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Britspotting 2008

Britspotting British & Irish Film Festival, Berlin
10. – 16. April 2008
Bald auch in deutschen Kinos: Brügge sehen … und sterben?

Traditionsbrüche mit Tradition

Von Ekaterina Vassilieva Das Interesse am britischen und irischen Kino ist immer groß. Die deutschen Filmverleiher vermögen es freilich nur begrenzt zu stillen, deshalb bleibt das jährliche Filmfest Britspotting ein bemerkenswertes Ereignis und oft eine einzigartige Gelegenheit, die Produktionen jenseits des regulären Verleihprogramms wahrzunehmen. Am meisten hat man von dieser Schau also, nicht wenn man direkt auf die publikumswirksamen Filme zusteuert, die ohnehin bald in den Kinos laufen werden (etwa Brügge sehen … und sterben? von Martin McDonagh), sondern bewußt experimentelle und ästhetisch weniger gefällige Beiträge raussucht.

Schon der Eröffnungsfilm The Escapist von Rupert Wyatt verlangt seinem Publikum einiges ab. Die Darstellung des Gefängnisalltages pendelt bei Wyatt zwischen Realismus und Groteske, Exploitation und Psychodrama, atemberaubenden Actionsequenzen und ermüdenden Wiederholungen des immergleichen. Der Zustand des Eingesperrtseins wird im Film durch die andauernde Spannung veranschaulicht, die wider Erwarten die Handlung nicht vorwärtsbringt, sondern stagnieren läßt. Desto spürbarer wird der Wunsch der Insassen nach Ausbruch, in dem schließlich Auflösung und Erlösung zusammenfallen sollen. Ein anderer Film, der ebenfalls eher auf Atmosphäre als auf stringente Handlung setzt, ist das Debütwerk von Joanna Hogg Unrelated. Der scheinbar beliebige Ausschnitt aus dem Leben einer Mittvierzigerin, die ihren Urlaub mit Freunden in der Toskana verbringt, übertrifft bezüglich der Ereignislosigkeit sogar den Altmeister Eric Rohmer, der sich vielleicht ein ähnliches Sujet vornehmen könnte. Und wenn ein Ereignis plötzlich möglich erscheint, macht Hogg rechtzeitig einen Rückzieher, so daß ihre Figuren doch keine Möglichkeit bekommen, aus ihrem ritualisierten Alltag rauszufallen.

Ganz anderes sieht es in einem anderen Debüt aus, Jetsam von Simon Welsford, das vom Anfang bis zum Ende einen Ausnahmezustand abbildet. Eine Frau, gedächtnislos auf ein Ufer gespült, muß ihrem Verfolger entkommen und gleichzeitig aus den Erinnerungsfetzen die Vorgeschichte rekonstruieren. Auch beim Zuschauer werden einige Erinnerungen wach: Jetsam könnte das Ergebnis sein, wenn David Lynch Das Leben der Anderen mit dem Budget von Nekromantik drehen würde. Doch paradoxerweise funktioniert diese krude Mischung vielleicht gerade aufgrund ihrer Kühnheit und der Konsequenz, mit der Simon Welsford eigene Visionen umsetzt, ohne die schöpferischen Kräfte im verbitterten Kampf um die Originalität zu verlieren.

Der Dokumentarfilm In Prison My Whole Life beeindruckt ebenfalls nicht mit origineller ästhetischer Umsetzung, sondern vor allem mit seinem Thema. Der Film beschäftigt sich mit dem Fall von Mumia Abu-Jamal, der in den USA wegen eines Mordes an einem Polizisten angeklagt wurde und über 25 Jahre im Todestrakt verbracht hat, was genau der Lebenszeit des Regisseurs Marc Evans entspricht. Die animierte Nachstellung der Schußfolge am Tatort und die minutiöse Vorführung der Beweise zugunsten von Abu-Jamal, der weiter für seine Freilassung kämpft, ist noch der am wenigsten interessante Teil der Dokumentation. Viel spannender ist die Darstellung der Hintergründe der Tat, die im Zusammenhang mit der Geschichte der Ausgrenzung der schwarzen Bevölkerung in Philadelphia betrachtet werden soll. Man könnte die weitgehende Vorenthaltung der Gegenargumente dem Film auch zum Vorwurf machen, doch es müßte bedacht werden, daß Marc Evans hier denjenigen Stimmen den Vorzug gibt, die im öffentlichen und politischen Diskurs nur wenig Artikulationsmöglichkeiten haben.

Wer es aber nicht ertragen kann, anderthalb Stunden mit einem und demselben Thema konfrontiert zu werden, sollte während des Festivals die Gelegenheit zu abwechselungsreichen Kinoabenden nutzen, die mit mehreren Kurzfilmprogrammen durchaus gegeben war. Obwohl nach Schwerpunkten sortiert, sind die Kurzbeiträge so vielfältig geblieben, daß die Stimmung innerhalb eines Screenings garantiert mehrmals umschlug und zum harten »sozialen Realismus« sich problemlos eine mit britischem Humor angereicherte Verwechslungskomödie gesellte. Bei Britspotting gab es dieses Jahr also viel zu sehen und auch viel zu diskutieren, was unter anderem die lebhaften Gesprächsrunden mit extra dafür angetroffenen Filmemachern belegen. Und wenn eine Veranstaltung vorbei war, wurden die Diskussionen oft ins Filmcafé verlegt, wo beim Bier oder – ganz traditionsbewußt – beim englischen Tee weiter gestritten werden durfte.

Das Filmprogramm der Berliner Ausgabe von Britspotting wird vom 24.-27. April in Köln und vom 1.-7. Mai in Stuttgart wiederholt. 2008-04-21 13:11
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