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61. Festival de Cannes

Cannes
14. – 25. Mai 2008
03

Atemlosigkeiten

Von Dieter Wieczorek Der Wettbewerb von Cannes weist dieses Jahr bereits zwei Werke auf, die sich unmittelbar der zunehmenden Verschärfung der sozialen (Über-) Lebensbedingungen stellen und die Spannungen gleichsam physisch an den Zuschauer weitervermittelt. Aus Brasilien kommt der Beitrag Linha de Passe von Walter Salles (Central Station) und Daniela Thomas, der in nervöser Handschrift den vier unterschiedlichen Brüdern einer vaterlosen Familie durch ihren angespannten Alltag folgt. Einer von ihnen sucht vergeblich einen Weg aus der Misere als brillanter Fußballspieler, hat aber als 18jähriger bereits keine Chance mehr zu reüssieren. Ein anderer flüchtet sich in einen fragilen Jesusglauben, ein anderer in Drogengeschäfte, und ihre Mutter, von der Angst getrieben, aufgrund ihrer Schwangerschaft ihren kleinen Putzjob zu verlieren, wagt auch in der 20. Etage die Außenscheiben zu reinigen, um sich keinem Tadel auszusetzen. Ständig wechselt die szenische Einstellung zwischen den Protagonisten, um sie zu einem Bild auswegloser Anspannung zu verdichten, die jederzeit den möglichen Katastropheneinfall signalisiert.

Ähnlich, jedoch noch mit Fellinischen Tendenz gesäumt, bietet der philippinische Beitrag Serbis von Brillante Mendoza ein atemberaubendes Porträt einer Familienclique, die ein heruntergekommenes Softpornokino in der Provinz betreiben. In aktionaler Verdichtung und Naheinstellungen, ständig begleitet von unausgesetztem, enormem Straßenlärm, werden hier Blowjobs praktiziert, Streitigkeiten ausgefochten, kleine Betrügereinen begangen, mehr oder weniger gelungene Scherze gemacht, ein Schaf gejagt, das durch eine Mauernlücke eingedrungen vor der Pornoleinwand promenierte, Brandwunden gepflegt etc. etc. Die Naheinstellungen konturieren eine klaustrophobische Ausweglosigkeit der Misere, wo an jeder Ecke sexuelle »Service«-Leistungen abgerufen werden können – und sonst auch nicht viel zu tun bleibt. Detailbesessen wird vom Schneiden schmutziger Fußnägel bis zum improvisierten Haarwaschen mit einem Wasserkelch ein Leben veranschaulicht, in dem sich alle Protagonisten ständig hochpushen, um weitermachen zu können.

Das Meisterwerk dieser Trilogie der sozialen Destruktion wurde (aus nicht einleuchtenden Gründen) in die Nebenreihe »Un certain regard« verbannt. Tokyo Sonata von Kiyoshi Kurosawa gelingt in weniger schnellen, aber um so eindringlicheren Bildfolgen das Porträt des unaufhaltsamen Untergangs einer japanischen Kleinfamilie ab dem Moment, da der Familienvater ohne jede Vorwarnung seinen verantwortungsreichen Job verliert. Statt seine Familie in die Notsituation einzubeziehen zieht er ein großes Simulationsspiel der Normalität vor, und er trifft auf einen Schulfreund, der es ihm mit noch größerer Perfektion gleichtut. In brillanter Weise operiert Kurosawa gekonnt mit allen emotionalen Tonlagen, von tragischer Situationsverdichtung bis humorvoller Ironie, von psychologischer Detailstudie zu slapstickartigen Einlagen. Er zeigt eine erkrankte Gesellschaft, in der der alte Ehrenkodex nur noch eine unkontrollierbare Folge von Fehlhandlungen und Mißverständnissen in Bewegung setzt. Reich an Detailbeobachtung und komplexer Gesellschaftskritik schafft dieser Film ein unter die Haut gehendes Geflecht des Unbehagens, das das heutige Japan zeichnet. Aus Verachtung der Schwäche seines Vaters verdingt sich der ältere Sohn bei der US-Armee, den Slogans der Freiheitsverteidigung naiv glaubend. Er kehrt als gebrochener Mann zurück, von der unaustilgbaren Schuld geprägt, zu viele Unschuldige getötet zu haben. Hier haben wir einen Film, der die Goldene Palme verdient hätte, ein Werk mit einem fulminanten Ende, das selbst die im Kinosaal Härtesten zu Tränen zu rühren vermochte, und das hier nicht verraten wird. 2008-05-19 10:59

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