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61. Festival de Cannes

Cannes
14. – 25. Mai 2008
02

Enteignungen

Von Dieter Wieczorek In der Cannes-Nebenreihe »Un certain regard« lieferte die in Bethlehem geborene Palästinenserin Annemarie Jacir ein überzeugendes Beispiel hautnaher präziser Kameraführung, die das situative Erleben ihrer Protagonisten fast schmerzhaft spürbar werden läßt. Die in Brooklyn geborene Soraya hat aufgrund einer kleinen Erbschaft zum ersten Mal die Möglichkeit, in das Land ihres Ursprungs nach Palästina zu reisen, und sie denkt nicht nur an einen Kurzurlaub. Der demütigende Empfang beginnt schon am Checkpoint mit immergleichen, selbst intimen Fragen. Es folgen Begegnungen mit zu Heimatlose im eigenen Land Gewordenen, die nur in der Emigration noch eine Zukunft sehen. Als sie von der Konfiszierung des hart erarbeiteten Kapitals ihres Vaters durch eine britische Bank erfährt, beginnt ihre ebenso hilflose wie vitale Rebellion. Zwei Freunde überredet sie zum Bankraub und zur illegalen Reise nach Israel. Doch dort erreichen die schmerzhaften Erfahrungen von Enteignung und Zerstörung nur ihren Höhepunkt. Der Titel Milh Hadha Al-Bahr (Das Salz des Meeres) signalisiert die zum Scheitern verurteilte Hoffnung, die Eingeschlossenheit zu überwinden.

Enteignung, diesmal jedoch des eigenen Körpers, ist Thema des deutschen Beitrages der Quainzaines des Réalisateurs-Reihe. Emily Atefs Film Das Fremde in mir punktet vor allem durch den Realismus seiner Darstellung eines psychopathologischen, trotz seiner Häufigkeit noch tabuisierten Dramas. Eine junge Frau wird durch die schmerzhafte Geburt und neue Rollenzuschreibung als ständig verantwortliche Mutter völlig überfordert. Ihre depressive Desorientierung steigert sich bis zu Tötungsfantasien ihrer Neugeburt. Erst als das Kind ihr wirklich genommen wird, beginnt sie langsam, in ihren Körper und zu ihren eigenen Gefühlen zurückzukehren. Die große Plausibilität ist gleichzeitig die einzige Schwäche des Werkes. Der hohe Grad der Vorhersehbarkeit schmeckt manchmal nach pädagogischem Lehrstück. Als solchem ist Atefs Werk allerdings große Verbreitung zu wünschen.

Enteignung auch am Ort, wo es am wenigsten erwartet wird. Die Kampfmaschine des Jahrhunderts, Mike Tyson, liefert sich in Tyson einem ungeschminkten Selbstporträt. Er beschreibt seine Jugend des erbarmungslosen Überlebenskampfes auf den Brooklyner Straßen, auf denen viele seiner Freunde ihr Leben ließen. Erst ein Coach flößt ihm das nötige Selbstvertrauen ein und hilft ihm, eine Art Identität zu entwickeln, baut ihn langsam auf zu der Präzisionskampfmaschine, die ihre Gegner oft bereits in der ersten Runde niederschlug. Doch Tysons zu zahlender Preis ist seine totale Abhängigkeit gegenüber diesem Mann. Er wird seinen eigenen Worten nach »zum Hund«. Seine Siegesserie wird erst unterbrochen durch die Anklagen seiner Ehefrau, die ihn vor laufender Kamera in einer Talkshow zum Monster degradiert, und die weitere der Vergewaltigung, die ihm drei Jahre Haft bringen wird. Im von Paranoikern beherrschten Gefängnis wird er in genau das Gewaltinferno seiner Jugend zurückkatapultiert, das er im Ring kämpfend für immer hinter sich lassen wollte. Gebrochen und paranoid kehrt er in die Freiheit zurück, erringt noch einmal durch eiserne Disziplin den Titel, bevor er die Zügel endgültig schweifen läßt und dem Kampfeswillen abspricht. Am Ende dieses bewegten Porträts erscheint ein Mann, der nichts anderes mehr wünscht, als ein guter Familienvater zu sein. Die Intensität von James Tobacks Porträt beruht vor allem auf dem Vertrauen, das er Tyson einflößen konnte, sich noch einmal in den Ring zu begeben. 2008-05-18 15:53

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