der Tod höchstpersönlich sein Unbehagen an der digitalen Bildverarbeitung, der täglichen Praxis des Fotographen, die Welt und Leben neu zu schaffen vorgibt und es in dieser Hybris gerade verliert, während das analoge Bild noch wirkliches Licht und Leben einzufangen vermochte. Ehren wir in Wenders’ Film die gute Absicht und das Reflexionsangebot, das in seiner Schlichtheit sein Publikum finden wird.

Der in der Quinzaine des réalisateurs laufende Film De la guerre von Bertrand Bonello behandelt die Todesproblematik schon etwas komplexer. Ein junger Mann hat gegen seinen Willen eine Nacht in einem Sarg eingeschlossen verbracht und in dieser Grenzsituation eine so entscheidende Erfahrung gemacht, daß er sein Leben mit neuer Intensität leben möchte. Er trifft auf eine Sekte, die sich ausschließlich dem perfekten Plaisir verschrieben hat und die Tage im Wechselrhythmus zwischen dauernder Lust und Entspannung verbringt. In dieses Idyll läßt Bonello jedoch immer wieder blitzartig verstörende Bilder des Horrors und der Tortur einbrechen, die die Koinzidenz von Lust und Leid, Todesangst und Lebensintensität signalisieren. Auf den zweiten Blick entpuppt sich diese Gemeinschaft diszipliniert geregelt, nahezu militärisch organisiert und entfaltet nach und nach ihr mortales Spektrum. 2008-05-27 12:21

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