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61. Festival de Cannes

Cannes
14. – 25. Mai 2008
07

Kurzfilme in Cannes

Von Dieter Wieczorek Von den über 2.000 Einreichungen für den internationalen Kurzfilmwettbewerb sind es dieses Jahr nur neun Filme, die auserkoren wurden. Wieder einmal steht Cannes an der Spitze einer Statistik, diesmal jedoch der der kleinsten Chance für einen Film, erwählt zu werden. Umso größer die Erwartungen an die Happy Few, doch sie wurden, um es kurz zu sagen, enttäuscht.

Einige der Werke wirken schlicht, als ob sie plötzlich aus Kosten oder Zeitgründen abgebrochen worden wären, ohne daß der Bruch selbst irgendeinen Sinn macht. Diese Kurzfilme wirken eher wie Visitenkarten junger Talente, die sich als Kandidaten für Featurefilme empfehlen möchten. Nur die wenigsten der Werke gehen mit der kurzen Zeit des Kurzfilmes auch konzeptuell um, sei es, indem sie eine Szene wählen, die keine Dauer verlangt und die als Spielfilme geradezu undenkbar wären, sei es, daß sie explizit und spielerisch mit der ablaufenden Zeit umgehen.

Eine dieser Ausnahmen ist der isländische Beitrag Smafuglar (Zwei Vögel), der mit großem Feingefühl die schüchterne erste Verliebtheit eines sehr jungen Paares nachzeichnet, die abrupt unterbrochen wird durch aggressive Intervention von Älteren, die die junge Frau unter Drogen setzen und im Schlaf vergewaltigen. Ihr junger Geliebter muß diese Szene hilflos mitansehen, legt sich am Morgen jedoch sanft neben sie, vorgebend, es selbst gewesen zu sein, der mit ihr geschlafen hat, um ihr die triste Wahrheit über ihre Entjungferung zu ersparen. Runar Runarsson, dessen vorhergehender Film über die Würde des Freitodes, The Last Farm, ein Welterfolg wurde, schafft hier ein würdiges Nachfolgewerk, dem eine vergleichbare Karriere nur gewünscht werden kann. Der vitalste und visuell innovativste unter den Kurzfilmen des Wettbewerbs ist My Rabbit Hobby. Der Australier Anthony Lucas schafft, einen Videoamateurfreistil simulierend, das Porträt eines Kaninchens aus der Sicht eines 10jährigen. Der harmlose Anfang transformiert sich schnell zum latenten Horror, als das Tierchen immer weiter wächst zur monströsen Größe.

Unter den Kurzfilmen der Cinefondation, Cannes’ gepflegte Talentschmiede, die oftmals schon die Preisträger der Zukunft hervorgebracht hat, ist André Lavaquials Film O som e o resto (Sound und der Rest) hoch zu notieren, der dem bewegten Alltag eines Amateurschlagzeugers nachgeht. Wegen des zu großen Elans seines Drummerspiels aus der Kirche, also seinem Arbeitsplatz, geschmissen, durchstreift der heimatlose Mann die Stadt, nach einer Unterkunft für sich und sein Instrument suchend. Auf diesem Weg profiliert er sich immer wieder als Clochard-Philosoph, der die Idee der spontanen Kultur und künstlerischen Lebensfreude verteidigt, die selbst in professionellen Kreisen kaum mehr anzutreffen ist.

In der Kurzfilmreihe der Semaine de la Critique ist Jean-Marc Rousseau Ruiz’ Film Beyond the Mexique Bay hervorzuheben, der die Wüste zum Schauplatz macht für die begehrte und doch unmögliche Annäherung eines ungleichen Paares, das Alter, Milieu und Sprache voneinander trennt. 2008-05-23 11:13

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