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Kurzfilmfestival cellu l'art 2008

Jena
17. – 20. April 2008
El hombre feliz von Lucina Gil

Glückliche Menschen

Von Daniel Bickermann Was das deutsche Studentenkurzfilmschaffen zu bieten hat, ist ebenso vielfältig wie wechselhaft. Einige Beiträge lassen durchaus verstehen, warum deutsche Filmhochschulen den Studentenfilm-Oscar lange Jahre praktisch im Abo hatten, andere dagegen sollten als mißglückte Semesterübungen zurück an den Empfänger gehen.

Das anspruchsvoll betitelte cellu l’art Kurzfilmfestival in Jena, das nun schon in sein neuntes Jahr marschierte, zeigt Jahr für Jahr einen repräsentativen Überblick über Höhen wie Niederungen des deutschen Studentenkurzfilmschaffens und ist damit schon allein als Lackmustest der neuen Generation deutscher Filmemacher von großem Interesse. Daß dabei viele Abschlußfilme eingereicht wurden, deren Regisseure sich derzeit an Langfilmdebüts versuchen dürfen, sorgte dann zwar für viele Abwesenheitsvermerke bei der Preisverleihung, spricht dafür aber umso deutlicher für die Qualität der gezeigten Produktionen. Das zahlreich erscheinende, selbst hauptsächlich studentische Publikum im altehrwürdigen, aber bedrohten Capitol-Kino in Jena jedenfalls bekam einen interessanten Jahrgang geboten.

Ausschlaggebend war dabei nicht immer der hohe Produktionswert: Obwohl mit Julia Schwarz’ Nachts das Leben ein perfekt ausgestattetes und grandios gespieltes Kurzdrama völlig zurecht den Hauptpreis gewann, enttäuschten gerade die professionell gespielten und oft auch geförderten Filme wie Gray Hawk von Linus de Paoli trotz allen Schauwerts oft durch Einfallslosigkeit und vorhersehbare Klischees. Dieses Jahr waren es eher die kürzeren, unfertiger wirkenden Filme, die wirkliches Potential zur Originalität zeigten.

Vor allem aber zeichnete sich ein Trend zum kleinen Glück ab, der endlich aus der immer wieder gern genommenen Sozialtristesse des deutschen Langfilmschaffens der letzten Jahre auszubrechen scheint: In der Kurzdoku Das kleine Leben porträtiert Benjamin Entrup die Bewohner einer Plattenbausiedlung keineswegs als zusammengepferchte Lebensverlierer, sondern nimmt sie trotz oder gerade wegen ihrer erschreckenden Mittelmäßigkeit so ernst, als wären ihre Geschichten die spektakulärsten oder kontroversesten Abenteuer. So findet Entrup in den manchmal geradezu albern einfachen Antworten (»Mein schönster Tag war die Geburt meines Kindes, mein schlimmster Tag war der Tod meiner Mutter«) große Poesie und Wahrheit. Man wird bei dem strahlenden Russen, der voller Glück erzählt, daß er nach seinem Besuch bei einem wirklichen Fußball-WM-Spiel jetzt glücklich sterben könnte, vor allem gerührt, die Reflexion über die einfachen Dinge im Leben kommt später.

In die gleiche Kerbe des Glücks im Kleinen schlug neben Katrin Gebbes beschwingter, wortloser Feier eines erfüllten Lebens (Einladung) auch der grandiose spanische Beitrag El hombre feliz, der in pseudodokumentarischer Manier ein internationales Forscherteam auf die Spur eines Madrilenen schickt, der angeblich ohne Ruhm, ohne Haus auf Mallorca oder einen bestimmten Geländewagen mit Klimaanlage glücklich zu sein vorgibt. Ein Simulant? Ein Freak? Je mehr sich die Forscher in das Mysteriums des glücklichen Mannes eingraben, desto größer wird auch das Amüsement und Glücksgefühl des Publikums.

Überhaupt machte das starke spanische Programm mit Beiträgen aus der Filmhochschule Madrid Mut für die Zukunft: Die Madrilenen gingen zwar ohne Preise nach Hause, brachten aber trotzdem frischen Wind ins Festival– und die Hoffnung, noch mehr hochwertige internationale Beiträge in den Wettbewerb locken zu können. So vielversprechend manche der deutschen Einreichungen auch waren: Für das Publikum würde sich ein Blick über den Tellerrand sicher auch lohnen. 2008-04-28 14:42
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