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Querschnitt. Von der Berlinale 2008

Berlin, 7. – 12.2.08

Die Querschritt-Kritikergruppe und Schnitt-Autoren berichten täglich von den Ereignissen, Stimmungen, Kuriositäten und natürlich Filmen der 58. Internationalen Filmfestspiele Berlin.
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Patti Smith: Dream of Life

USA 2007, Regie: Steven Sebring

Von Sarah Sander
Die Stimme ist eine Verdoppelung der Person. Repräsentant des Selbst. Manchen gilt sie als Ausdruck der Persönlichkeit, anderen als Abdruck der Seele. Intonation und Tonlage werden als Seismograph von Stimmungen gelesen, als Anzeichen für Intentionen. Doch die Stimme kehrt nicht nur Inneres nach außen, sie verleibt sich auch Äußeres ein. Erzählungen verdoppeln die Welt. In Dream of Life erzählt eine Stimme ein Leben. Eckdaten zum Einstieg. Reduziert auf Jahreszahlen, Wohnorte und geliebte Menschen bildet diese verknappte Version eines Lebens den Rahmen für ein intimes Portrait. Ein ……


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Loos ornamental

Deutschland 2006, Regie: Heinz Emigholz

Von Friederike Horstmann
Heinz Emigholz hat einen Architekturfilm gemacht. Der Film zeigt Bauwerke des österreichischen Architekten Adolf Loos (1870-1933). »Der Vater von Adolf Loos war Steinmetz in Brünn. Dies sind Steine aus seiner Werkstatt. Das Geburtshaus von Adolf Loos existiert nicht mehr. Es stand einmal an dieser Stelle. Heute erheben sich hier die vierzehn Stockwerke des Hotels Continental.« Dies ist der einzig gesprochene Kommentar am Anfang des Films.

Chronologisch werden 27 Bauwerke gezeigt. Zwischentitel kündigen das jeweilige Gebäude, seine Errichtung, seinen Standort und den Zeitpunkt des Drehens ……


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Berlinale Talent Campus: Eine Kostprobe

Von Jens Müller
Das »Hebbel am Ufer – HAU« ist das erste Off-Theater, das es in der Zeitschrift »Theater heute« zum Theater des Jahres gebracht hat. Es steht für Aufbruchstimmung, neue Formen und Kreuzberger Multikulti-Attitüde. Einen passenderen Veranstaltungsort als die drei Spielstätten des HAU hätte es für den sechsten Talent Campus der Berlinale also kaum geben können: eine einwöchige Akademie für den internationalen Filmnachwuchs – mit Vorträgen, Diskussionsrunden, Workshops, Projekten und Wettbewerben. Unter dem Motto »SCREENING EMOTIONS – Cinema’s Finest Asset« waren in diesem Jahr ……


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Sweet Food City

VR China, 2008, Regie: Gao Wendong

Von Elena Meilicke
Einst rühmte sich Berlin, mit dem Potsdamer Platz die »größte Baustelle Europas« vorweisen zu können. Ein seltsames Lob. Heute ist der Platz schon lange fertig, und während der Berlinale wirkt er sogar ein bißchen urban. Eben jene Berlinale aber regt zu Gedankenspielen an: Was wäre, wenn der Potsdamer Platz auf einmal verlassen würde, wenn Investoren, Konzerne und Ladeninhaber sich entschlössen, woanders hinzuziehen, ein paar Kilometer westwärts meinetwegen? Würde Unkraut zwischen den Ritzen der Bodenplatten im Sony Center sprießen, sich ausbreiten und die riesige Kreuzung wieder ……


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Arumdabda – Beautiful

Südkorea 2008, Regie: Juhn Jaihong

Von Julian Bauer
Arumdabda ist dick aufgetragen auf glatter Fläche. Da gibt es Oberflächenmusik und Schönheit ohne Sprung: In der Hauptdarstellerin, in den Bildern. Die Frau, die Blume. Die Frau, die alleine wohnt, nie arbeitet und der das Geld erst ausgeht, als sie sich dick fressen will. Die Frau, ein Zierfisch, den man aus dem Glas lassen sollte. Die Frau, die hilflose Schöne, umringt von dauergeilen Männern, den bedrohlichen Witzen. Hier ist der Mann dumm, aber eben auch gefährlich. Gefährlich, weil er die Macht hat, sich zu nehmen, was er haben will. In diesem Fall ist es der Körper der allerschönsten ……


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The Exiles

USA 1961, Regie: Kent Mackenzie

Von Sarah Sander
Film ist als Produkt materieller, sozialer und kultureller Umstände immer auch ein Archiv, ein Zeitdokument. The Exiles ist zwischen 1957 und 1960 entstanden und bewahrt in seinen Bildern ein L.A., das es heute so nicht mehr gibt: Autos, Tanksäulen, Kleider und Hüte, wie sie Nachgeborene nur aus anderen Filmen oder von Fotos kennen können. Die Leuchtreklamen, Bars und Betrunkenen auf der 3rd Street sind Hochhäusern und Malls gewichen, der gleichnamige Tunnel, der im Film immer wieder durchlaufen wird, ist inzwischen eine Brücke, und die Angels Flight Railway, die eine weibliche Protagonistin ……


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Die Regeln des Kinos immer wieder neu brechen

Von Eva-Maria Träger
Ein guter Filmproduzent produziert gute Unterhaltung. Daß das nicht nur für die Leinwand gelten muß, legt das Gespräch zwischen den Produzenten Sandy Lieberson und Iain Smith nahe, zu dem der Berlinale Talent Campus ins HAU 2 eingeladen hatte. »Two Producers Sharing Their Secrets« lautete der Titel der Veranstaltung – ein über zwei Stunden dauernder Blick auf die Arbeit hinter den großen Filmen, der sich für die etwa zweihundert anwesenden Filmbegeisterten mehr als gelohnt hat.

Die beiden ergrauten Herren auf dem Podium hatten sichtlich Spaß an ihrem Auftritt. Sandy Lieberson, der ……


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La frontera infinita - The infinite border

Mexiko 2007, Regie: Juan Manuel Sepúlveda

Von Rebekka Hufendiek
La frontera infinita beginnt mit einem langen Schwenk. Irgendwo in der Wüste wird ein endloser Blechzaun errichtet, trennt blauen Himmel von gelbem Sand. Aber in der Mitte fehlen noch Bauteile, man kann noch hindurchschauen, man könnte auch hindurchklettern, man kann es sich zumindest vorstellen, während die Kamera am Zaun entlang fährt.

(Es war einmal)…
Aus den verschiedensten Ländern des Nordens Lateinamerikas strömen Flüchtlinge gen Mexiko und durch Mexiko hindurch in Richtung USA. Die Visualisierung dieser Bewegung gibt dem Film eine gewisse Linearität. Die Bewegung wird aber ……


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…dann leben sie noch heute. Die Kinder von Golzow. Das Ende der unendlichen Geschichte.

Deutschland 2008, Regie: Winfried und Barbara Junge

Von Elena Meilicke
1961 filmt Winfried Junge zum ersten Mal eine Schulklasse im Dorf Golzow im brandenburgischen Oderbruch. Immer wieder besucht er diese Kinder im Laufe der Jahre, sieht ihnen beim Aufwachsen zu, filmt die Familien, die sie gründen, folgt den Kindern der Kinder von Golzow. Jetzt haben Winfried und Barbara Junge den letzten Golzow-Film gedreht; das Ende der unendlichen Geschichte, wie es im Untertitel heißt.

In diesem letzten Golzow-Film geht es zum Beispiel um Karin, einst Schweinemagd in der LPG, nach der Wende Altenpflegerin in Wuppertal. Es geht um Gudrun, groß, blond, mit herbem Gesicht ……


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Auge in Auge – eine deutsche Filmgeschichte

Deutschland 2007, Regie: Hans Helmut Prinzler, Michael Althen

Von Friederike Horstmann
Geworfen – Blicke auf eine deutsche Filmgeschichte. Blicke von zehn Regisseuren, Drehbuchautoren, Schauspielern. Einer Leinwand gegenüber sitzend beschreiben sie ihre Filmmomente, Lieblingsfilme: Wenn der Scherenschattenriß des Grafen Orlok in Nosferatu die Treppe aufwärts schreitet, Maria Braun, wenn ihr Hermann nicht mehr heimgekehrt aus dem Krieg, rückenansichtig am Waschbecken, die Kamera gleitet hinunter, an ihrer herabhängenden Hand rinnt Wasser – Tränen gleich hinab, wenn Sonntagsmenschen sich mit ihren Schritten umkreisen, umgaren – eine Choreographie des Kennenlernens, wenn ……


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Rusalka – Mermaid

Russische Föderation 2007, Regie: Anna Melikian

Von Sarah Sander
Die Kamera schwenkt hin und her wie bei hohem Seegang. Fische schwappen durchs Bild – hin und her, hin und her. Da verwandelt sich die Aquarium-Animation in einen wippenden Hintern, der zum Kleid des dicken Mädchens wird, als diese es auszieht, um alleine, nackt, baden zu gehen. Sie schwimmt und taucht alleine, nackt, im Meer, bis ein Matrose kommt und sie zur Mutter macht. So verwandelt sich das dicke Mädchen in die Mutter von Alisa, von der die Geschichte handeln soll…

Wie Seemannsgarn ziehen sich solche Motivketten durch Rusalka, den russischen Panorama-Beitrag, der die Reihe eröffnet. ……


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My Winnipeg

Kanada 2007, Regie: Guy Maddin

Von Julian Bauer
Ein Guy Maddin fährt mit dem Traumzug durch sein Winnipeg. Der Traumzug ist eine Dampflok, ist eine Apparatur des Filmes. Durch die Fenster sehen wir ein umrauchtes Winnipeg, sehen wir die Stadt wie auf einer Filmleinwand. Der Traumzug als Projektor und Kamera zugleich, der so auch mühelos in ein Taxi schlüpfen kann, um durch Guy Maddins Heimatstadt zur Winterzeit zu fahren. Denn wenn es schneit, sagt der Erzähler, geht alles.

Dann rutscht man mit dem Auto bei rot über die Ampel und die Polizei läßt es durchgehen. Winnipeg, sagt der Erzähler, ist die Stadt der Palimpseste, und deutet ……


01

Shahida – Brides of Allah

Israel 2008, Regie: Natalie Assouline

Von Rebekka Hufendiek
Es paßt eine Menge gespaltenes Bewußtsein in eine einzelne Einstellung. Nachdem sie bei einem Haushaltsunfall schwere Verbrennungen erlitten habe, erzählt Waffa, sei sie in ein israelisches Krankenhaus eingeliefert worden, wo sie ein halbes Jahr gut behandelt worden wäre. Aber, fragt die Interviewende, ob es nicht eben jenes Krankenhaus gewesen sei, in dem sie sich kurz darauf in die Luft sprengen wollte. Ja genau. Und es folgt eine detaillierte Beschreibung ihrer Tat. Unter dem Kopftuch meint man währenddessen einen überdrehten Teenager zu erkennen; wie komisch sie mit dem schweren Sprengstoffgürtel ……

© 2012, Schnitt Online

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