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61. Festival de Cannes

Cannes
14. – 25. Mai 2008
08

Aufbrüche in die Fremde

Von Dieter Wieczorek Es sind die Glücksmoment des Kinophilen, wenn plötzlich Kino mehr ist als Story, schöne Bildwelt oder intellektuelle Montagearbeit. Wenn die Kamera in eine fremde Umgebung taucht, Hunderte von Details und Eindrücke registriert, die kein Exotik- oder Extremtourismus liefern kann, Bilder, die eine große Vertrautheit des Filmemachers mit sehr spezifischen Situationen zur Voraussetzung haben, neben Geduld, Beobachtungstalent und dem Glück, am rechten Ort zur rechten Zeit zu sein, um das Unfabrizierbare einzufangen. Tulpan des aus Kasachstan stammenden Sergey Dvortsevoy ist ein solcher Mikrokosmos, der seine sinnliche Fülle in jeder Einstellung vor dem Zuschauer entfaltet. Der in der »Un certain regard« laufende Film ist preisverdächtig.

Die Härte ihrer Lebensbedingungen in der kasachischen Steppe bietet mehr als nur das Dekor des Films, sie ist Thema und Akteur. Von fast unausgesetzten Stürmen heimgesucht taucht der Zuschauer in eine Welt, wo jede Geste Bedeutung hat. Eindringlich wird die Symbiose von Mensch, Tier und Maschine im Überlebenskampf verdichtet zu Bildern wie Maul-zu-Mund-Beatmungen gerade geborener Schafskälber oder das orale Ansaugen des Diesels durch Plastikschläuche. In dieser Welt voller aus der Globalisierung resultierender Widersprüche, wo tagsüber im Radio die Weltnachrichten zum »Projekt 2030«, der Transformation Kasachstans zum fünftgrößten Öllieferanten, oder Boney M.s »Rivers of Babylon« erklingen und junge Männer in Sexillustrierten blättern, singt eine Frau im gemeinschaftlichen Zelt, wo gleichzeitig gepißt, diskutiert und geliebt wird, ein wundersam ergreifendes Lied als einzige abendliche Unterhaltung. Trotz seiner peripherischen Lage ist auch dieser Lebensraum längst nicht mehr intakt. Schafe haben nicht mehr die Kraft, ihre Kälber stehend zu werfen und verlieren sie reihenweise, junge Männer wollen in die Stadt fliehen, und harte Generationskonflikte weisen auf den Zusammenbruch des traditionellen Wertesystems.

Die bedrohliche Fremde, die plötzlich ins alltägliche Leben einbricht, ist auch Thema im »Semaine de la critique«-Beitrag Home. Hier lebt eine Familie ihr mehr heiteres als tristes Leben neben einer stilliegenden Autobahnstrecke. Doch ab dem Tag, da die ununterbrochene Wagenflut ihren unerträglichen Lärmpegel entfaltet, beginnt der Familienkosmos unaufhaltsam zusammenzubrechen. Die Französin Ursula Meier, die ihren Blick für innere Transformationen nicht zuletzt durch ihre Zusammenarbeit mit Alain Tanner schulte, zeigt ein unglaublich reiches Spektrum der möglichen Reaktionen auf den Einbruch der verpestenden Todesschiene, die vom leichten Scherz zur paranoischen Selbsteinmauerung reicht. Mit Brillanz reiht sie Situationen völlig unterschiedlicher Emotionslagen aneinander, ohne auch nur einen Augenblick künstlich oder theatralisch zu wirken. Ursula Meier schafft ein kleines Meisterwerk der punktgenauen Notation blitzschneller Wandlungen von Gefühlen und Wirklichkeitsdeutungen. Gleichzeitig ist ihr Film einer der ganz wenigen, wenn nicht der einzige, der sich der Problematik globaler Umweltzerstörung stellt. Vom ersten Moment an ist evident, daß dieser mit anfänglichem Verdrängungsmechanismus reagierenden Familie nur hautnah widerfährt, was allüberall statthat: die unaufhaltsame Zerstörung ihres Lebensraumes. Die naturwissenschaftlich geschulte junge Tochter läßt wie nebenbei immer wieder Informationen zu den tödlichen Nebeneffekten des Straßenverkehr einfließen, die einer atomaren Verseuchung nicht nachzustehen scheinen. Die Autobahn wird zur Metapher des vertrauten Fremden, das seine tödliche Dimension entfaltet. 2008-05-26 11:57

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