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61. Festival de Cannes

Cannes
14. – 25. Mai 2008
01

Kritische Ausleuchtung von Bilderwelten

Von Dieter Wieczorek Kritische Stimmen behaupten, das unvorhersehbarste an diesem Festival seien die Aktionen des Jurypräsidenten Sean Penn. Der massenmedienverachtende, solide anti-Bush orientierte Schauspieler und Filmemacher, der bereits 2002 gegen den bevorstehenden Krieg protestierte, und zwar im Irak, der 2005 während einer Iranreise als Journalist den Opfern des Hurrikans Katrina körperkräftige Hilfe leistete und der auch schon mal – allerdings in jungen Jahren – einen Fotographen verprügelte und dafür einsaß, liebt den roten Teppich kaum. Sein Betrag zum Thema »11. September«, in Cannes 2002 eingespielt in dem Episodenwerk 11’09’01, bestand darin, den erfreulichen Sonneneinfall und das plötzliche Aufblühen bedrohter Pflanzen in einem kleinen New Yorker Rentnerappartement anläßlich des Zusammensturzes der schattenwerfenden Twintowers ins Bild zu setzen.

Man wird mit Recht fragen dürfen, ob altbekannte Namen wie Egoyan, Soderbergh, Wenders, Eastwood oder die Dardenne-Brüder die besten Garanten sind, das zu leisten, nach dem das kinematographische und audiovisuelle Gelüst am meisten hechelt: konsistente, innovative Bildsprachen angesichts der noch gänzlich unausgeschöpften Mitteln der digitalen Filmtechnik. Eine Vielzahl der Diskussionen auch der Cannesfilmszene beschränkt sich, in Konsequenz dieser Mangelstelle, auf Thematisch-Narratives.

Angesichts der Manipulationsmacht der Films hinsichtlich von Wirklichkeitswahrnehmung und Geschichtskonstruktion bleibt allerdings die kritische Ausleuchtung der Bildwelten eine kulturelle Notwendigkeit ersten Grades. Die neue Pressepolitik Cannes, die zunehmend nur quantitative Bollermedien akkreditiert und die letzten Foren einer kritischen Debatte und Durchdringung der schönen Welten der beschaubaren Kinowelt, wie sie gerade in kleineren Foren statthat, ausgrenzt oder in unabsehbare Warteschlangen verbannt, widerspricht dem, was Cannes einst war und vielleicht auch noch sein will: Ort der Intervention und Provokation, vor allem aber der Innovation – Kriterien folglich, die der an Widererkennungswerten interessierten massenmedialen Perspektive gerade zuwiderlaufen. 2008-05-18 15:53

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