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61. Festival de Cannes

Cannes
14. – 25. Mai 2008
06

Jenseits von Gut und Böse

Von Dieter Wieczorek Eigentlich ist Tony Manero im gleichnamigen Film von Pablo Larraín ein ganz gewöhnlicher Mensch, lediglich unter starkem sozialen Streß und von dem ihn ständig der Lächerlichkeit preisgebenden Phantasma gezeichnet, die Reinkarnation John Travoltas zu sein, dessen auf der Kinoleinwand gesprochenen Worte er immer wieder wie in Trance nachhechelt. Um den heruntergekommenen familiären Tanzschuppen mit dem Hauch von Glamour auszustatten, zögert er keine Sekunde, auch mal eine ältere Dame totzuschlagen und zu berauben, deren Vertrauen er als scheinbar hilfsbereiter Mann gerade gewonnen hatte. Selbst sein Name hat er dem Protagonisten in John Badhams Saturday Night Fever entlehnt. Tony hat jenseits aller Hemmschwellen nur ein Ziel: als Tänzer zu reüssieren. Auf diesem Weg beraubt er ein gerade umgebrachtes politisches Opfer derart konfliktlos, daß er ohne Zögern sich auch dessen Halsbandkreuz umlegt, gibt sich das Recht zur Inzucht mit der eigenen Tochter und scheißt auf das weiße Kostüm seines Kontrahenten beim TV-Tanzwettbewerb, um dessen Teilnahme zu hintertreiben. Pablo Lorraín situiert seinen Film Tony Manero im Chile des Pinochetregimes und schließt den omnipräsenten politischen Terror kurz mit der extremen menschlichen Entwürdigung im Privaten.

Lorraíns zur Animalität tendierende Version der »condition humaine« heute findet ein weit subtileres Pendant in dem im »Un certain regard« laufenden Werk Los Bastardos von Amat Escalante aus Mexiko. Nichts anderes als harte Überlebensbedingungen und Entwürdigungen der an der Armutsgrenze vegetierenden Tagelöhner nehmen den ersten Teil des Films ein. Wie nebenbei ist hin und wieder von einem »Auftrag« die Rede, der dann plötzlich in Form eines bewaffneten Überfalls Gestalt annimmt. Die zwei von Anfang an verunsichert wirkenden Männer haben sich als Killer verdingt. Konfrontiert mit ihrem Opfer, einer Frau und Mutter um die 50, nehmen sie die Rolle von Todesbegleitern ein, die versuchen, ihr panisch reagierendes Opfer zu besänftigen und in ihr auswegloses Schicksal einzustimmen. Im größtmöglichen Gegensatz zu den sich mit ihren Opfern, hier allerdings in rein sadistischer Absicht, ebenfalls viel Zeit nehmenden Mördern in Hanekes Funny Games, bieten die beiden Verarmten der Frau Todeshilfen in unterschiedlicher Form an, vom besänftigenden Joint bis zur oralen Klitorisstimulation. Auch suchen die mehr verlegenen als entschiedenen Männer, sich selbst und ihre Notsituation zu erklären und geben sogar ihren Auftraggeber preis. Am Swimmingpool kommt es in der Todesfuge zu fast idyllisch wirkenden Momenten, bevor kurz darauf der jüngere der beiden Männer die Nerven verliert und abdrückt. Die Scham über seine Tat wird ihn Stunden später hilflos aufheulen lassen. Die fragile Hemmschwelle zum Tötungsakt ist selten so verstörend ins Bild gebracht worden. 2008-05-23 09:53

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