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Berlinale 2008

Berlin
7. - 12. Februar 2007
Jesus liebt dich von Lilian Franck, Michaela Kirst, Robert Cibis, Matthias Luthardt

Und er dreht sich doch

Von Kyra Scheurer Der deutsche Film auf der Berlinale: In den letzten Jahren war das eine echte Erfolgsgeschichte – aber 2008? Wo war er bloß? Wir haben ihn gefunden, man mußte nur ganz genau hinschauen…

Das Erstaunliche am deutschen Film auf der Berlinale 2008 war seine Wahrnehmung durch anwesende Journalisten und Filmschaffende. Der deutsche Spielfilm fand quasi nicht statt. So sehr hat man sich an eine Überpräsenz heimischer Produktionen im Lande Kosslick gewöhnt, daß »unter vier deutsche Wettbewerbsbeiträge« auch »unterhalb der Wahrnehmungsgrenze« zu bedeuten schien. Und irgendwie stimmt es ja auch: Soll man wirklich zugeben, bei Hanami geweint zu haben? Einem Dörrie-Film? Daß man Elmar Wepper heimlich den Silbernen Bären wünschte, obwohl Willem Defoe und Daniel Day-Lewis im Rennen waren? Geht nicht. Und wie soll man einen gelungenen Film wie Chiko besprechen und einräumen, daß man sich vor lauter Fixierung auf den Produzenten Fatih Akin nicht einmal den Namen des Regisseurs gemerkt hat? Also auf die internationalen Koproduktionen verweisen, in denen deutsche Partner immer selbstverständlicher präsent und prägend sind, wie etwa beim serbisch-deutschen Panorama-Hingucker Love and Other Crimes? Nach dem Oscar für Die Fälscher ist dieser Aspekt wahrlich ausgiebig genug medial verwurstet worden. Oder doch wieder die Perspektive deutsches Kino porträtieren?

2008 eher langweiliger Fußball statt ganz großes Tennis: Köln gegen Berlin. Die Hälfte der zwölf Sektionsfilme von KHM und ifs, die Regisseure mehrheitlich in Berlin angesiedelt – genau wie die drei allesamt äußerst interessanten Dokumentarfilme dieser Sektion, Football Under Cover, Jesus liebt Dich und Drifter. Aha – der Dokumentarfilm. Auch in der Gesamtschau deutscher Berlinale-Beiträge ist dieser Klassiker der Festival-Berichterstattung, das Loblied auf den deutschen Dokumentarfilm, sehr ergiebig: -Bemerkenswert ist zunächst, wie viele der Dokumentarfilme ihr Sujet in der Vergangenheit finden. Mit Auge in Auge – Eine deutsche Filmgeschichte und Gegenschuß – Aufbruch der Filmemacher widmen sich gleich zwei Beiträge der Filmhistorie bzw. den Protagonisten der Autorenfilmbewegung, und auch in Jesus Christus Erlöser erinnert die Bühnenpräsenz und künstlerische Leidenschaft von Klaus Kinski an einiges, das dem fiktionalen Film hierzulande gegenwärtig abgeht. Den »Blick zurück nach vorn« richtet mit Sag mir, wo die Schönen sind auch ein weiterer Panorama-Dokumentarfilm: Ehemalige Teilnehmerinnen der Wahl zur Miss Leipzig, seinerzeit von einem Fotographen interviewt und in Szene gesetzt, werden mit ihren damaligen Träumen konfrontiert und in ihrer heutigen Lebensgestaltung begleitet. Hier erlebt man Zeitgeschichte hautnah, und auch wenn »weniger Protagonistinnen« sicher mehr gewesen wäre, gelingt eine sensible und facettenreiche Annäherung an die Lebensrealität völlig verschiedener Frauen.

Zudem bietet der Film eine interessante Verbindung von Film- und Fotokunst, die in ganz anderer Form und anhand nur eines Protagonisten auch die deutsche Dokumentarentdeckung des Forums, If One Thing Matters – A Film About Wolfgang Tillmans, prägt: Der deutsche, heute in London lebende Tillmans avancierte nicht zuletzt durch die Auszeichnung mit dem Turner Preis 2000 endgültig zu einem der bekanntesten Fotographen der Welt. Vier Jahre hat Heiko Kalmbach ihn mit der Kamera begleitet und sich dabei auf die tägliche Arbeit des vielseitig kreativen Künstlers konzentriert. Auch sich selbst inszeniert Tillmans routiniert, und genau hier ist eine wichtige Frage nur ambivalent zu beantworten: die nach der Urheberschaft des Dokumentarfilms selbst. Doch auch wenn der unübersehbaren Eitelkeit des Protagonisten wenig kritisches Hinterfragen entgegengesetzt wird und der Regisseur in allen Belangen »Gefolgsmann« zu bleiben scheint: eindrucksvolle und nahe Momente finden sich mehr als die ebenfalls vorhandenen austauschbaren Interview-Spaziergänge entlang der Themse. Wenn Tillmans etwa beim Aufbau einer Installation pampig auf eine »Kunstkennerin« reagiert, liegen Sympathie und subtile Irritation im Filmerleben erstaunlich nah beieinander. Vor allem im Gedächtnis bleiben wird aber das Entsetzen bei der Sichtung von DV-Footage für die Pet Shop Boys und die Zufälligkeit, mit der nach »Kompositionsversuchen« mit Pflanzen Mäuse zu den Hauptfiguren des legendären Videos werden.

Weniger zufällig scheint rückwirkend, daß der deutsche Spielfilm im Gegensatz zu seinem realitätsnahen Bruder bei der diesjährigen Berlinale ebenso unbemerkt blieb wie die zu Kalmbachs Filmvorführung inkognito angereisten Pet Shop Boys. 2008-04-07 10:18

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