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61. Festival de Cannes

Cannes
14. – 25. Mai 2008
04

Versäumnisse und Verfehlungen

Von Dieter Wieczorek Eigentlich hatten sie sich auf einen ruhigen Lebensabend eingerichtet, und unglücklich sind sie auch nicht. Ihre Familie ist intakt, sie können sich kleine Freuden gönnen wie Bahnfahrten durch die Landschaft. Doch dann verliebt sich die weit über 60jährige Inge Lindner in den 76jährigen Karl, erlebt mit ihm ihre Sexualität wieder, ist hingerissen von seinem Lebenselan und seiner sinnlichen Vitalität. Gegen ihren Willen entfremdet sie sich von ihrem zeitunglesenden Mann, der sein Leben in liebgewonnene Routine getaucht hat, die sie mit ihm teilte und die ihr jetzt so öde erscheint. Der aus Deutschland stammende Film Wolke 9 von Andreas Dresen präsentiert sich allein schon durch das Aufgreifen des allzumenschlichen Schlüsselkonfliktes, dem unvermeidlichen Konflikt zwischen Liebe und Begehren, zwischen Sicherheitsdenken und Lebensintensität, dem Schutzraum der Routinen und der Herausforderung zu neuen Erfahrungen als Schlüsselwerk. Dresen meidet alle Schwarzweißtöne und gibt jeder Figur die Würde der Schuldfreiheit. Durchdekliniert werden alle Stadien der Vermeidung des Unabwendbaren, von der anfänglichen Wut des Ehemanns bis zu seinen hilflosen Versuchen, seine Frau zurückzugewinnen. Mögen die Verhältnisse auch kleinbürgerlich sein, der Konflikt hat tragische Ausmaße und wird in die letzte Konsequenz getrieben.

Subtiler und mit größerem interpretatorischen Freiraum eröffnet die deutsch-englische Koproduktion Better Things den Blick auf Schlüsselmomente menschlicher Existenz. Jugendliche, die in ihrer hektischen Einkerkerung in Eifersuchtstiraden und Souveränitätssimulation befangen unfähig zu jedem spontanen Liebesgeständnis sind, unfähig selbst zur Kommunikation ihrer Gefühle, werden kontrapunktiert mit Altgewordenen, die schweigend ihr Leben lang bedauert haben, die entscheidende Glückschancen ihres Lebens versäumt zu haben. Duane Hopkins perspektiviert Liebe aus quasi metaphysischer Sicht als lebenslanger Schmerzgenerator. Die Jugendlichen vermögen nur im Drogenrausch eine erfüllte Liebesbegegnung zu imaginieren, in der Realität aber sich als rhetorische Streitmaschinen verausgaben, während die Altgewordenen den Schmerz des Nichtgelebten schweigend in sich tragen. Ihn auszusprechen, bedeutete das Geständnis des verfehlten Lebens. 2008-05-20 11:53

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