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Verzaubert 2008

19. Internationales Queer Filmfestival.
München, Frankfurt, Köln, Berlin, 2. – 23.4.08
Auch auf dem »Verzaubert«-Festival zu sehen: Gus van Sants Paranoid Park

Topographie des Verquerten

Von Christian Lailach Das »queer« im Filmfest klingt ja schon schief, sodaß du dir gar nicht auszumalen versuchst, was es da alles zu sehen gibt und blätterst schnell weiter. Einerseits zu Recht, wenn mit Coming-of-age grundsätzlich ein Coming-out daherkommt und das schwul/lesbisch/bi/trans-Sein von Narration und allen filmischen Künsten befreit ist. Der Vorwurf der Selbstausgrenzung wäre insofern sogar gerechtfertigt, gäbe es am anderen Ufer nicht auch Berge und Täler.

So findet sich im Programm von »Verzaubert« neben dem homophilen Unfug, dessen Existenz keinesfalls verschwiegen gehört, durchaus Gutes und gar das ein oder andere mehr, das – da sind sich auf einmal wieder alle gleich – auch in der schwulen Welt auf vergleichsweise wenig Gegenliebe stößt. Ganz vornan zwei Dokumentarfilme, die bereits international auf diversen Festivals auffielen. Wenn homosexuelle Iraner sich nach der Liberalität Afghanistans sehnen und aus religiös-politischen Gründen als letzten Ausweg sich ihres Geschlechts entsagen, kommt die westliche Welt nicht umhin, sich des Wertes ihrer Aufgeklärtheit bewußt zu werden. Tanaz Eshaghian schafft mit Be Like Others ein bewegendes wie nüchternes Zeitdokument. Da scheint die Entscheidung zwischen PACS (patto civile di solidarietà) und DICO (diritti e doveri delle persone stabilmente conviventi) völlig belanglos, sollte als eines der letzten Länder des westlichen Europas auch Italien in einem »Zivilvertrag der Solidarität« die »Rechte und Pflichten von Personen stabilen Zusammenlebens« gesetzlich fixieren. Gustav Hofer und Luca Ragazzi verfolgen in Suddenly, Last Winter alle und jeden, Katholiken des »Forum delle Famiglie« wie Linke unter Prodi, und enthüllen damit viel weniger das römische Kasperletheater als die Normalität ihrer eigenen Beziehung.

Fiktional ist sodann auch nicht alles Tüll. Jesper Ganslandt zeichnet in seinem Erstling Falkenberg Farewell eine rauh wie emotional geprägte, postpubertäre Orientierungslosigkeit schwedischer Käffer nach, die mit kühlen, groben Bildern und einem fast gelangweilten Rhythmus deinen eigenen kurzweilig ein wenig zu brechen vermag. Da kann Gus van Sant seinen Paranoid Park verschachteln und schön malen wie er will; das beherrscht er zwar, kommt damit aber über eine narrative Dürftigkeit nicht hinaus.

So träumst du nach einer Woche zwischen all dem achselzuckenden Multiplex-Personal doch das eine oder andere Mal von dem Festival-Schnickschnack mit Ankündigungen, Trailer und Diskussionen. Die abschließenden Worte über die in Köln, nicht so stark wie in München, aber doch auch, wie gesagt, in Köln gestiegenen Besucherzahlen und das übliche Danke-Danke lassen »Verzaubert« letztlich nur eine Filmwoche auf Reisen bleiben; wenn auch eine sehenswerte. Auf daß sich zum Schluß Ludivine Sagnier und Louis Garrel in Christophe Honorés Les chansons d'amour ganz wohlgestimmt durch ein unromantisches Paris singen und du noch ein wenig beseelt nach Hause schlenderst. 2008-04-27 12:00
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