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61. Festival de Cannes

Cannes
14. – 25. Mai 2008
05

Dechiffrierungen

Von Dieter Wieczorek Endlich ein Film, der sich unmittelbar dem Verhältnis von audiovisuellen Aufzeichnung und der Wirklichkeitserfassung stellt. Nach Gus van Sants Paranoid Park bietet Cannes erneut einen Film, der an den Ort zurückkehrt, wo die Weltmacht ihre nächste Generation fabriziert: das US-amerikanische College. Und dieser Ort ist von der ersten Einstellung an von Perversion und verdrängtem Unbehagen gekennzeichnet. Schüler nutzen das Internet, um sich zu Sadismus und Tortur tendierende Pornos reinzuziehen oder Hinrichtungsszenarien, Schlägereien, Selbsterniedrigungen. Die Kameraführung von Jody Lee Tipes reproduziert in seinen ersten Einstellungen reservelos den sexualisierten Blick auf Beine und andere interessante Körperpartien, um eine realere Wahrnehmung nachzuzeichnen, als es die repräsentativ narrative Kamera vermag. Ein zerstückelter, von voyeuristischen Begehren gezeichneter Kosmos wird anschaulich gemacht, geprägt von Clips und latentem Horror. An diesem College wird ein Videokurs eingerichtet, und die erste fixe Einstellung wird die auf eine Tür sein, aus der plötzlich zwei Schülerinnen stürzen und sich zu Tode quälen, Opfer eines tödlich endenden Drogenmißbrauchs. Den ganzen weiteren Film wird man die Vermutung nicht mehr los, daß ein Zusammenhang zwischen dem dramatischen Tod und der Kameraeinstellung besteht. Und auch die erste Hilfeleistung des Videofilms bleibt strick ambivalent. Ob hier wirklich mitleidend interveniert oder nur noch größerer Schmerz hinzugefügt wird, bleibt für den Zuschauer ununterscheidbar.

Die Interferenz von Kamera und Wirklichkeit wird noch eine Spirale weitergeschraubt, als nun wiederum die gleichen Schüler beauftragt werden, ein Video zur Erinnerung an die getöteten Mitschülerinnen zu erstellen. Gegen alle an sie gerichteten Erwartungen der Reetablierung des schönen Scheins schaffen sie ein Werk, das minutiös latente Aggressionen, Unsicherheiten, und geheuchelte Betroffenheiten zu dechiffrieren vermag und das noch vor seiner ersten Aufführung in der Schulaula konfisziert wird. Langsam wird die verlogene Schutzfassade abgebaut und die wirklichen Mitschuldigen in der Collegeadministration werden sichtbar, während diese selbst versucht, durch absurde Steigerung des Sicherheitsmaßnahmen an der Illusion der Unwiederholbarkeit dieses Dramas festzuhalten. Afterschool von Antonio Campos ist eine komplexe Reflexion auf eine Gesellschaft, die durch unaufhaltsamen bestialischen Bildweltinput die Wahrnehmungsform ihrer Zeitgenossen in einen Zustand versetzt, in der weder Leben noch Tod einen Realwert haben.

Die Dechiffrierung der Wirklichkeitsferne der argentinischen Oberschicht gelingt in beeindruckender Weise Lucrecia Martel in ihrem Film La mujer sin cabeza, der im Wettbewerb läuft. Gestreßt von medizinischen Untersuchungen begeht eine Frau in den besten Jahren Fahrerflucht, gesteht aber ihre Tat, wahrscheinlich einen Mann tödlich überfahren zu haben, bald darauf ihrem Ehemann. Die Wahrheit über das wirkliche Geschehen wird sie nie erfahren, da ihre engste Umgebung Vertuschungsarbeit betreibt. Der Wagen wird gewaschen von einem Jungen, der dafür ein Essen serviert bekommt, die Wagenbeule wird beseitigt. Tage darauf wird ein scheinbar Ertrunkener aufgefunden, das Fenster vor dem schlechten Geruch beim Vorbeifahren am Tatort dezent geschlossen. Doch die Enteignung ihres Lebens geht noch weiter. Im Krankenhaus sind sämtliche Unterlagen und Analysen über sie verschwunden. Wieder sorgt ihr Ehemann dafür, sie die Wahrheit über sich nicht erfahren zu lassen. Ihre künstliche Haarpracht – wieder eines der präzisen Details in Martels Film – hat die irritierte Frau aufgegeben, doch die Kraft zur wirklichen Auflehnung hat sie nicht. Im schönen Schein der perfekten Etikette, in der sie gehalten wird wie ein Prachttierchen, bleibt sie widerstandslos gefangen. Martels Film ist weit mehr als Schilderung eines Einzelfalls. Sie zeigt eine schmarotzende, sich in oberflächlichen Küßchengeben-Szenarien erschöpfende Oberschicht an der Dekadenzgrenze, die alles tut, um nicht mit ihrer Wirklichkeit konfrontiert zu werden. Unter ihrem luxuriösen Wohnhaus entdeckt ein Gärtner Strukturen eines anderen Gebäudes. Doch statt dieser Spur nachzugehen, wird die Devise erneut sein, den bestehenden Hausgarten unberührt zu lassen. Wieder so ein Detail, das eine ganze Lebenshaltung in eine Szene bannt, und Martels Film so herausragend erscheinen läßt. 2008-05-21 11:46

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